Estland

Gegensätze im historischen Gedächtnis

Sowjetische Orden im Jüdischen Museum Tallinn Foto: Christian Gogolin

»Für die Einnahme Berlins«: Der Orden mit russischsprachiger Aufschrift hängt in einer Vitrine im kleinen Jüdischen Museum der estnischen Hauptstadt Tallinn. »Wir lieben unsere Veteranen«, sagt Shmuel Kot, Rabbiner für die rund 3000 Juden im Land. Dieser Satz kommt in Estland nicht allen so selbstverständlich über die Lippen. Viele blicken ambivalent auf den 9. Mai, der in Russland als »Tag des Sieges« im Großen Vaterländischen Krieg gefeiert wird.

Drei Mal war Estland im 20. Jahrhundert besetzt. Die Aufteilung Europas durch den Molotow-Ribbentrop-Pakt hatte 1940 den Einmarsch sowjetischer Truppen zur Folge. Von 1941 bis 1944 stand Estland unter deutscher Besatzung, die abgelöst wurde durch eine – nach estnischem Geschichtsverständnis – »erneute sowjetische Okkupation«, die bis 1991 andauerte. In der Rassenideologie der Nazis standen die Esten als Volk recht weit oben, und so sahen manche nichtjüdische Esten in der NS-Herrschaft tatsächlich »das kleinere Übel« im Vergleich zur sowjetischen Besatzung.

Schoa Für die rund 4400 estnischen Juden jedoch begann 1941 ein Albtraum: Estland wurde zum ersten Land, das die deutschen Nazis als »judenfrei« deklarierten. Der Reichtum an Bodenschätzen war der Grund dafür, dass im Nordosten Estlands Arbeits- und Konzentrationslager errichtet wurden. Etwa 10.000 aus anderen Teilen Mittel- und Osteuropas deportierte Juden kamen hier ums Leben oder wurden ermordet.

Über derlei Gegensätze im historischen Gedächtnis von Esten und Juden möchte Alla Jakobson allerdings ungern sprechen. Die Gemeindechefin betont, dass der 9. Mai ein wichtiger Feiertag für die Juden Estlands sei. Die Gemeinschaft ist überwiegend russischsprachig, nur etwa 30 Prozent haben Estnisch als Muttersprache. Das hat mit der Geschichte zu tun: Die historische jüdische Bevölkerung, die vor 1941 in Estland lebte, bilde zwar die »Basis« der heutigen Gemeinschaft – nach dem Krieg siedelten sich geflohene Juden und deren Nachkommen teilweise wieder in Estland an. Der größere Teil der jüdischen Gemeinschaft besteht aus Zuwanderern aus anderen Teilen der früheren Sowjetunion.

Anerkennung Die Juden seien gut in den estnischen Staat integriert und erführen offizielle Anerkennung, betont Jakobson. Vielleicht, um dies nicht zu gefährden, lässt sich Jakobson zu dem Streit, der Estland und viele Teile der ehemaligen Sowjetunion bewegt, kein Wort entlocken. Nur so viel: »Wir feiern den 9. Mai wie jedes Jahr.«

Gesprächiger zeigt sich Rabbiner Shmuel Kot. Der 38-Jährige, vor 14 Jahren aus Israel nach Estland gekommen, bringt der estnischen Sichtweise ein gewisses Verständnis entgegen: »Ja, es war eine Besatzung durch die Sowjetunion. Und auch die Rote Armee war sicher nicht frei von Antisemitismus, darüber gibt es genügend Berichte.«

Entschieden verwahrt sich Kot jedoch gegen Gleichsetzungen: »Der Kampf gegen die Nazis war ein Kampf gegen den Teufel. Wir verdanken den Sowjets unser Leben.« Und so wird in der Tallinner Synagoge auch in diesem Jahr ein Gebet für die Veteranen gesprochen, die Europa vom Nationalsozialismus befreiten. Und die Veteranen selbst – selbst die Jüngsten sind inzwischen hochbetagt – werden noch einmal zu einer Feierstunde im Gemeindehaus zusammenkommen.

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