Nachruf

»The Non-Jewish Jewish Philosopher«

Der Philosoph Ernst Tugendhat (1966) Foto: picture-alliance / dpa

Nachruf

»The Non-Jewish Jewish Philosopher«

Wahrheit und Verständigung über Wahrheit, so Tugendhat, gibt es nur in der Sprache, in propositionalen Sätzen, deren Richtigkeit und Zutreffen man überprüfen, in Frage stellen oder diskutieren kann

von Christoph Schulte  17.03.2023 07:38 Uhr

Als Ernst Tugendhat 1992 seine Abschiedsvorlesung an der Freien Universität Berlin hielt, bevor er nach Santiago de Chile übersiedelte, wählte er als Thema noch einmal seine Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger, der ihn schon in seiner Habilitation beschäftigt hatte.

Er pointierte seine Kritik an Husserl und Heidegger sogar noch schärfer: Ein Wahrheitsbegriff, der wie bei Husserl und Heidegger unterstelle, die Wahrheit scheine dem Philosophen aus sich selbst heraus auf, sei unhaltbar. Die phänomenologische Unterstellung, Wahrheit ‚zeige sich‘ in der »Wesensschau«, sozusagen visuell, in ihrer »Unverborgenheit« (Heideggers Übersetzung des griechischen Aletheia) dem ‚Blick‘ des Philosophen, sei völlig verfehlt.

Zutreffen Wahrheit sieht man nicht. Wahrheit und Verständigung über Wahrheit, so Tugendhat, gibt es nur in der Sprache, in propositionalen Sätzen, deren Richtigkeit und Zutreffen man überprüfen, infrage stellen oder diskutieren kann. Darum habe er sich seit den 1970er-Jahren der analytischen Sprachphilosophie und formalen Semantik zugewandt.

Und dann überraschte der berühmte Philosophieprofessor Tugendhat die Zuhörer mit dem Geständnis, dass er es bedauere, als junger Student 1949 nach Deutschland zurückgekehrt zu sein und bei Martin Heidegger in Freiburg studiert zu haben. Philosophisch war das ein Irrweg.
Erstaunen.

Die Rückkehr nach Deutschland 1949 zum Studium bei Heidegger war ein Fehler, nicht weil Heidegger Nazi gewesen war und als Rektor der Universität Freiburg 1933 die jüdischen Professoren entlassen hatte. Sie war nicht ein Fehler, weil der 1930 geborene Ernst Tugendhat als Jude 1938 mit seinen Eltern Brünn und die berühmte Villa Tugendhat verlassen musste, in der er als Kind spielte, und über die Schweiz schließlich nach Venezuela emigrierte, nicht weil die Deutschen seinen Großvater und andere Familienmitglieder ermordet hatten. Darüber sagte er kein Wort.

Cambridge Nein, für Tugendhat war Heideggers Philosophie ein philosophischer Irrweg. Dessen Antisemitismus hat ihn nicht wirklich interessiert. Besser, er hätte nicht als 15-Jähriger in Venezuela fasziniert Sein und Zeit gelesen und wäre 1949 gleich zu Wittgenstein nach Cambridge studieren gegangen. Denn Wittgenstein wurde dann seit den 1970er-Jahren der wichtige philosophische Anreger des Philosophieprofessors Ernst Tugendhat, als Tugendhat mit seinen Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie (1976) eines der bahnbrechenden deutschsprachigen Standardwerke auf diesem Feld vorlegte, das nicht nur ein Abklatsch der anglophonen analytischen Philosophie war.

Sein Judesein dagegen war für den Philosophen Ernst Tugendhat gerade philosophisch niemals von Belang. In der Philosophie geht es immer um allgemeine Wahrheiten, so seine Überzeugung, nicht um Partikulares wie das Judentum. Deswegen interessierte er sich auch in keiner Weise für jüdische Philosophie. Die Tora und ihre Gebote waren partikular, eine philosophische Ethik ist immer universal. Deswegen spielte sie in Tugendhats Versuchen der Grundlegung einer sprachanalytisch reflektierten Ethik und Ethikbegründung wie Probleme der Ethik (1984) oder Ethik und Politik (1992) keinerlei Rolle.

Aristoteles war ihm näher als Abraham, das stand schon seit seiner Aristoteles-Dissertation Ti katà tinos (1958) fest. Wer an der FU Berlin Aristoteles studieren wollte, konnte das bei Ernst Tugendhat tun: Freitagmorgens um 8 Uhr wurde die Metaphysik im griechischen Originaltext analysiert. Es waren trotzdem 20 Studenten da, die einmal einen echten Philosophen bei der Arbeit erleben konnten.

Nuklearpazifismus Ernst Tugendhat hat sein Judesein auch politisch niemals zum Thema gemacht. Weder beim Kampf gegen die Nachrüstung Anfang der 1980er- Jahre oder bei seinem Bekenntnis zu einem »Nuklearpazifismus«; noch kaum, wenn er publizistisch die »völkerrechtswidrige israelische Annexions-, Besatzungs- und Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten« kritisierte. Das tat er nicht zuerst als Jude, sondern als Philosoph und Schirmherr der Gesellschaft für bedrohte Völker. Sein philosophische Haltung war die, welche der Maskil David Friedländer einmal klassisch formuliert hat: Mensch sein ist wichtiger als Jude sein. Das prägte noch seine späten Arbeiten zu Anthropologie und Mystik.

Tugendhat hat seine letzten Lebensjahre wieder in Freiburg verbracht und ist dort am 13.3.2023 mit 93 Jahren gestorben.

Schweiz

Ein Jahr Gefängnis für jugendlichen Täter

Der Schweizer mit tunesischen Wurzeln hatte am 2. März 2024 auf der Straße einen orthodoxen Juden niedergestochen. Am Dienstag wurde der 17-Jährige verurteilt

von Nicole Dreyfus  07.07.2026

Spanien

Bericht: Jüdische Touristen von Menschenmenge verfolgt

Erneut ist es in Barcelona zu einem antisemitischen Vorfall gekommen: Zwei jüdische Touristen wurden eigenen Aussagen zufolge von mehreren Menschen verfolgt, bespuckt und beleidigt

 07.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Ungarn

Ein Löffel Paprika, eine Prise Identität

Lili Lantos präsentiert auf Instagram ihr digitales Kochbuch mit jüdischen Familienrezepten. Dabei schafft sie Nähe, ohne viele Worte zu verlieren

von Nicole Dreyfus  05.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Schweiz

Zürcher Attentäter schweigt vor Gericht

Der 17-jährige Angeklagte, der am 2. März 2024 in Zürich einen orthodoxen jüdischen Mann fast tötete, verweigert vor Gericht jede Aussage. Ihm droht wegen mehrfachen versuchten Mordes die höchstmögliche Jugendstrafe von einem Jahr Freiheitsentzug.

von Nicole Dreyfus  02.07.2026

USA

Es war einmal ein »Reich der Güte«

Vor 250 Jahren wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Aus jüdischer Perspektive war die Entstehung der Neuen Welt auch der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

von Paul Bentin  02.07.2026