Ukraine

Fürs Überleben lernen

Pessach in der Simcha-Schule mit Präsident Wolodymyr Selenskyj Foto: Simcha Habad Kyiv Jewish community

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Fürs Überleben lernen

Wie jüdische Schulen mit Spenden und viel Improvisation dem Raketenterror Russlands trotzen

von Michael Gold  20.06.2024 09:31 Uhr

»Anfang Februar 2022 wurde uns geraten, einen Notfallkoffer zu packen, aber niemand glaubte an den Ernst der Lage – weder Eltern noch Lehrer«, sagt Natella Andryushchenko, Direktorin des Schulkomplexes Mitzva-613 in Bila Tserkva, südwestlich von Kyiv. Wenige Wochen vor Kriegsbeginn brachten Freiwillige der Organisation »Christen für Israel« 50 Matratzen. Für den Fall der Fälle. »Wir haben darüber gelacht, wie viel Angst sie in Europa hätten«, erinnert sich die Schulleiterin. »Aber als wir am 24. Februar gegen fünf Uhr morgens durch Explosionen und Bomben aufwachten, war es kein Witz mehr.«

In den ersten Kriegswochen wurde die jüdische Schule im Stadtzentrum zu einem Zufluchtsort für Evakuierte aus Borodyanka, Butscha, Tschernihiw und anderen Städten. Rund 60 Personen fanden dort Schutz. Da kamen die gespendeten Matratzen gerade recht. Die Lehrer feierten das Purimfest im Keller zusammen mit den Geflüchteten.

Mitzva-613 nahm den Betrieb erst im Mai 2022 wieder auf, aber die Eltern baten darum, den Unterricht online fortzusetzen, zumindest zu therapeutischen Zwecken, da die Kinder sehr ängstlich waren. Glücklicherweise hatte man während der Covid-19-Periode bereits Erfahrungen mit dem Fernunterricht gesammelt. Von den 180 Schülern (einschließlich der Kindergartenkinder) wurden 35 bis 40 Prozent evakuiert, aber etwa die Hälfte von ihnen kehrte später zurück. Im ersten Kriegssommer wurde der Keller eingerichtet, und im September 2022 gingen die Kinder dort zur Schule.

In den ersten Kriegswochen wurde die jüdische Schule zu einem Zufluchtsort.

Es war eine Zeit intensiven Beschusses und ständiger Stromausfälle. Von Wohltätigkeitsorganisationen gespendete Generatoren kamen zum Einsatz. Geheizt wurde mit Brennholz. In den Klassenzimmern gab es oft kein Licht, aber die Eltern schickten ihre Kinder trotzdem zur Schule, denn zu Hause war es ebenso dunkel und kalt, während sie in der Schule Essen bekamen und gewärmt wurden. Und im Keller waren sie bei Beschuss sicherer.

Auch heute noch heulen manchmal zwei- oder dreimal am Tag die Sirenen

Im Jahr 2023 wurden die Stromausfälle seltener, aber der Krieg ging weiter, und auch heute noch heulen manchmal zwei- oder dreimal am Tag die Sirenen. Das bedeutet, dass alle Schüler und Lehrer, einschließlich der Kindergartenkinder, in den großen, aber feuchten und kühlen Keller hinunter müssen. Natürlich ist es unmöglich, den Unterricht dort regulär zu organisieren – die Kinder sitzen dicht an dicht auf Bänken, manchmal mehrere Stunden lang, oft erkälten sie sich.

Andrjuschtschenko erzählt, dass just am Tag vor Kriegsbeginn der Bau eines neuen Gebäudes für die jüdische Schule in Bila Tserkva beschlossen wurde. Aufgrund des Krieges begannen die Bauarbeiten erst ein Jahr später, aber das moderne Gebäude, das über einen zuverlässigen Schutzraum verfügt, entsteht in atemberaubendem Tempo. Die Gemeinde hat die Versorgung übernommen. Pünktlich zum neuen Schuljahr soll die Einweihung gefeiert werden. Auch ein Internat für Flüchtlingskinder, Vertriebene und Kinder aus benachteiligten Familien findet dort Platz.

Einer der Hauptspender für den Bau war der jüdische Hollywoodstar Liev Schreiber, dessen Großvater aus der Ukraine stammte und Jiddisch sprach. Im Sommer 2022 wurde der Golda-Schauspieler und Regisseur von Everything is Illuminated zum Botschafter von United24, einer Plattform, die Spenden für die Ukraine sammelt. Das von ihm selbst gegründete Unternehmen BlueCheck Ukraine finanziert Programme für rund 20.000 Waisenkinder aus verschiedenen Regionen des kriegsgebeutelten Landes.

Als die Mitzva-613-Schule von Schreibers Beteiligung am Bau des neuen Gebäudes erfuhr, beschloss sie, die künftige Schule nach seiner Familie zu benennen. Die Schule in Bila Tserkva ist zudem dafür bekannt, dass sie spezielle Ärmelwinkel und Kippot mit ukrainisch-jüdischen Symbolen herstellt. Diese werden kostenlos an Soldaten und Freiwillige verschickt. Viele Ukrainer kaufen die Spezialanfertigungen aus Solidarität.

In Charkiw sind mehr als die Hälfte der Schulgebäude zerstört

Natürlich ist das Leben schwierig, aber zumindest in Bila Tserkva ist der Schulbesuch erlaubt. In Charkiw, der nach Kyiv größten Stadt der Ukraine, wurden alle öffentlichen Schulen wegen des ständigen russischen Beschusses auf Online-Betrieb umgestellt, mehr als die Hälfte der Schulgebäude sind zerstört. Das jüdische Lyzeum Shaalvim blieb bislang verschont, obwohl gleich zu Beginn des Krieges eine Druckwelle das Dach leicht beschädigte und eine Rakete die benachbarte Schule getroffen hatte.

Seitdem sind mehr als zwei Jahre vergangen. Jüngst nahm der Luftalarm wieder zu, im April schlugen zwei Raketen in einem Krankenhaus ein. Die Versuche des Bürgermeisters, Unterricht in U-Bahn-Stationen zu organisieren, blieben erfolglos. Daher gibt es nur in einigen wenigen Privatschulen in der Stadt Präsenzunterricht, darunter das Shaalvim-Lyzeum, wo mit Geldern jüdischer Sponsoren wie des World Jewish Relief und der Jewish Agency ein Schutzraum eingerichtet wurde.

Es gibt einen Stromgenerator, zwei Küchen mit guter Belüftung, eine Toilette mit einer Spezialpumpe, eine Dusche mit Warmwasser, Trinkwasser- und Lebensmittelvorrat und Spielzeug. Es ist vielleicht der beste Schulschutzraum in Charkiw. Der Schulkomplex umfasst einen Kindergarten, eine Grundschule, eine Turnhalle und das Gymnasium. Von den 180 Schülern besuchen zwei Drittel den Unterricht, während der Rest online lernt – zugeschaltet zum Teil aus Israel, Deutschland oder Polen, wo sie derzeit leben.

Im Schutzraum lernen die Schulkinder weiter

Wenn die Sirenen heulen, begeben sich alle in den Schutzraum, wo die Schulkinder weiterlernen. Erzieherinnen tragen schlafende Kleinkinder auch während des Beschusses in den Keller, wo ein zweites Kinderbett für sie aufgestellt wird. »Der Krieg hat seine Spuren bei den Kindern hinterlassen. Einige haben sich daran gewöhnt, aber nicht alle«, sagt Schulleiter Jewgenij Perskij. Vor Kurzem sei in der Nähe des Hauses eines Schülers eine Rakete explodiert. »Er lernt jetzt online.«

An der jüdischen Schule Simcha in Kyiv wurde der Fernunterricht vor Kurzem aufgegeben. Der Winter 2022/2023 war äußerst schwierig: Während der Stromausfälle aufgrund des russischen Beschusses saßen die Kinder bei Kerzenlicht im Schutzraum. Oft konnten sie den Keller stundenlang nicht verlassen. Dann wurde ein Stromgenerator angeschafft, was die Situation erleichterte.

»Eine Zeit lang lernten viele Kinder online, und als sich die Lage stabilisierte, kehrten wir zur Anwesenheitspflicht zurück«, sagt Rachel Strugatsky, Lehrerin für jüdische Geschichte und Tradition. »Psychologisch gesehen war es für die Kinder ziemlich schwierig, aber als Lehrerin habe ich so meine eigenen Tricks.«

Zum Beispiel gab es am Rosch Chodesch Adar eine »Gerichtsverhandlung«, in der die Lehrer »angeklagt« waren. Unter Rachels Anleitung studierten die Kinder das Strafgesetzbuch, sie stellten Staatsanwalt und Verteidiger, und es wurden Zeugen geladen. Die Kinder waren begeistert. An Purim drehten die Schüler einen Film über die Geschichte des Festes. Es gab eine Premiere, gefolgt von einer »Oscar-Party«. Jeder der »Filmemacher« erhielt einen Preis in einer der Kategorien, darunter bester Schauspieler, beste Kameraführung und Spezialeffekte.

Jüdische Kinder in jüdischen Schulen sind die Garantie für die Zukunft.

All dies motiviere die Kinder, in die Schule zu kommen, anstatt zu Hause vor dem Computer zu sitzen. »Natürlich gehen wir bei Alarm in den Schutzraum und lernen dort weiter«, sagt Rachel. »Meist erledigen wir dann schriftliche Aufgaben, um die Schüler anderer Klassen nicht zu stören, da alle im selben Raum sitzen.«

»Im Vergleich zu Odessa ist die Situation in Kyiv viel ruhiger«

Die Schule verfügt über einen Shuttle-Service, denn 2023 blieben die Kinder zu Hause, wenn vor Unterrichtsbeginn Luft­alarm war. »Im Vergleich zu Odessa, wo alle drei bis vier Stunden Alarm gegeben wird und die Kinder den Schutzraum fast nie verlassen, ist die Situation in Kyiv viel ruhiger«, stellt Strugatsky fest.

Kurz vor Pessach war Simcha Gastgeber einer Tagung der ukrainischen Rabbiner, an der auch Präsident Wolodymyr Selenskyj teilnahm. Das Staatsoberhaupt besuchte eine Unterrichtsstunde zur jüdischen Tradition in der 9. Klasse, die von Rachel geleitet wurde. Die Schüler hielten einen Pessach-Seder für ihn und bereiteten den Kiddusch vor, wobei sie über die Symbolik des Pessachfestes und dessen Bedeutung in der heutigen Zeit sprachen. Und es ging auch darum, dass mehrere Kinder in den ersten Wochen des Krieges aus den besetzten Vororten von Kyiv evakuiert wurden und manche Väter im Krieg sind.

Die Folgen dieses Krieges für das ukrainische Judentum sind noch nicht abzusehen. Ausgedünnte Gemeinden, auseinandergerissene Familien, verlorenes Eigentum, zerstörte Infrastruktur jüdischen Lebens – ganz zu schweigen von den Toten und Verwundeten. Und doch sind die jüdischen Kinder, die in jüdischen Schulen auf den Schulbänken sitzen, die Garantie dafür, dass die ukrainische Gemeinschaft eine Zukunft hat.

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