Ukraine

Fünfte Kolonne?

Vertreter der Russischen Freiheitslegion und des Russischen Freiwilligenkorps (RDK) Ende Mai nach einer Besprechung im Norden der Ukraine Foto: picture alliance / Photoshot

Ukraine

Fünfte Kolonne?

Wie russische Rechtsextreme im Krieg für Kiew kämpfen. Einige sind jüdischer Herkunft

von Alexander Friedman  23.06.2023 21:08 Uhr

Seit Wochen wird das russische Gebiet Belgorod von der Ukraine intensiv beschossen. Heftige Kampfhandlungen finden statt, Vorstöße »ukrainischer Saboteure« werden gemeldet, die Presse berichtet über verletzte und getötete Zivilisten. Diese Aktionen, gepaart mit Drohnenangriffen, sind ein wesentliches Element der ukrainischen Großoffensive. Kiew will dadurch russische Kräfte im Grenzraum binden, Moskaus Schwachstellen ausloten und die Stimmung in Russland beeinflussen.

Im Westen beobachtet man die Entwicklungen mit gemischten Gefühlen: Einerseits wird der russische Aggressor nach dem biblischen Prinzip »Wer Wind sät, wird Sturm ernten« vorgeführt – andererseits befürchtet man eine Eskalation. Moskau jedoch agiert medial passiv und spielt die Brisanz der Situation herunter.

LEGION Neben Drohnenangriffen und dem andauernden Artilleriebeschuss des Gebiets Belgorod macht dem Kreml ein weiteres Phänomen zu schaffen: Rebellen der Legion »Freiheit Russlands« (SR) und des »Russischen Freiwilligenkorps« (RDK) – aufseiten der Ukraine kämpfende selbst ernannte »freie Bürger Russlands«, welche die Verantwortung für Aktionen im Grenzgebiet übernehmen, ihre Anhänger russlandweit anwerben und Putins Regime stürzen wollen.

Die »russischen Freiwilligen« drohen dem Kreml mit einem Vormarsch nach Moskau.

Selbstbewusst und entschlossen schildern »russische Freiwillige« ihre militärischen Erfolge und drohen den russischen Machthabern mit einem Vormarsch nach Moskau. Ihre Berichte lassen sich in der Regel nicht verifizieren. Über die tatsächliche Stärke der russischen Verbände kursieren widersprüchliche Angaben. Manche Militäranalysten halten sie gar für einen Bluff, für eine PR-Aktion der ukrai­nischen Kriegspropaganda.

Die Ukraine indes distanziert sich von »russischen Freiheitskämpfern« und bedient sich der russischen Strategie aus den Jahren 2014/15: Damals bestritt der Kreml die Kontrolle über Separatisten im ukrainischen Südosten, obschon dies offensichtlich war. Diesmal weist die Ukraine auf einen Bürgerkrieg in Russland hin, mit dem Kiew nichts zu tun habe.

Eine souveräne Reaktion der russischen Führung bleibt indes aus: Mal wird die bloße Existenz der »russischen Verbände« schlichtweg geleugnet, mal werden russische Kämpfer – vor allem von Propagandisten jüdischer Herkunft – als »Neonazis« verunglimpft und zu geistigen Nachfolgern der berüchtigten Wlassow-Armee stilisiert. Letztere bestand in erster Linie aus sowjetischen Kriegsgefangenen und hat im Zweiten Weltkrieg auf der Seite Nazi-Deutschlands gekämpft.

»FASCHISTEN« Immer wieder »Nazis« und »Faschisten« – für die russische Propaganda längst das wichtigste Feindbild. Aber hat Moskau diesmal vielleicht doch in gewisser Hinsicht recht? Zur SR-Legion und zum RDK gehören in der Tat etliche prominente Figuren der russischen Neonazi-Szene – darunter offene Hitler-Verehrer. Während die Legion ihre ideologische Agenda nicht weiter präzisiert, macht das RDK kein Hehl aus seinem Nationalismus und Rassismus: Die Russische Föderation soll in einen nach dem »Blut- und Leistungsprinzip« aufgebauten »Nationalstaat« umgewandelt werden.

Als RDK-Anführer fungiert der einstige Kölner Unternehmer und Fußballhooligan Denis Kapustin (Nikitin) – auch bekannt als »White Rex«. Besonders skurril mutet im Fall Nikitin an, dass dieser in der deutschen Neonazi-Szene offenbar gut vernetzte gebürtige Moskauer mit jüdischen Wurzeln in den frühen 2000er-Jahren ausgerechnet als sogenannter jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland kam.

In Russland schreckt inzwischen nicht einmal der selbst erklärte »Freund des jüdischen Volkes«, Präsident Wladimir Putin, vor antisemitischer Rhetorik zurück und lässt sich über die jüdische Herkunft des ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj aus. Auch RDK-Anführer Nikitin wird von manchen Autoren zu einem »jüdischen Nazi« stilisiert. Dabei werden seine jüdischen Wurzeln und seine biografische Verbindung zu Deutschland – dem »Mutterland des Nationalsozialismus« – besonders hervorgehoben.

Für Putins liberale Gegner, die im Exil leben, stellen die Entwicklungen ein Dilemma dar.

Antisemitische Parolen, die für die Neonazi-Szene nahezu selbstverständlich sind, sucht man bei den »russischen Freiwilligen« jedoch vergeblich. Sie bestreiten ihre Sympathien für Hitler und blenden das heikle »jüdische Thema« aus. Anders als Putin oder seinen Außenminister Sergej Lawrow scheint sie Selen­skyjs Herkunft nicht zu stören. Dieses Paradox ist offenbar kein Zufall. Es spiegelt vielmehr eine Doppelstrategie des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR wider, der Presseberichten zufolge hinter den »russischen Freiwilligen« stecken soll.

antisemitismus HUR-Chef General Kyrylo Budanow gilt als talentiert und sehr ambitioniert. Er profiliert sich als Kenner der internationalen Politik und vor allem Russlands. Da die Legion und das RDK international wahrgenommen und stets mit Kiew in Verbindung gebracht werden, sollte der Antisemitismus ihrem Ruf und vor allem dem Ruf der ukrainischen Streitkräfte nicht zusätzlich schaden. Das rechtsextreme Gedankengut russischer Kämpfer kommt zwar der Moskauer Propaganda zugute, die dadurch ihr Feindbild der »Nazi-Ukraine« untermauern kann.

Jedoch sieht der HUR mehr Vorteile als Nachteile für die Ukraine: In Kiew geht man davon aus, dass rassistische und nationalistische Ressentiments in Russland weit verbreitet sind. Sie zersetzen die russische Gesellschaft und könnten die Legion sowie das RDK für viele Menschen attraktiv machen.

Für Putins liberale Gegner aus Russland, die inzwischen im Exil im Westen leben, stellen die Entwicklungen im ukrainisch-russischen Grenzgebiet ein moralisch-ethisches Dilemma dar. Gerade Politiker und Intellektuelle jüdischer Herkunft hadern mit dem brisanten Thema. So findet der Schriftsteller Wiktor Schenderowitsch die Zusammenarbeit zwischen Kiew und russischen Neonazis unerträglich.

gesinnung Alexej Nawalnys Mitstreiter Leonid Wolkow relativiert die Bedeutung russischer Einheiten und hebt zugleich ihre Neonazi-Gesinnung hervor. Der einstige russische Oligarch und jetzige israelische Philanthrop Leonid Nevzlin reagiert hingegen gelassen auf die Legion und das RDK. Obschon er den Neonazi-Hintergrund einzelner Kämpfer nicht infrage stellt, lehnt er eine pauschale Diffamierung ab und findet den Einsatz der Russen im Kampf gegen Putin grundsätzlich nützlich.

Und genau das ist die Sicht der ukrainischen Staats- und Militärführung, die davon überzeugt ist, dass ein Existenzkampf nicht »in weißen Handschuhen« gewonnen werden kann. Russische Rechtsex­tremisten sind bereit, für die Ukraine zu kämpfen und zu sterben. Ihre Gesinnung spielt für Kiew keine Rolle. Sie sind ein nützlicher Teil der möglicherweise kriegsentscheidenden Offensive.

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026

Washington D.C.

Gates: »War dumm von mir, Zeit mit Epstein zu verbringen«

In den jüngst veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters Epstein tauchen viele prominente Namen auf - auch der des Microsoft-Mitgründers. Nun äußert er sich dazu

 05.02.2026

London

Epstein-Skandal stürzt Starmer in die Krise

Obwohl der britische Premier von der Freundschaft Peter Mandelsons zu Jeffrey Epstein wusste, ernannte er ihn zum Botschafter in den USA. Selbst in den eigenen Reihen ist der Ärger groß

 05.02.2026

Wien

US-Flüchtlingsorganisation HIAS muss ihr Europa-Büro schließen

Die US-Regierung hat das historische Programm für religiöse Minderheiten aufgekündigt. Damit sind aktuell Hunderte Juden im Iran gestrandet

 04.02.2026

Geschichte

Kühe und das große jüdische Erbe

In Endingen und Lengnau liegt die Wiege des Schweizer Judentums – von dort ging es in die Welt. Zu Besuch bei einem der letzten Viehhändler im Surbtal

von Nicole Dreyfus  03.02.2026

Alltag in Zürich: Orthodox gekleidete Juden im Stadtteil Wiedikon, wo sihc der jüngste Vorfall ereignete.

Schweiz

Jüdischer Mann in Zürich mit Fäusten attackiert

Am Montagabend kam es in Zürich auf einer Straße erneut zu einem Vorfall antisemitischer Gewalt

 03.02.2026

USA

Coole Saftas

Wie jüdische Großmütter endlich das Kino erobern

von Sarah Thalia Pines  01.02.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026