Schweiz

Gesichter und Geschichten

Die Schweiz hat in diesem Jahr den Vorsitz der Internationalen Allianz zur Holocaust-Erinnerung inne. Die allgemeine Öffentlichkeit des Landes hat diese Tatsache bisher kaum bemerkt.

Doch im Laufe des Jahres soll sich das ändern – dies ist auch das Verdienst der Gamaraal Foundation. Die in Zürich angesiedelte Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, bedürftigen Schoa-Überlebenden in der Schweiz zu helfen.

Interviews Bis Anfang Juni zeigt die Stiftung im Archiv für Zeitgeschichte der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich die Wanderausstellung The Last Swiss Holocaust Survivors. Die Schau, die danach auch in Genf, Basel, Bern und im Tessin zu sehen sein wird, beleuchtet die Biografien von 14 Überlebenden. In jeweils zehnminütigen Interviews, die der Filmregisseur Eric Bergkraut aufgenommen hat, kommen diese letzten Zeitzeugen zu Wort. Außerdem werden großformatige Porträts gezeigt, die der Fotograf Beat Mumenthaler aufgenommen hat.

Das Zürcher Archiv für Zeitgeschichte unterstützt die Ausstellung auch wissenschaftlich. So erhalten die Opfer der Barbarei ein Gesicht, und nicht zuletzt wird ein Bezug zur Schweiz hergestellt, dem Land, in dem die Überlebenden ihre neue Heimat fanden. Einige der Männer und Frauen sprechen in den Interviews zum ersten Mal öffentlich über das Leid, das sie erlitten haben.

Da ist zum Beispiel die 85-jährige Nina Weil. Die gebürtige Pragerin hat Auschwitz überlebt – im Gegensatz zu ihrer Mutter, die dort ermordet wurde. Nina Weil überlebte die Selektion des KZ-Arztes Josef Mengele und auch mehrere der berüchtigten Todesmärsche im Jahr 1945. Nach der Schoa kehrte sie nach Prag zurück, machte eine Lehre als Laborantin – und schwieg eisern über all das, was sie gesehen und erlitten hatte.

Erst Jahre später, als sie bereits verheiratet war, änderte sich das. Psychologische Hilfe, um das aufzuarbeiten, was sie als Kind in Auschwitz erlebte, habe sie nie angenommen, gab Nina Weil im Gespräch mit Schweizer Medien bei einem Pressetermin vor der Ausstellungseröffnung zu Protokoll. Wirklich verarbeiten können habe sie das Grauen in all den Jahren nicht.

Jugendliche Lebensläufe wie der von Nina Weil stoßen bei Schweizer Jugendlichen auf großes Interesse. Bereits jetzt haben sich mehr als 20 Schulklassen zur Ausstellungsbesichtigung angemeldet. Auch das Echo in den Medien ist groß – und das in einem Land, das das Thema Schoa gern an den Rand drängt. »Da nur noch wenige Überlebende unter uns sind, ist es der letzte Moment, um die Geschichte des Holocaust anhand von Zeitzeugen zu individualisieren und für künftige Generationen zu konservieren«, sagt die Präsidentin der Gamaraal Foundation, Anita Winter. Sie selbst ist Tochter von Schoa-Überlebenden, die in Deutschland geboren wurden.

Das Interesse junger Schweizer freut auch einige der Überlebenden, die sich in Zürich der Öffentlichkeit stellen. Einer der 14 Interviewten, der 88-jährige Eduard Kornfeld, sagte bei der Eröffnung der Ausstellung an die Jugendlichen gerichtet und mit Blick auf aktuelle politische Ereignisse: »Seid keine Mitläufer, hinterfragt alles und bildet euch eine eigene Meinung!«

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Juni im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, Hirschengraben 62, zu sehen. Öffentliche Führungen jeweils mittwochs 12.30 Uhr und dienstags 18 Uhr. Gruppenführungen auf Anfrage: afz@history.gess.ethz.ch

www.last-swiss-holocaust-survivors.ch

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