Tschetschenien

Haus ohne Hüter

Noch ist es leer an der Stelle, etwas Schnee hat sich auf die Erde gelegt, ist gefroren dabei. Holzzäune schützen Holzhäuser, ein Sendemast ragt zwischen den niedrigen Bauten heraus. Der Fluss ist nicht weit, macht eine Schleife ganz in der Nähe. In der Ferne erheben sich die Neubauten von Grosny, dieser knapp 300.000-Einwohner-Stadt, die noch vor einigen Jahren in Schutt und Asche lag. Zwei Kriege zerstörten Höfe, zerstörten Leben. Zerstörten die Republik, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion voller Leid ihren Weg suchte. Der vom Kreml installierte junge Regionalfürst Ramsan Kadyrow versteht es, wie Menschenrechtler seit Jahren beklagen, die autonome Republik zu einem rechtsfreien Raum zu machen.

wolkenkratzer Unter ihm ist er erwacht, der Bauboom, der Stolz, der zerbrechliche Frieden. Wolkenkratzer streben in den Himmel, »Herz Tschetscheniens«, die größte Moschee Europas, steht ganz in der Nähe der Erzengel-Michael-Kirche – an einem breiten Boulevard, der den Namen von Achmat Kadyrow trägt, dem Vater und Vorgänger des jungen Kadyrow.

Allerdings habe etwas gefehlt in dieser aufstrebenden Stadt, heißt es in der Kommunalverwaltung von Grosny. Etwas, das das friedliche Zusammenleben verschiedener Völker und Religionen symbolisiert, die Stabilität des Landes präsentiert, überhaupt zeigt, wie schön es sich doch in der Stadt, ja im ganzen Land lebe. Eine Synagoge!

Muslime Ein jüdisches Gotteshaus müsse her. Für wen, war erst einmal nicht die Frage. Denn Juden gibt es in Tschetschenien nicht mehr. Sie verschwanden entweder bereits im Zweiten Weltkrieg aus der Gegend oder verließen während des ersten Tschetschenien-Krieges 1994 die Republik. Hier leben heute vor allem Muslime und einige Christen.

Selbst der Moskauer Oberrabbiner Adolf Schajewitsch mutmaßt, dass die neue Synagoge – deren Bauprojekt er freilich würdigt – vor allem Touristen und Unternehmern nützen werde, mit denen die Republik und auch der russische Staat Kontakte pflegen wolle. Auch Yaniv Naftali, der Oberrabbiner der Bergjuden, sagte der russischen Internetzeitung Kaukasischer Bote: »Natürlich hängt es davon ab, inwieweit es die tschetschenische Regierung schafft, Menschen jüdischen Glaubens anzulocken. Sie müssen Arbeit haben, denn wegen der Synagoge zieht niemand nach Grosny.«

Die Synagoge ist bislang ein großer Plan, vor wenigen Wochen auf dem leeren Platz in Grosny mit einer feierlichen Grundsteinlegung besiegelt. Die Oberrabbiner von St. Petersburg und Moskau sowie derjenige der Bergjuden waren da, auch Vertreter der Regierung kamen. Ein Brief des russischen Oberrabbiners wurde vorgelesen, die Bedeutung der Synagoge unterstrichen, Kadyrow gedankt. Die Subbotnik-Straße hatte die Stadtverwaltung rasch in Viktor-Kan-Kalik-Straße umbenannt, nach dem ehemaligen Rektor der Tschetschenisch-Inguschetischen-Staatsuniversität. Er war Jude und wurde im Tschetschenien-Krieg getötet. Selbst der Jerusalemer Fußballklub »Beitar« trat an diesem Tag zu einem Freundschaftsspiel gegen Grosnys Verein »Terek« an.

Die Bevölkerung steht dem Synagogenprojekt gespalten gegenüber. »Juden haben uns hier noch gefehlt!«, schreibt ein Blogger hasserfüllt. »Genau sie fehlen uns hier«, bekommt er sogleich als Antwort.

Seit 2007 habe es Pläne für die Synagoge gegeben, erklärt ein Vertreter der Stadtverwaltung. Beim Forum »Islam – Religion des Friedens und des Schaffens« sei Sinowi Kogan, damals wie heute Vorsitzender des Kongresses jüdischer Religionsgemeinschaften und Organisationen in Russland, mit Ramsan Kadyrow zusammengetroffen und habe die Idee ins Spiel gebracht. Kadyrow sei Feuer und Flamme gewesen.

sponsoren Nun sollen der Staat und bislang geheim gehaltene Sponsoren den Bau finanzieren. Wie viel Geld er kosten wird, wer ihn leiten soll, wie er aussehen wird und wann er überhaupt beginnt, ist noch unbekannt. Nur eines wisse man: »Der neue Bau wird genau da stehen, wo sich Anfang des 20. Jahrhunderts die aschkenasische Synagoge befand«, heißt es bei der Stadt. 1937 zog die örtliche Musikschule dort ein, im Zweiten Weltkrieg wurde sie zerstört. Nun wollen Kogan und auch Naftali die jüdische Gemeinde von Grosny wiederbeleben. »Wir suchen schon nach einem Rabbiner«, sagte Naftali dem Kaukasischen Boten. (mit n-ost)

Auszeichnung

Olaf Scholz bekommt die Leo-Baeck-Medaille

Das in New York ansässige Leo-Baeck-Institut würdigt den Altbundeskanzler. Laudator soll der frühere US-Außenminister Antony Blinken sein

 10.04.2026

Ukraine

Selenskyj: »Pessach handelt vom Sieg der Freiheit«

Der ukrainische Präsident empfängt zu Pessach Rabbiner in Kyjv und wendet sich mit einer Grußbotschaft an Juden in der gesamten Welt

von Eugen El  07.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Großbritannien

Brandanschlag in London: Untersuchungshaft für Verdächtige

Mehrere Krankenwagen eines jüdischen Rettungsdienstes in Golders Green werden in Brand gesetzt. Vor Gericht erschienen nun drei Verdächtige

 04.04.2026

Meinung

Hoffentlich wird Viktor Orbán abgewählt

Am 12. April stehen in Ungarn Wahlen an. Unter seinem langjährigen Ministerpräsidenten ist das Land zu einem russischen U-Boot in der Europäischen Union geworden

von Joshua Schultheis  04.04.2026

USA

So wild wie Doja Cat

Sie ist der einzige weibliche jüdische R&B-Superstar – und eine der erfolgreichsten Rapperinnen unserer Zeit

von Sarah Thalia Pines  04.04.2026

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026