Brasilien

Evangelikales Erinnern

»Tempel Salomos« der Universalkirche Foto: imago/Fotoarena

Brasilien

Evangelikales Erinnern

Die Universalkirche will in ihrem »Tempel Salomos« in São Paulo ein Holocaust-Museum einrichten

von Andreas Nöthen  24.10.2019 11:43 Uhr

Die jüdische Gemeinde wartet ab. »Wir müssen zunächst mehr über das Projekt erfahren«, sagte Fernando Lottenberg, der Präsident der Brasilianischen Israelitischen Vereinigung, kürzlich im Gespräch mit der Zeitung »Estado de São Paulo«. Jedoch fügte er hinzu, die Holocaust-Erziehung müsse Priorität haben in einer Zeit, in der Antisemitismus und andere Vorurteile weltweit wieder zunähmen.

Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass die evangelikale Universalkirche (Igreja Universal) plant, in São Paulo ein Holocaust-Museum zu eröffnen. »Momentan befindet sich das Projekt in der Anfangsphase«, man spreche mit Vertretern der jüdischen Gemeinde, teilt die Kirche mit.

Holocaust-Mahnmal Das Museum wäre das zweite Holocaust-Museum in Brasilien. Das erste eröffnete 2011 in Curitíba im südlichen Bundesstaat Paraná, allerdings initiiert von der dortigen jüdischen Gemeinde. Darüber hinaus gibt es in São Paulo ein Holocaust-Mahnmal. Ein weiteres soll in Rio de Janeiro entstehen. 2017 präsentierte der dortige Bürgermeister Marcelo Crivella seine Pläne.

Doch seit dem ersten Spatenstich vor zwei Jahren ist nichts geschehen. Sowohl die Stadt als auch der Bundesstaat sind derzeit blank. Die anhaltende Wirtschaftskrise lässt die kalkulierten Spenden für die Baukosten nicht fließen. Interessant dabei: Auch Bürgermeister Crivella gehört der evangelikalen Universalkirche an. Vor seiner Zeit als Stadtoberhaupt war der heute 62-Jährige Bischof dieser Kirche.

Geldprobleme dürfte es bei dem Projekt in São Paulo keine geben. Es soll in den »Tempel Salomos« der Kirche integriert werden. Der Tempel, der eine originalgetreue Nachbildung des Jerusalemer Tempels sein soll, wurde im Sommer 2014 fertiggestellt. 10.000 Beter finden in dem Gebäude Platz, das als größter Kirchenbau Südamerikas gilt.

Als Kirchengründer Edir Macedo 1977 vom Lotterieangestellten umsattelte, um eine Glaubensgemeinschaft zu gründen – einen theologischen Hintergrund braucht es dazu nicht –, war kaum abzusehen, dass er damit 40 Jahre später einer der reichsten und einflussreichsten Unternehmer Brasiliens sein würde. Damals war die katholische Kirche die herrschende Religion.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute sind rund 30 Prozent der Brasilianer in evangelikalen Kirchen aktiv, wovon die Igreja Universal die größte sein soll. Wesentlicher Bestandteil von Macedos Ge­schäftsmodell sind Massenmedien. Ihm ge­hören 76 Mittelwellen- und UKW-Stationen sowie 20 Fernsehsender, mit denen er rund 75 Prozent der Brasilianer erreichen kann – ein Milliardengeschäft.

Pfingstler Das Heilsversprechen der neupfingstlerischen Ausrichtung ist simpel und lässt sich als »Wohlstandsevangelium« beschreiben. Sprich: Materieller Reichtum ist ein Zeichen der Liebe Gottes. Für den Gläubigen bedeutet das, je mehr er der Kirche spendet, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihm die Liebe Gottes und damit auch materieller Reichtum widerfährt.

Neben der Heilsbotschaft vertreten die evangelikalen Kirchen ein konservatives bis reaktionäres Weltbild. Abtreibungen werden ebenso abgelehnt wie etwa gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften.

Da wundert es nicht, dass evangelikale Kirchen die Kandidatur Jair Bolsonaros für das Präsidentenamt unterstützten. Man erkannte früh, dass jemand wie er den Einfluss der Kirchen auf die Politik stärken könnte. Zumal Bolsonaro der evangelikalen Kirche nicht abgeneigt ist. Zwar selbst katholisch, schloss er die Ehe mit seiner dritten Ehefrau Michelle de Paula Firmo Reinaldo Bolsonaro aber in einer evangelikalen Kirche.

Im Präsidentschaftswahlkampf wurde Bolsonaro massiv von den evangelikalen Kirchen gepusht. Dafür steht er nun in der Pflicht, die inhaltlichen Ziele der Kirchen politisch zu unterstützen.

Brasilien selbst war zwar nicht Schauplatz des Holocaust, aber während der Judenverfolgung durch die Nazis flüchteten viele nach Südamerika. Beim letzten Zensus lebten in Brasilien rund 107.000 Juden.

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