Großbritannien

Grüne Gemeinden

Nahm im November neben Rabbiner Jonathan Wittenberg als Vertreterin von Eco Synagogue am Weltklimagipfel in Glasgow teil: Rabbinerin Tanya Sakhnovich Foto: Eco Synagogue

Wegen der Pandemie müssen in diesem Jahr viele der für Tu Bischwat geplanten Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden, etwa die gemeinsame Feier mit Jugendlichen in meiner Wohnung», sagt Jonathan Wittenberg. Der 64-jährige Londoner Masorti-Rabbiner setzt sich seit Langem für ein ökologisch verantwortungsbewusstes Leben ein.

Die Beschränkungen durch die Pandemie seien aber nicht der einzige Grund dafür, dass Tu Bischwat in seiner Gemeinde in diesem Jahr etwas anders ablaufen werde als gewohnt. Es sind die Herausforderungen des Klimawandels, die die jüdische Community zum Umdenken zwingen.

schabbat Manches im Programm für Tu Bischwat werde zwar dennoch so sein wie in den vergangenen Jahren. So sei am Schabbat vor Tu Bischwat in seiner Synagoge ein veganer Kiddusch geplant, es gebe einen Vortrag über Bäume, und Jugendliche aus seiner Gemeinde würden in seinem Garten sowie auf einem nahe gelegenen Friedhof Bäume pflanzen.

Des Weiteren kann aber neuerdings im Rahmen des Projekts JTree − das ganze Jahr über, aber ganz besonders an Tu Bischwat – das Anpflanzen von Bäumen sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Kenia, Uganda oder in anderen Ländern unterstützt werden.

JTree wurde von der Initiative «Eco Synagogue» ins Leben gerufen. Jonathan Wittenberg hat sie mitbegründet, und inzwischen wird sie von den wichtigsten jüdischen Strömungen und Verbänden in Großbritannien mitgetragen: dem orthodoxen, dem Reform- und dem liberalen Judentum sowie der Masorti-Bewegung und dem jüdischen Dachverband Board of Deputies of British Jews (BoD).

weltklimakonferenz Im Rahmen von Eco Synagogue nahm Jonathan Wittenberg gemeinsam mit seiner Kollegin, Rabbinerin Tanya Sakhnovich, im vergangenen Herbst an der internationalen Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow teil. Dies habe sein Verständnis der klimatischen Herausforderungen fundamental verändert, sagt er. Aus diesem Grund sei Tu Bischwat für ihn in diesem Jahr ganz anders.

«All die kleinen Schritte, die wir sonst immer an Tu Bischwat gemacht haben, sind wirklich wichtig – aber sie leisten nicht genug, um den Klimawandel aufzuhalten», sagt Wittenberg. Man könne nicht ohne ein klares und ehrlich gemeintes Ziel vor Augen arbeiten. Es müsse analytisch und strategisch vorgegangen werden. «Ich habe durch COP26 gelernt, wie wichtig es ist, dass wir mit größeren Schritten voranschreiten und Verantwortung tragen.»

Eine besondere Tu-Bischwat-Veranstaltung der Initiative Eco Synagogue und des britisch-jüdischen Institute for Jewish Policy Research (JPR) soll damit anfangen, die Dinge in diese Richtung zu ändern.

Der Einzelne sollte sich fragen: Was konsumiere ich, wie reise ich?

Man wolle dabei wichtige Fragen beantworten, erzählt Wittenberg, zum Beispiel: «Wie blickt die jüdische Gemeinschaft auf die klimatischen Herausforderungen? Wie stark ist das Interesse daran bei verschiedenen Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, und warum?» Die wichtigste Frage für Wittenberg sei aber, wie die einzelnen Menschen motiviert werden können und welche Hindernisse und Chancen es dabei gibt. All dies soll an Tu Bischwat mit Teilnehmern aus den verschiedenen Bereichen der jüdischen Gesellschaft diskutiert werden.

Angeregt durch Eco Synagogue hätten sich bereits in den vergangenen Jahren viele Gemeinden und jüdische Organisationen mehr mit ökologischen Themen befasst. Doch jetzt sei es besonders wichtig, dass man zu Strategien und festen Zielen übergehe, sagt Wittenberg. Dabei schwebt ihm vor, was die Anglikanische Kirche und ihre Verbände, Organisationen und Gemeinden bis zum Jahr 2030 anstreben: Klimaneutralität.

ZIELE Das sollten auch jüdische Gemeinden und Organisationen tun, fordert Wittenberg. «Wer keine klaren Ziele setzt, läuft Gefahr, zu vage zu sein. So wie viele Regierungen haben auch viele Gemeinden bisher zwar gut gemeinte Absichten, aber keine dazu gehörende Verpflichtung oder Dringlichkeit.» Der Rabbiner glaubt, dass dies für Religionsgemeinschaften eine besonders wichtige Aufgabe ist.

Die moralisch verpflichtende Stimme gegen den Klimawandel müsse von den Anführern dieser Gemeinschaften kommen, ist er überzeugt, und es sollte dringend mehr Begegnungen zwischen Vertretern von Politik, Unternehmen und Religionsgemeinschaften geben. Im November in Glasgow sei es leider nicht dazu gekommen, sagt er.

Wenn Wittenberg gefragt wird, was der Einzelne zu Tu Bischwat bezüglich der klimatischen Herausforderungen tun sollte, dann muss er nicht lange überlegen. Sofort nennt er drei Dinge: «Schauen Sie auf Ihr Leben! Fragen Sie sich: Was konsumiere ich, wie verreise ich, wie investiere ich? Stellen Sie sich, zweitens, hinter ein nationales oder internationales Aufforstungsprojekt mit qualitativen Programmen! Und drittens: Nutzen Sie Ihre Kontakte und Ihren Zugang, um Menschen zu beeinflussen! Wenn Sie Politiker, Geschäftsinhaber oder Unternehmensführer kennen, dann machen Sie von Ihrem Einfluss Gebrauch!»

Für Menschen, die aus Anlass des bevorstehenden Tu Bischwat etwas zu diesem Thema lesen wollen, hat Wittenberg drei Empfehlungen: Yonatan Nerils Buch Eco Bible würde zu jedem Wochenabschnitt der Tora ökologische Ansatzpunkte auflisten. Dazu der Bestseller Wie schlimm sind Bananen? von Mike Berners-Lee und drittens Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnacs Buch Die Zukunft in unserer Hand. «Das ist nicht nur aufrichtig, sondern geradezu optimistisch über das, was der einzelne Mensch tun kann», glaubt Wittenberg – und entspreche somit im tiefsten Sinne der Botschaft von Tu Bischwat.

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