Schottland

Hoch im Norden

Hoch oben im Nordosten Schottlands liegt Aberdeen. Aufgrund des überall verbauten Granits erhielt die mit rund 200.000 Einwohnern drittgrößte Stadt des Landes schnell den Beinamen »Granite City«. An sonnigen Tagen verleiht dies der Hafenstadt einen gewissen Charme, an grauen Tagen jedoch wirkt es wie in einem Schwarz-Weiß-Film.

Aberdeen gilt als eines der europäischen Zentren für Fischfang und die Ölindustrie, und mit dem 1452 gegründeten King’s College ist sie eine der ältesten Universitätsstädte Schottlands. Die Menschen hier sind steten Wandel sowie Zuwanderung gewohnt.

migration Und weil Migration oftmals mit religiöser Vielfalt verbunden ist, gibt es in Aberdeen neben verschiedenen christlichen Gemeinden auch muslimische und hinduistische Bethäuser sowie mitten in der Stadt eine kleine jüdische Gemeinde, der zurzeit rund 250 Mitglieder angehören.

Die Gemeinde profitiert vom Zuzug von Studenten, vor allem aus Israel.

Jüdisch zu sein heißt in Aberdeen, wie in vielen anderen Orten Europas, vor allem eines: Kompromisse einzugehen. Man steht im Schatten der beiden größeren Gemeinden des Landes in Glasgow (4000 Mitglieder) und Edinburgh (1000 Mitglieder) und bezieht koschere Lebensmittel von dort.

Auch einen eigenen Rabbiner gibt es in Aberdeen nicht – wenn einer gebraucht wird, holt man ihn aus einer anderen Stadt. Doch viele, die die Gemeinde besuchen, staunen darüber, dass es so weit im Norden Schottlands überhaupt jüdisches Leben gibt.

CORONA Der Beginn der Corona-Pandemie vor mehr als einem Jahr hat auch den Alltag der Juden in Aberdeen verändert. Gemeindepräsident Mark Taylor berichtet von den zahlreichen Hürden, welche die Pandemie mit sich brachte. So durfte sich an den Hohen Feiertagen im vergangenen Herbst unter strengsten Hygienebestimmungen in der kleinen Synagoge nur ein Minjan versammeln, der die Gemeinde als Ganzes repräsentierte.

Purim konnte man Ende Februar nur digital feiern, und auch den gemeinsamen Sederabend erlebte die Gemeinde erneut nur per Zoom. Dies wurde für manche älteren Mitglieder zum Problem, denn manche hatten bis dahin noch keinen Zugang zu Online-Plattformen.

Die Altersspanne der Mitglieder reicht vom Kindergarten- bis zum Rentenalter. Und obwohl die Gemeinde orthodox geprägt ist, heiße man natürlich alle willkommen, denn ein Ausschluss von Reformjuden würde die Gemeinde noch mehr verkleinern, so Taylor. Seit einigen Jahren profitiere die Gemeinde auch vom Zuzug von Studenten, vor allem aus Israel.

studenten Schon früher wurde die Gemeinde durch Studenten aus dem Ausland geprägt. Der erste jüdische Student am King’s College war 1730 Jacob de Castro Sarmento. Nach ihm kamen zahlreiche junge Männer aus Deutschland und New York, denn anders als Hochschulen in England forderten schottische Universitäten bei der Aufnahme des Studiums keinen christlichen Eid.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert nahm die Gemeinde durch die Einwanderung ostmitteleuropäischer Juden stetig zu. Auch etliche jüdische Deutsche und Österreicher ließen sich in Aberdeen nieder. Manche kamen im Rahmen der sogenannten Kindertransporte. So wurde Aberdeen als Stadt Zeugin für die Erfahrung deutscher Juden während des Zweiten Weltkriegs. Der Philosoph und Rabbiner Emil Fackenheim (1916–2003) beendete hier sein Studium, und der anthroposophische Kinderarzt und Heilpädagoge Karl König (1902–1966) eröffnete in der Stadt eine der ersten Institutionen für pflegebedürftige Kinder.

Die Erfahrung der deutsch-jüdischen Exilanten ist jedoch kaum erforscht, obwohl die einstigen Gemeinderabbiner Gustav Pfingst (1900–1957) und Harry Jacobi (1925–2019) nach ihrer Flucht das jüdische Gemeindewesen in Aberdeen und in ganz Schottland stark geprägt haben.

rabbiner Nach Jacobis Tod hat die Gemeinde keinen neuen Rabbiner eingestellt. Der Religionsunterricht für die Kinder und Jugendlichen findet seitdem nicht mehr regelmäßig statt.

Ein weiteres Problem stellt das Synagogengebäude dar, ein jahrhundertaltes, unter Denkmalschutz stehendes Townhouse. Es ist baufällig und inzwischen zu klein. Ein wetterbedingter Wasserschaden hatte vor Jahren die Frauenempore zerstört.

Die Synagoge ist baufällig und inzwischen viel zu klein.

Doch aus eigener Kraft kann die Gemeinde die Reparatur oder gar eine Erweiterung nicht stemmen, sie ist auf Spenden angewiesen. Eine wichtige Einnahmequelle waren jahrelang regelmäßige Fundraising-Events. Doch die sind seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr möglich.

Gemeindechef Taylor und seine Mitstreiter suchen ständig nach neuen Finanzquellen. So wollen sie Ende des Jahres ein schottisch-jüdisches Kochbuch herausgeben, um wieder etwas Geld einzunehmen. Sie alle glauben ganz fest daran, dass das jüdische Leben im Norden Schottlands weitergeht.

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