USA

Gefährliche Verzerrung

Robert F. Kennedy Jr. spricht bei einer Kundgebung gegen Impfvorschriften auf der National Mall in Washington, D.C. am 23. Januar. Foto: imago images/UPI Photo

Robert F. Kennedy trägt einen berühmten Namen. Er ist der »Junior« des gleichnamigen Justizministers, der wie dessen Bruder und Präsident John F. einem politischen Mordanschlag zum Opfer fiel. Außer dem Namen verbindet den jungen Kennedy wenig mit den charismatischen Verwandten. Schon gar nicht sein Hang zu Verschwörungsmythen, die ihn nun zu einem Star unter den amerikanischen »Anti-Vaxxern« macht.

Als solcher trat er am Wochenende vor Impfgegnern auf der National Mall in Washington auf. In seiner Rede verstieg er sich zu einem Holocaust-Vergleich, der ihm massiven Ärger eintragen sollte: Kennedy insinuierte, Menschen, die sich in den USA nicht impfen lassen wollten, gehe es heute schlechter als Anne Frank. Das jüdische Mädchen versteckte sich zwei Jahre mit ihrer Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis. Nach ihrer Entdeckung im August 1944 wurden fast alle Familienmitglieder in Konzentrationslagern umgebracht.

anne frank »Selbst in Hitlers Deutschland konnten Sie über die Alpen in die Schweiz fliegen«, sagte Kennedy. »Sie konnten sich auf dem Speicher verstecken, wie es Anne Frank tat.« In den USA gebe es dagegen viel weniger Möglichkeiten, einer Verfolgung zu entkommen.

Das Holocaust-Museum in Washington hatte die Äußerungen als »rücksichtslos« und »beleidigend« bezeichnet. Es sei fragwürdig, die Ermordung von sechs Millionen Juden »leichtfertig mit einer politischen Agenda zu vergleichen«. Sarah Weiss vom Holocaust and Humanity Center in Cincinati mahnte, Kennedy täte gut daran, »die Geschichte zu studieren, bevor er solche Vergleiche anstellt«. Letztlich verharmlosten Impfgegner den staatlich organisierten Massenmord an den Juden durch falsche Holocaust-Vergleiche. Dies sei im Kern antisemitisch.

Auch auf Fox, dem Haussender von Ex-Präsident Donald Trump, sind entsprechende Äußerungen zu hören.

Kennedy entschuldigte sich inzwischen für die Äußerung. Seine Absicht sei es gewesen, »Beispiele vergangener Barbarei zu verwenden, um die Gefahren neuer Kontrolltechnologien aufzuzeigen«, schrieb er auf seinem Twitter-Account. Doch betrifft das Problem längst nicht ihn allein. Er gehört zu einer ganzen Phalanx an Politikern, die solche Vergleiche anstellen. Auch auf Fox, dem Haussender von Ex-Präsident Donald Trump, sind entsprechende Äußerungen zu hören.

So twitterte der republikanische US-Kongressabgeordnete Warren Davidson Mitte Januar eine »aufrichtige Entschuldigung« an seine »jüdischen Freunde«. Seine Nazi-Vergleiche in früheren Postings löschte er derweil nicht: »Das ist schon mal so gemacht worden. #DoNotComply«. Mit diesen Worten hatte sich Davidson beschwert, dass in Washington etwa bei Restaurant-Besuchen das Tragen einer Maske und die Vorlage eines Impfnachweises verlangt werden.

anti-defamation league Der Chef der Anti-Defamation League (ADL), Jonathan Greenblatt, nannte Davidsons Äußerung »gefährlich und daneben«, eine Art »Holocaust-Verzerrung«. Die brutale Entmenschlichung und den Genozid an sechs Millionen Juden mit der Vorlage eines Impfausweises zu vergleichen, sei »verkehrt und muss aufhören«.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Mehrere Kongressabgeordnete, darunter der Republikaner Adam Kinzinger, konfrontierten Davidson – wie zuvor schon die Rechtsradikale Marjorie Taylor Greene, die Parallelen zwischen dem Tragen des »Judensterns« und der Vorlage von Impfnachweisen gezogen hatte. Auch Greene entschuldigte sich, ohne sich vom Inhalt ihrer Aussagen zu distanzieren. Ähnliche Äußerungen beanstanden Bürgerrechtsgruppen und jüdische Organisationen bei den republikanischen Abgeordneten Scott Perry, Madison Cawthorn und Lauren Boebert.

Zur Salonfähigkeit derartiger Vergleiche tragen auch Medienstars der Rechten bei.

Zur Salonfähigkeit derartiger Vergleiche tragen auch Medienstars der Rechten bei; wie etwa Fox-Moderator Tucker Carlson, der eine mögliche Impfpflicht mit den medizinischen Experimenten der Nationalsozialisten und in Japan verglich. Im November rief eine Äußerung der Fox-Moderatorin Lara Logan das staatliche Museum des früheren NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau auf den Plan, nachdem sie den Virologen Anthony Fauci als einen modernen Josef Mengele bezeichnet hatte. Der Kriegsverbrecher hatte als »Lagerarzt« in Auschwitz medizinische Experimente an Häftlingen vorgenommen.

Laurel Leff vom Jewish Studies Program der Northeastern University sagte der israelischen Zeitung »Haaretz«, sie gehöre nicht zu denen, die keinerlei Holocaustvergleiche für zulässig hielten. Aber im Fall der Pandemie seien diese restlos unangebracht. »Sie können an diesem Punkt nur ankommen, wenn sie an Verschwörungen glauben.«

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

Berlin

Zeichen gegen Teheran

Exil-Iraner demonstrierten vor Israels Botschaft in Berlin und drücken ihre Hoffnung auf einen Neuanfang aus

 03.03.2026

Schweiz

Drohung gegen koscheren Supermarkt

In Zürich ist es am Samstagabend zu einem Großaufgebot der Polizei vor jüdischen Einrichtungen gekommen

von Nicole Dreyfus  01.03.2026

Deutschland

Warnung vor Terror-Gefahr in Deutschland wegen Iran-Krieg

Wegen des Krieges in Nahost rechnet der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, mit einer »gesteigerten Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland«

 01.03.2026

Israel

Netanjahu an Iraner: »Vollendet es«

Regierungschef Benjamin Netanjahu richtet sich mit einer Ansprache auf Farsi an die iranische Bevölkerung

 01.03.2026

Iran

Britischer Verteidigungsminister: »Iran verliert die Kontrolle über seine Kommandostrukturen«

Großbritannien beteiligt sich am Militäreinsatz gegen den Iran. Verteidigungsminister Healey warnt vor wahllosen iranischen Angriffen

 01.03.2026

Türkei

Exil-Iraner im Glück

Nach dem Tod Chameneis feiern Exil-Iraner in der Türkei die Möglichkeit ihrer Rückkehr. Doch schwingt auch Sorge mit

 01.03.2026

Iran

Iran bestätigt Chameneis Tod und droht mit Vergeltung

Die staatlichen Medien des Iran haben Chameneis Tod bestätigt. Die Angriffe gehen beidseitig weiter - auch auf Golfstaaten

 01.03.2026

»Brüllender Löwe«

Präventivschlag gegen Iran: Die Lage im Überblick

Nach dem gemeinsamen Angriff Israels und der USA auf den Iran reagieren die Behörden auf die erhöhte Sicherheitslage. Die Lage im Überblick

 28.02.2026 Aktualisiert

Ukraine

Im Schatten der Drohnen

In Odessa, wo Strom, Wasser und die Sicherheit knapp sind, zeigen selbst jene, die kaum etwas haben, Solidarität und Mitmenschlichkeit – ganz nach dem Prinzip »Sei a Mentsch«. Ein Ortsbesuch

von Andreas Tölke  25.02.2026