Norwegen

Hass in Prozenten

Trügerisches Idyll: Norwegen Foto: imago

Vergangene Woche beim Barbecue zum Schuljahresende: Ein 16-jähriger Norweger brennt seinem gleichaltrigen jüdischen Mitschüler eine glühende Münze in den Nacken. Wie norwegische Medien berichteten, war der Junge, dessen Vater aus Israel kommt, schon seit Längerem Opfer antisemitischer Beleidigungen und Gewalt. Bereits vor zwei Jahren hatte seine Mutter in einem Radiointerview über die judenfeindliche Stimmung an der Schule geklagt und sich darüber beschwert, dass der Direktor nichts dagegen unternehme.

Das Simon Wiesenthal Center warnte das norwegische Justizministerium in einem Brief, dass eine »neue Generation von Breivik-ähnlichen Rassisten« heranwachse und die Zukunft des Landes bestimme. Der rechtsradikale Attentäter Anders Breivik hatte im Juli 2011 bei zwei Terroranschlägen 77 Menschen getötet.

Bereits einen Monat vor den Morden sahen sich die Norweger vergangenes Jahr plötzlich aus ihrer Sommerruhe aufgeschreckt. In dem kleinen Land, das Touristen als perfekte Idylle gilt, war man jahrzehntelang davon ausgegangen, viele Probleme anderer europäischer Staaten nicht zu kennen. Die drittreichste Nation der Welt ist in der Lage, viel Geld in Bildung und Zukunftschancen von Jugendlichen zu investieren. Doch offenbar lässt sich Hass nicht einfach wegfinanzieren.

Belästigungen So wurde im Juni 2011 eine Studie über Rassismus und Antisemitismus vorgestellt. Man hatte dazu Schüler der Klassen 7 bis 9 befragt. Das Ergebnis war erschreckend. Insgesamt gaben 3,5 Prozent aller Schüler an, durchschnittlich dreimal pro Monat aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit gemobbt zu werden. Fast zehn Prozent aller Buddhisten und 5,3 Prozent aller muslimischen Kinder hatten bereits regelmäßige Belästigungen erlebt, unter jungen Juden waren es 33,3 Prozent, die antisemitisch beleidigt wurden.

Erwin Kohn, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Oslo, bezeichnete den Bericht als »niederschmetternd«, fügte jedoch hinzu: »Es ist sehr gut, dass zum ersten Mal Antisemitismus als eigener Punkt erfasst wurde und nicht, wie sonst üblich, mit allgemeinem Mobbing, Rassismus und Hasskriminalität in einen Sack gesteckt wurde.«

Anne-Britt Gran, Verantwortliche für die Untersuchung, merkte an, dass das »besonders Aufsehen Erregende an unserer Studie die Entwicklung des Antisemitismus ist – von praktisch null zu ganz weiter Verbreitung«. Es sei noch nicht lange her, da sei für Jugendliche »Jude« kein Schimpfwort gewesen, »nun aber berichtete die Hälfte aller Befragten, dass ihnen das Wort als abfällige Bezeichnung bekannt ist«.

Gran forderte mehr Aufklärung in den Schulen. Eine Arbeitsgruppe soll geeignetes Unterrichtsmaterial zusammenstellen. Erwin Kohn stimmte ihr zu: »Es ist sehr wichtig einzusehen, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur der der Juden ist, sondern der Kampf der Norweger um ihre Gesellschaft.«

nazivergleiche Dass Antisemitismus nicht nur unter Jugendlichen verbreitet ist, zeigt eine Erhebung, die das Osloer Zentrum für Studien des Holocausts und religiöser Minderheiten vor wenigen Wochen veröffentlicht hat. Demnach haben zwölf Prozent der Norweger Vorurteile gegen Juden. Mehr als ein Drittel der Befragten glaubt, »Israel behandelt die Palästinenser ähnlich wie die Nazis die Juden«. Rund 25 Prozent meinen, »Juden nutzen die Erinnerung an den Holocaust zu ihrem eigenen Vorteil« (zum Vergleich: In Deutschland bejahten kürzlich bei einer Umfrage 43 Prozent diesen Satz), und 26 Prozent der Norweger denken, »Juden halten sich selbst für besser als andere«.

Die antisemitischen Tendenzen deuteten sich bereits im März in einer Studie der Anti Defamation League (ADL) an, die in zehn europäischen Ländern die Meinungen der Einwohner gegenüber Juden erforscht hatte. Dort gaben 21 Prozent der befragten Norweger an, dass Juden »zu viel Einfluss im Geschäftsleben haben«. Das ist viel, aber im europäischen Maßstab relativ wenig. Geringere Werte gab es zuletzt nur in den Niederlanden und Großbritannien.

Über Antisemitismus im Alltag sagt die ADL-Studie nichts aus. Die rund 1.000 norwegischen Juden beklagen regelmäßig nicht nur Judenfeindlichkeit von Muslimen, die sich beispielsweise darin äußert, dass sich Taxifahrer weigern, sie zur Osloer Synagoge zu bringen. Auch offizielle Veranstaltungen wie die des Gewerkschaftsbundes, auf denen in Anwesenheit hochrangiger Politiker zum Boykott israelischer Waren aufgerufen und einseitig Partei für die Palästinenser ergriffen wird, schüren nach ihrer Meinung Antisemitismus.

Judenfeindlich In den Medien des Landes versucht man jedoch in letzter Zeit merklich gegenzusteuern. So war das öffentliche Echo auf judenfeindliche Bemerkungen des Friedensforschers Johan Galtung in den vergangenen Monaten äußerst harsch. Didrik Søderlind von »Humanist« wies ihm etwa nach, seinen Text aus einem antisemitischen amerikanischen Pamphlet abgeschrieben zu haben und nannte ihn einen »Brandstifter«.

Nicht immer ist die Kritik an Norwegen berechtigt. So beklagte der amerikanische Juraprofessor und Starverteidiger Alan M. Dershowitz im April 2011, dass koschere Schlachtungen in Norwegen verboten seien, während Muslime sehr wohl schächten dürften. Das stimmt nicht ganz: Richtig ist, dass Schlachtungen ohne vorherige Betäubung des Tieres in Norwegen nicht erlaubt sind. In manchen muslimischen Strömungen ist der Genuss des Fleisches von betäubten Rindern und Schafen jedoch erlaubt, deswegen gibt es in einigen norwegischen Schlachthöfen Abteilungen, in denen Halal-Fleisch produziert wird.

Juden in Norwegen müssen koscheres Fleisch importieren. Als einziger Bevölkerungsgruppe des Landes ist es den Samen erlaubt, ihrer Tradition entsprechend Tiere zu schlachten. Das brachte den jüdischen Anwalt Jan Benjamin Rødner aus Oslo kürzlich auf eine Idee: Wenn das Schächten erlaubt wäre, könnten die oft sehr armen Samen doch einfach mit Rabbinern zusammenarbeiten und koscheres Rentierfleisch in alle Welt exportieren, meinte er. Es schmecke »fantastisch lecker«.

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026