New York

Historische Debatte in der UNO

»Der Antisemitismus ist so etwas wie die vorderste Frontlinie« im Kampf um die Menschlichkeit, sagte Bernard-Henri Lévy. Foto: dpa

Es ist in der Geschichte des Abendlandes nicht oft vorgekommen, dass sich Staatsmänner des platonischen Aufrufs besonnen haben, auf Philosophen zu hören.

Die Vereinten Nationen in New York haben sich am Donnerstag auf dieses Gebiet vorgewagt, aus Ratlosigkeit wohl und aus dem Gefühl heraus, dass in einer dringlichen Lage nur noch eine philosophische Perspektive die Dinge vorantreiben kann.

Der Philosoph in Frage war der streitbare Franzose Bernard-Henri Lévy, denn das Debatten-Thema in der UNO-Vollversammlung war eines, zu dem sich Lévy in den vergangenen Monaten immer wieder mit Dringlichkeit geäußert hatte.

Paris Es ging um das alarmierende Wiederaufleben des Antisemitismus in Europa, aber auch anderswo auf der Welt, zuletzt in grausamer Deutlichkeit sichtbar bei dem Attentat auf einen koscheren Supermarkt in Paris, bei dem vier Menschen ums Leben kamen.

Lévy war Hauptredner einer historischen Debatte der UNO-Vollversammlung, der ersten Sitzung zum Thema in der 70-jährigen Geschichte der Organisation. Zum ersten Mal seit 1945 sah sich die Weltregierung genötigt, den Antisemitismus als globales Problem anzusprechen – ein Problem, dessen Wiederkehr man mit Gründung der UNO unter anderem hatte verhindern wollen. Und Lévy wurde der Bedeutung der Stunde gerecht, mit einer leidenschaftlichen Rede, die in einer knappen halben Stunde nicht nur einen breiten Kontext für den neuen Antisemitismus bereitstellte, sondern den Mächtigen der Welt auch ein konkretes Handlungsinstrumentarium zu dessen Bekämpfung an die Hand gab.

Religion Lévy sprach von den historischen Antisemitismen, die, wie er sagte, durch den Holocaust im Großen und Ganzen diskreditiert und entkräftet worden seien. Er sprach vom christlichen Judenhass, der die Juden für den Tod Christi verantwortlich machte, er sprach vom Antisemitismus der Aufklärung, der jegliche Religion loswerden wollte. Und er sprach vom dumpfen, pseudo-sozialistischen Antisemitismus, der Juden eine plutokratische Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft unterstellte.

Weil man nach 1945 all dies nicht mehr sagen konnte, so Lévy, habe sich der neue Antisemitismus nun andere Rechtfertigungen gesucht. Die Judenfeindlichkeit, so Lévy, ruhe auf drei Pfeilern: dem Antizionismus, der Leugnung des Holocausts sowie dem dummen Spiel des vergleichenden Leidens, das Juden vorwirft, das historische Unrecht, das ihnen geschehen ist, und das Andenken an ihre Toten skrupellos für Machtinteressen auszunutzen.

Das alles ergebe einen »atomaren moralischen Mix«, dem die Anführer der Welt entschlossen entgegentreten müssten. Das, so Lévy, ginge nur mit einer kompromisslosen Anerkennung der Grenzen Israels von 1948 sowie der Adaption des bedingungslosen Kampfes gegen den Antisemitismus als universelle humanistische Verpflichtung.

»Der Antisemitismus«, sagte Lévy, »ist so etwas wie die vorderste Frontlinie« im Kampf um die Menschlichkeit. Wo ein Jude falle, so Lévy, fallen wir alle. Nur wer die Erinnerung an den Holocaust lebendig halte, habe auch das nötige Mitgefühl für das Leiden in Burundi, Ruanda, im Kongo oder auch in Palästina.

Menschenrechte Viele der Redner, die Bernard-Henri Lévy folgten, schlossen sich dieser Argumentation an. Der deutsche Staatsminister Michael Roth nannte den Antisemitismus ein »Gift für den gemeinsamen Traum einer friedvollen Menschheit«, jenem Traum, welcher der UN zugrunde liege.

Der israelische UN-Botschafter Ron Prosor betonte, dass »Judenhass niemals mit den Juden ende«. Die UN-Botschafterin der USA, Samantha Powers, sagte, »wenn die Menschenrechte von Juden bedroht sind, dann sind andere religiöse und ethnische Gruppen meist nicht weit hinterher.«

Es war eine starke Demonstration der zivilisierten Welt gegen den Antisemitismus am East River, eine eindrucksvolle Solidarisierung der Staatengemeinschaft gegen die Menschheitsgeißel des Judenhasses. Wie nachhaltig die Bekundung der guten Absichten durch die Staatenvertreter in der alltäglichen Bekämpfung des Antisemitismus tatsächlich fortwirkt, bleibt indes abzuwarten.

Zweifel daran, wie hoch die Priorität für die Mitgliedsländer, gemeinsam gegen den Antisemitismus vorzugehen, ist, ist alleine schon deshalb angebracht, weil anders als bei der Demonstration in Paris in der vergangenen Woche keine Staatsoberhäupter anwesend waren. Man überließ stattdessen das Feld den Botschaftern und Philosophen. So kann man nur hoffen, dass die Mächtigen der Welt Herrn Lévy zumindest gründlich zugehört haben.

Großbritannien

Wegen Hamas-Lob: Polizei nimmt Ärztin zum fünften Mal fest

Immer wieder machte die britisch-palästinensische Medizinerin Rahmeh Aladwan mit antisemitischer Hetze von sich reden. Jetzt wurde sie erneut verhaftet

 27.03.2026

Krieg gegen Iran

USA könnten Abfangraketen für die Ukraine nach Nahost umleiten

Schicken die USA für die Ukraine vorgesehene Rüstungsgüter in den Nahen Osten? Ein Bericht der »Washington Post« sorgt Aufsehen - vor allem, weil eine Nato-Initiative betroffen sein könnte

 26.03.2026

Großbritannien

Angriff auf Ambulanzen

Eine iranisch-islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu einem Anschlag auf den jüdischen Rettungsdienst Hatzola

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  25.03.2026

London

Nach Brandanschlag: König Charles übernimmt Schirmherrschaft für jüdische Sicherheitsorganisation

Das Engagement des Monarchen für »Toleranz, Inklusion und interreligiöses Verständnis« passe eng zur Arbeit des Community Security Trust, so die Organisation

 25.03.2026

Nachruf

Chuck Norris ist doch sterblich

Der Actionstar und Meme-König wurde 86 Jahre alt. Und war immer ein großer Freund Israels

von Sophie Albers Ben Chamo  25.03.2026

Russland

Kleines Haus, große Herausforderung

Einst trugen Schoa-Überlebende in Sankt Petersburg eine Ausstellung zusammen. Nun ist daraus ein Museum geworden, das auch jungen Menschen die jüdische Geschichte näherbringt

von Polina Kantor  24.03.2026

Belgien

Zwei Festnahmen nach Brandstiftung in Antwerpen

Zwei Minderjährige sollen an der Grenze zum jüdischen Viertel ein Auto angezündet haben

 24.03.2026

Großbritannien

Vier Krankenwagen vor Synagoge in Brand gesteckt

Die Londoner Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus

 23.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026