Schweiz

Gemeindeleben auf Eis

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes Foto: Gregor Zielke

Schweiz

Gemeindeleben auf Eis

Auch die jüdischen Gemeinden des Landes trifft die Corona-Krise schwer

von Michael Thaidigsmann  24.03.2020 16:42 Uhr

Die Schweiz gehört zu den am stärksten von der Ausbreitung des Coronavirus betroffenen Ländern in Europa. Mehr als 9100 Infizierte wurden dort laut Johns Hopkins University bislang registriert, und 122 Corona-Tote hat das kleine Land bereits zu beklagen (Stand: Dienstag). Auf die Einwohnerzahl umgerechnet sind bisher nur in Italien mehr Menschen von der Pandemie betroffen.

Auch die eidgenössische jüdische Gemeinschaft ist nicht verschont geblieben: So wurden in einem jüdischen Altenheim in Zürich vor kurzem vier Bewohner positiv auf den Erreger getestet. Auch in Basel und Genf gebe es Gemeindemitglieder, die sich angesteckt hätten, sagte Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), der Jüdischen Allgemeinen.

»Gott sei Dank hat es, soweit mir bekannt ist, bei den meisten Gemeindemitgliedern einen relativ milden Verlauf der Krankheit gegeben. Wir hoffen, dass das so bleibt«, so Kreutner.

RISIKOGRUPPEN Die Versorgung von Risikogruppen, vor allem von älteren Menschen, durch die jüdischen Hilfsdienste und die Gemeinden sei momentan noch sichergestellt. Bis auf die Grundversorgung arbeiteten jedoch alle Mitarbeiter jüdischer Organisationen aus dem Home Office. Es gebe da ein hohes Maß an Disziplin.

In einem jüdischen Altersheim in Zürich wurden vier Bewohner positiv auf den Erreger getestet.

Die Jüdische Gemeinde Bern hat laut einem Bericht des Magazins »tachles« Kurzarbeit für ihre Beschäftigten beantragt, um so die finanziellen Lasten etwas zu reduzieren. Auch andere Gemeinden denken offenbar über solche Schritte nach.

Bereits seit einer Woche sind in der Schweiz alle Synagogen und sonstigen jüdischen Einrichtungen geschlossen. Gottesdienste werden keine mehr abgehalten. Nur kleinere Gebetsräume orthodoxer Gemeinden sind noch zugänglich, um so Einzelpersonen zu ermöglichen, dort zu beten. Allerdings dürfen sich in keinem Raum mehr als fünf Personen gleichzeitig aufhalten. Diese Vorschrift wird von der Polizei offenbar streng überwacht.

VERSAMMLUNGSVERBOT Die Zürcher Stadtpolizei wandte sich nun schriftlich an die Gemeinde Agudas Achim, berichtete »tachles«. In dem Brief heißt es: »Durch Polizeipatrouillen wurde in den letzten Tagen mehrmals festgestellt, dass jüdische Personen in größeren Gruppen zusammenstehen und somit das Versammlungsverbot missachtet wird.« Dies könne in der gegenwärtigen Situation nicht toleriert werden.

Bis mindestens zum 19. April und damit bis nach Pessach soll das öffentliche Leben in der Schweiz noch auf ein Minimum heruntergefahren bleiben. Koscheres Essen wird für die Festtage dennoch ausreichend vorhanden sein, glaubt Jonathan Kreutner und ist zuversichtlich: »Bislang haben wir diese Krise insgesamt ganz gut gemeistert – auch wenn die nächsten Wochen sicher nicht einfach werden.«

Besonders problematisch ist für ihn die Tatsache, dass momentan das gesamte Gemeindeleben auf Eis liegt. »Der gegenseitige Austausch und das Zusammensein fehlt vielen natürlich, und es gibt viele einsame Menschen. Es ist wichtig, dass wir die nicht vergessen und sie sich nicht abgehängt fühlen in dieser Krise«, so der SIG-Generalsekretär.

 

 

 

Zürich / Washington

Neue alte Verstrickungen

US-Ermittler entdeckt Hunderte neue Konten der Credit Suisse mit NS-Bezug

 09.02.2026

Raumfahrt

Jessica Meir fliegt zur Internationalen Raumstation

Jessica Meir soll acht Monate im All verbringen. Diese Tour ist für sie dieses Mal emotional besonders herausfordernd, wie sie bei einer Pressekonferenz erzählte

 09.02.2026

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026