Großbritannien

Fluchtpunkt London

Es ist nicht leicht, die Zentrale der Jewish Women’s Aid (JWA) zu erreichen. Die genaue Adresse steht aus Sicherheitsgründen weder im Internet noch auf Informationsflyern. Nur wer einen Termin hat und erwartet wird, erfährt die Adresse.

Das Büro liegt im Norden Londons, nicht allzuweit entfernt von einigen der Viertel, in denen besonders viele Juden leben. An langen Tischen sitzen sechs Mitarbeiterinnen, einige davon am Telefon. Alle hier sind Frauen. An den Wänden kleben Poster vergangener Kampagnen. Neben dem Eingang sind Boxen mit Flugblättern und Broschüren aufgestapelt. Daneben liegt in einer großen offenen Kiste Spielzeug – eine Erinnerung daran, dass häusliche Gewalt auch Kinder zu Opfern macht.

Tradition In einer ruhigen Ecke sitzt Emma Bell, die Leiterin der Einrichtung. Es sei kein Zufall, sagt sie, dass es eine dezidiert jüdische Hilfsorganisation für Gewalt gegen Frauen gibt. Immerhin sei auch das weltweit erste Frauenhaus von einer Jüdin gegründet worden, von Erin Pizzey. Das war 1971.

Gewalt gegen Frauen sei in jüdischen Haushalten weder schlimmer noch harmloser als in nichtjüdischen, sagt Bell. Doch benötigten vor allem orthodoxe Frauen länger, um Hilfe zu suchen. Sozialer Druck, der Versuch, den Familienfrieden zu bewahren, sowie fehlende Kontakte zur Außenwelt erschwerten es manchen Frauen, aus prekären Lagen herauszukommen: »Wir haben deshalb in vielen Synagogen in den Damentoiletten und an öffentlichen Orten, die von Frauen aufgesucht werden, ebenso wie in Arztpraxen Poster mit Situationsbeschreibungen und unseren Kontaktdaten aufgehängt.«

»Eine Frau erzählte mir einmal«, fährt Bell fort, »wie sie ein solches Poster jahrelang immer wieder Woche für Woche am Schabbat anstarrte und sich sagte: Das bin ich, die da beschrieben wird.« Bell erzählt, dass diese Frau erst nach Jahren den Mut aufbrachte, sich bei JWA zu melden, weil sie, wie viele andere Frauen, unter Schuldgefühlen und Verunsicherung litt und Angst hatte, stigmatisiert zu werden.

Hilferufe Rund 270.000 Juden leben auf den Britischen Inseln, etwa die Hälfte davon sind Frauen. Die Jewish Women’s Aid hilft jedes Jahr ungefähr 200 Frauen direkt und erhält mehr als 500 Hilferufe. Bell selbst, eine schlanke, energische und direkte Frau, kommt aus dem Bereich des Krankenhausmanagements und arbeitete, bevor sie den Posten als JWA-Leiterin annahm, jahrelang für Amnesty International in Russland.

JWA ist offen für alle Frauen, die sich ganz oder auch nur entfernt dem Judentum zurechnen. Die Mitarbeiter und Freiwilligen sprechen sowohl Englisch als auch Hebräisch und Jiddisch. »Etwas, das ich hier gelernt habe, ist, dass die Fragmentierung der jüdischen Gemeinschaft für viele Frauen ein großes Thema ist«, sagt Bell. Sie erlebe oft, dass sich die verschiedenen Strömungen gegenseitig die Verantwortung für Gewalt gegen Frauen zuschieben. Ob jüdisch oder nicht – es sei immer schwer, anzuerkennen, dass es zu Hause mehr als normale Eheprobleme gibt.

Bell empfiehlt deshalb Rabbinern vor einer Trauung mit Braut und Bräutigam auch über Eheprobleme zu sprechen und darüber, was in einer Beziehung normal ist und was nicht. Die JWA selbst führt zum Beispiel derartige Programme mit Teenagern an einigen Oberschulen durch. Haredi-Schulen beteiligen sich in der Regel nicht daran.

Drohungen Diese Arbeit sei nicht nur für die Zukunft wertvoll, sondern auch, um gegenwärtige Probleme aufzudecken. »Da gab es Fälle«, erinnert sich Bell, »in denen es schließlich die 14-jährige Tochter war, die sich bei uns meldete, um über die dramatische Situation zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater zu sprechen.« Aber es sei nicht immer physische Gewalt, die Frauen in den Abgrund treibe, sondern oft gerade die verbale, emotionale.

Zum Beispiel habe eine Frau ihr einmal erzählt, wie ihr Mann ihr vor der Geburt ihres gemeinsamen Kindes in die Augen schaute und dabei sagte, er hoffe, sie werde bei der Geburt sterben, berichtet Emma Bell. »Die Frau sagte, dass die Wunden ihres Körpers verheilt sind, sie aber diese Worte nie vergessen könne.«

JWA ist Europas führende Organisation, die sich für jüdische Frauen einsetzt, die Opfer häuslicher Gewalt sind, und die einzige, die eine eigene Zufluchtsstätte anbietet. Die Londoner Einrichtung will für die Frauen, denen sie hilft, bewusst neutral bleiben und verstehen, statt zu urteilen. Nur selten müsse man die Polizei rufen, zum Beispiel, wenn für eine Frau oder ihre Kinder Lebensgefahr besteht. Bei allen Kontakten achte man sehr auf die Privatsphäre der Frau – zum Beispiel würden die Helfer nie Nachrichten auf Anrufbeantwortern hinterlassen.

Für den Fall, dass es keine Alternative gibt, besitzt JWA ein eigenes Frauenhaus mit Zimmern und koscher geführter Küche. In einigen Fällen bietet die Organisation auch Ortswechsel an. Manche jüdischen Kreise seien jedoch so klein, dass es unmöglich für eine Frau und ihre Familie ist, innerhalb Großbritanniens umzuziehen. Dann komme es vor, dass die Frauen aufgrund ihrer Situation nach Israel auswandern, sagt Bell. Nicht selten verließen Frauen sogar ganz ihr bisheriges kulturelles und religiöses Umfeld.

Rabbiner Für Probleme, die nicht mit Gewalt zu tun haben, betreibt JWA eine rabbinische Beratungsstelle. Dort erhalten Frauen Antworten auf religiöse Fragen zum Eheleben. Emma Bell möchte ihre Erfahrungen auch an Partner in anderen europäischen Ländern weitergeben. Sie empfiehlt kleineren jüdischen Gemeinden, sicherzustellen, dass es professionelles Personal gibt, das Gewalt gegen Frauen aus der Perspektive einer Frau versteht. Vertrauenswürdigkeit sei dabei absolut notwendig. Gerade wenn die Hilfe von Nichtjuden angeboten werde, könne es zu weiteren Ängsten kommen – nämlich davor, dass die Gesprächspartner schlecht über Juden denken.

Auf die Frage, welche Momente für sie in den Jahren mit JWA besonders einprägsam waren, muss Bell lange überlegen. Ihre Antwort ist schlicht und bedrückend: »Wenn mir die Frauen immer wieder sagen: Du hast mir das Leben gerettet! Ohne dich wäre ich heute tot.«

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