Brasilien

Guefilte Fish und Queizquichl

Als Vorspeise »Beigueles«, wahlweise mit Kartoffel-, Käse-, Zwiebel- oder Auberginenfüllung. Oder lieber »Guefilte Fish com Chrein«? Und zum Nachtisch »Queizquichl«? Oder »Honik Leikech«?

Wer ein Gericht von der in Portugiesisch geschriebenen Speisekarte bestellen möchte, muss nach Rio de Janeiro reisen. Dort befindet sich in der kleinen Rua Visconde de Caravelas im Stadtteil Humaitá mitten im fröhlich lärmenden Straßengewirr das Restaurant »Gutessen«.

Streng genommen handelt es sich nur um ein Bistro. Die Speisekarte ist nicht sonderlich umfangreich, und abends, wenn in den umliegenden Lokalen die Post ab­geht, ist das »Gutessen« schon wieder ge­schlossen.

Gedeckte warme Farben bestimmen den Ton – ein beruhigender Ort, der so wirkt, als wäre er ein wenig aus der Zeit gefallen.

Der Name des Restaurants stammt aus dem Jiddischen, der Sprache von Marcia Zonenscheins und Silvia Flaksmans Vorfahren. »Er erinnert uns an unsere Wurzeln«, sagt Zonenschein.

Ihre Großeltern kamen einst aus Osteuropa. Sie hatten die Ukraine verlassen, um nach Brasilien auszuwandern. Geflohen seien sie, sagt Zonenschein, »vor dem Krieg«. Sie meint den Ersten Weltkrieg.

Ambiente Die zierliche Frau wirkt zurückhaltend. Leise spricht sie, es scheint, als wäre es ihr ein wenig unangenehm, über ihr Restaurant zu sprechen. Sie passt damit gut in das sachliche, schlichte Ambiente. Gedeckte warme Farben bestimmen den Ton – ein beruhigender Ort, der so wirkt, als wäre er ein wenig aus der Zeit gefallen. Statt eines pausenlos flimmernden Fernsehers, gut sichtbar angebracht, wie in fast jedem anderen brasilianischen Restaurant, säuselt hier aus den Boxen leise Jazzmusik. Das »Gutessen« ist nicht sonderlich groß – nur 25 bis 30 Gäste passen in den Raum. Gelegentlich finden hier auch kulturelle Veranstaltungen statt, kleine Konzerte oder Lesungen.

Die Mütter der beiden Besitzerinnen, Cecilia und Dulce Geny, wurden bereits in Rio geboren. Sie besaßen eine ganze Reihe selbstgeschriebener Kochbücher mit Rezepten, die ihre Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben hatten. Anfang der 90er-Jahre kam den beiden Frauen die Idee, daraus ein Geschäft zu machen. Aber sie dachten damals noch nicht an ein Restaurant, sondern eher an eine Art Speisenmanufaktur. »Das war weniger eine Geschäftsidee im klassischen Sinne«, sagt Marcia Zonenschein, es sei ihren Müttern vielmehr darum gegangen, Wissen und Tradition weiterleben zu lassen.

Wir wünschen uns, dass die Rezepte unserer Vorfahren erhalten bleiben», sagt Zonenschein. «Denn wir wollen unsere Kultur nicht verlieren.»

Aus der kleinen Kochbuchbibliothek wählten Cecilia und Dulce einige Rezepte aus und bereiteten Speisen für Freunde und Verwandte zu. Das Angebot wurde angenommen, und im Laufe der Zeit kauften auch immer mehr ausgewählte Cafés und Restaurants bei ihnen ein. Inzwischen gehören etliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu den Stammkunden. Man hat sich mit jüdischen Gerichten für den Alltag und für Feiern einen Namen gemacht. Mittlerweile lassen sich die Produkte übers Internet bestellen und werden tiefgefroren frei Haus geliefert. Inzwischen gibt es sogar eine App.

Stammkunden 2012 folgte dann der nächste größere Schritt: Das Restaurant wurde eröffnet, inzwischen unter der Führung der Töchter Marcia und Silvia. Zwei Jahre später dann, 2014, lobte Rios Szene­magazin «Veja-Rio» die Küche des Lokals als «gut und preiswert».

Nun ist allmählich die dritte Generation so weit, das Geschäft zu übernehmen. Seit einiger Zeit kümmert sich Marcia Zonenscheins Tochter um den Facebook-Auftritt von «Gutessen» und pflegt die Website.

Die beiden Cousinen sind jetzt Geschäftspartnerinnen und betreiben das Restaurant gemeinsam. «Wir wünschen uns, dass die Rezepte unserer Vorfahren erhalten bleiben», sagt Marcia Zonenschein, «denn wir wollen unsere Kultur nicht verlieren.»

Koscher kochen die beiden Frauen jedoch nicht. Das sei ihnen nicht wichtig, sagt Marcia Zonenschein. «Wir sind kein religiöses Restaurant. Unsere Mission ist es, unsere Geschichte und Kultur am Leben zu erhalten.»

Eva Erben

»Oft weiß man gar nicht, wie viel Kraft in einem steckt«

Die 95-jährige Holocaustüberlebende war aus Israel nach Prag gekommen, um bei der Verlegung der »Stolpersteine« für ihre in der Schoa ermordeten Eltern dabei zu sein

von Michael Thaidigsmann  26.06.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  26.06.2026

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026