Luxemburg

Geschächtetes Fleisch darf kein Bio-Siegel bekommen

Koscheres Fleisch und Geflügel muss künftig aus dem Ausland nach Griechenland eingeführt werden. Foto: Marco Limberg

Das EU-Bio-Siegel darf nicht für geschächtetes Fleisch verwendet werden, wenn das Schlachttier nicht zuvor betäubt wurde, entschied der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) am Dienstag in einem Grundsatzurteil. Das Schächten ohne Betäubung erfülle nicht die höchsten Anforderungen an den Tierschutz, befanden die obersten Richter in Luxemburg.

Neben dem muslimischen ist auch der jüdische Schlachtritus von dem Urteil betroffen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte den Richterspruch: »Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist ein Schlag ins Gesicht für die jüdische Gemeinschaft und zeugt von einer großen Unkenntnis über das religiöse Schlachten.«

Zentralratspräsident Josef Schuster kritisierte den Richterspruch: »Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist ein Schlag ins Gesicht für die jüdische Gemeinschaft.«

schechita Religiöse Schlachtung und ökologische Tierhaltung beziehungsweise Produktion von Fleischerzeugnissen schließen sich keineswegs aus, so Schuster. Die Voraussetzungen für eine Biozertifizierung koscher geschächteten Fleischs hänge von artgerechter Tierhaltung und -transport sowie der Fütterung ab. Das Urteil impliziere, dass Tierschutz und größtmögliches Tierwohl bei konventioneller Schlachtung gegeben seien, bei religiöser Schlachtung jedoch nicht. »Diese Argumentation entbehrt jeder Grundlage. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die belegen, dass die Schechita schmerzhaft sei«, betonte der Zentralratspräsident.

Auch der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, kritisierte die Entscheidung der Luxemburger Richter: »Dieses Urteil ist nicht koscher. Wir sind zutiefst enttäuscht, dass der Europäische Gerichtshof ein Urteil über die Produktionsmethode von Fleisch fällt und damit gleichzeitig das rituelle Schlachten in Europa in Misskredit bringt.«

Mit diesem Urteil bestätigte der Gerichtshof »insgeheim auch einen besorgniserregenden Trend in Europa, indem immer mehr die freie Religionsausübung von Minderheiten, insbesondere auf Kosten von Muslimen und Juden infrage gestellt wird«, so Goldschmidt. Es ergebe keinen Sinn, warum ein EU-Bio-Logo den Tierschutz fördert und rituell geschlachtete Produkte ausschließt, der hiesigen Massentierhaltung und industriellen Fleischverarbeitung aber keine Grenzen gesetzt würden. Dies sei scheinheilig, und es »offenbart wohl einen anderen Grund, der in Europa zunehmend Einzug erhält: Die Angst vor dem Fremden, vor Migranten und anderen Religionsgemeinschaften.«

Mit dem Urteil werde »indem immer mehr die freie Religionsausübung von Minderheiten, insbesondere auf Kosten von Muslimen und Juden infrage gestellt«, urteilte Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz.

logo ie Organisation Œuvre d’assistance aux bêtes d’abattoirs hatte 2012 vom französischen Landwirtschaftsministerium verlangt, die Verwendung des grünen Logos der EU auf Verpackungen und in Anzeigen für Halal-Hacksteaks zu untersagen. Die zuständige Zertifizierungsstelle hatte dieses Ansinnen abgewiesen und vor Gericht damit in erster Instanz Recht bekommen. Das Berufungsgericht in Versailles legte dann die Frage dem EuGH vor, der nun zugunsten der Kläger entschied und so eine EU-weit verbindliche Auslegung des europäischen Rechts vorlegte.

Obwohl auch das rituelle Schächten das Leiden des Tieres durch einen scharfen Schnitt durch die Kehle zu verringern suche, so das Gericht, sei die Schlachtung mit vorheriger Betäubung die schonendere Methode. Sie sei laut europäischem Recht auch vorgeschrieben; nur für religiöse Zwecke gebe es eine Ausnahme.

Zum Schutz des Verbrauchervertrauens in das europäische Bio-Siegel sei es aber notwendig, dass die höchsten europäischen Standards eingehalten würden. Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt, dass die Betäubung diese Standards am ehesten berücksichtige und das betäubungslose Schächten keinen ebenbürtigen Tierschutz gewährleiste, befanden die Richter.

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026