Zukunft

Go East

ECJC-Spitze: Tomer Orni, Jonathan Joseph, Igor Kolomoisky und Vadim Rabinovitch (v.l.) Foto: Mike Minehan

Es geht nach Osten. Mit dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens hat sich der Mittelpunkt des politischen Europas vor drei Jahren erneut verschoben. Zuvor lag er in Frankreich, danach in Belgien, nun im hessischen Städtchen Gelnhausen. Geografisch gesehen liegt das Dörfchen Purnuskes, nördlich der litauschen Hauptstadt Vilnius, im Zentrum des Kontinents. Wo sich der Mittelpunkt des jüdischen Europas befindet, lässt sich nicht so genau bestimmen. Aber spätestens seit der am Dienstag zu Ende gegangenen dreitägigen Tagung des European Council of Jewish Communities (ECJC) scheint klar, dass sich das Zentrum in die Länder der ehemaligen Sowjetunion verlagert.

Der ECJC hatte zur »Conference of Presidents« geladen, der Zentralrat der Juden in Deutschland war Mitveranstalter. Rund 150 führende Vertreter jüdischer Gemeinden und Verbände aus 25 Ländern kamen zur dreitägigen Tagung nach Berlin, darunter viele aus der Ukraine, Russland, Kasachstan und Litauen.

Erwartung Eine der Teilnehmerinnen ist Alexandra Oleinykova aus Kiew. Die 24-jährige Programmkoordinatorin der internationalen jüdischen Studentenorganisation Hillel sagte: »Ich erwarte, dass sich die jüdischen Gemeinden in Europa vereinen. Die Welt verändert sich, also muss sich die jüdische Gemeinschaft ebenso verändern.« Dazu gehöre für sie ganz klar die stärkere Position der Vertreter der osteuropäischen Gemeinden. Sie sei gerne nach Berlin gekommen, »aber die nächste Konferenz sollte in Kiew stattfinden«. Das meint auch der ukrainische ECJC-Vize Vadim Rabinovitch: »Wir haben eine große jüdische Gemeinschaft in Osteuropa, aber bei uns hat noch nie ein derartiges Treffen stattgefunden. Ich denke, das ist falsch.«

Ein Vertreter eines westeuropäischen Verbandes bei der Konferenz war Roger Fajnzylberg. Er ist Generalsekretär der französischen Hilfsorganisation OSE, die heute ihre Zentrale in Paris hat, jedoch 1912 in St. Petersburg gegründet wurde. »Für uns ist es wichtig, die Verbindung nach Osteuropa zu erneuern. Denn unsere Geschichte ist auch die Geschichte des Ostens.«

Doch erst einmal betonten die Redner bei der Konferenzeröffnung am Sonntag, dass die deutsche Hauptstadt der ideale Ort sei, sich mit Blick auf die Vergangenheit den Fragen der Zukunft des europäischen Judentums zu stellen. Zugleich riefen sie zu Geschlossenheit und gemeinsamem Handeln auf, angesichts der immer komplexer werdenden Herausforderungen, dem Einstehen für Israel und dem Kampf gegen Antisemitismus.

Vernetzung Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch sagte: »Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um gemeinsam für unsere Interessen und die berechtigten Ansprüche der jüdischen Gemeinschaft Europas einzustehen.« Knobloch würdigte die Arbeit des ECJC in den Bereichen Bildung, soziale Wohlfahrt, Kunst, Kultur sowie im interreligiösen Dialog. Und sie betonte die Bedeutung der Organisation, die mit den Büros in London, Berlin und Kiew eine engmaschige und tragfähige Vernetzung der Gemeinden darstelle: »Wir Juden in Europa müssen gemeinsam handeln und voneinander lernen.«

Entsprechend lautete das Konferenzmotto »Leading Jewish Europe Together. Now!«. Debattiert wurden im Berliner Gemeindehaus an der Fasanenstraße und im Jüdischen Museum Berlin Themen wie das europäisch-israelische Verhältnis, die Be-
ziehungen zu den jüdischen Organisationen in den USA, die Anforderungen der Öffentlichkeitsarbeit und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Gemeinden. Als Gäste mit dabei waren der Oberrabbiner Israels, Yona Metzger, der israelische Bildungsminister Gideon Saar und Malcolm Hoenlein, der stellvertretende Vorsitzende der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations.

Wechsel Überraschend wurde am Montag der 48-jährige ukrainische Milliardär Igor Kolomoisky als »neugewählter Präsident« des ECJC vorgestellt. Er löst nach sechsjähriger Amtszeit Jonathan Joseph an der Spitze der Organisation ab. Joseph sagte der Jüdischen Allgemeinen, der personelle Wechsel entspreche einer historischen Realität und sei auch dazu geeignet, das Judentum in Ost-, West- und Mitteleuropa zusammenzuführen. Joseph hofft, dass in den kommenden Jahren die Vertreter der russischsprachigen Gemeinden entsprechend ihrer zahlenmäßigen Bedeutung eine noch wichtigere Rolle in den jüdischen Spitzenverbänden spielen werden. »Sie haben die Kraft und die Energie, diese große Verantwortung zu tragen.« Dies gelte insbesondere bei seinem Nachfolger, der sich in einer »außergewöhnlichen und sehr bedeutenden« Weise verpflichtet habe. Dem Vernehmen nach will Kolomoisky dem ECJC in den kommenden fünf Jahren jährlich eine finanzielle Unterstützung von mehreren Millionen Euro zukommen lassen.

Nach dem Moskauer Moshe Kantor, der 2007 Präsident des European Jewish Congress (EJC) wurde, ist Igor Kolomoisky der zweite jüdische Milliardär aus der ehemaligen Sowjetunion, der die Führung einer paneuropäischen Organisation übernahm.

Shmuel Kamenizki kennt den neuen ECJC-Präsidenten, denn er ist Rabbiner in dessen ukrainischer Heimatstadt Dnjepropetrowsk. Er beschreibt den Mann als »echte jüdische Neschama«. Igor Kolomoisky habe zwei Steckenpferde: Fußball und Judentum. Er ist Vize des ukrainischen Fußballverbandes, besitzt den Profi-Club Dnipro Dnipropetrowsk und hat die Vereinsarena finanziert, einen der Austragungsorte der Fußball-Europameisterschaft 2012. In der ostukrainischen Industriestadt soll demnächst auch das »größte jüdische Gemeindezentrum der Welt« entstehen. Kolomoisky spendiert dafür rund 100 Millionen Euro. Zudem zeigt er Sinn für Symbolik: Für die 50.000 Juden der Stadt wird ein riesiges Gebäude mit 50.000 Quadratmetern Fläche gebaut – in Form einer Menora.

Rabbiner Kaminezki ist begeistert: »Wir haben Männer mit viel Geld, Energie und Enthusiasmus. Die gibt es im Westen nicht mehr.« Für ihn besteht kein Zweifel: Das Zentrum des Judentums in Europa verlagert sich ostwärts, genauer gesagt in den Osten der Ukraine.

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