Geschichte

»Es geht um Unterschiede und Gemeinsamkeiten«

William H. Weitzer Foto: Marco Limberg

Herr Weitzer, das Leo Baeck Institute dokumentiert die Geschichte des deutschsprachigen Judentums. Welche Rolle spielt dabei die Gegenwart?
Wir achten sehr genau darauf, dass die Vergangenheit in Verbindung zur Gegenwart steht. Die Vergangenheit ist ein eigenständiger bedeutender Bestandteil. Allein die Botschaft, dass die deutsch-jüdische Geschichte Teil der deutschen Geschichte ist, ist wichtig.

Was sind die Herausforderungen Ihrer Arbeit?

Den Menschen einen Bezug zu dem zu vermitteln, was vor 100 Jahren geschah, um daraus Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Wir sollten es uns nicht zu leicht machen und sagen: »Diese Situation sagt uns das und das über dieses Thema und jene Situation über diese und jene Gelegenheit.« Es geht um die Unterscheide und die Gemeinsamkeiten. Genau das versuchen wir ins Heute zu transportieren.

Wie ist die Situation der deutschen Juden heute in den USA?

Wir stehen vor einem Problem, denn die deutschsprachigen Juden, die ihre Heimat in den 30er-Jahren verlassen mussten, sind schon sehr alt. Und das Interesse der Enkel ist natürlich ein anderes. Unsere Gründer haben versucht, die Erinnerung an das selbst Erlebte aufrechtzuerhalten. Die Enkel versuchen nun, die Erinnerung an ihre Vorfahren zu bewahren.

Wie beobachten Sie die politische Situation in Europa derzeit?
Das Leo-Baeck-Institut ist keine politische Einrichtung, aber natürlich verfolgen wir die Geschehnisse in Europa und jetzt auch in den USA. Aber ich möchte noch einmal auf den Punkt der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sprechen kommen. Es ist sehr einfach, ein Argument zurückzuweisen mit dem Hinweis: »Das ist etwas anderes.« Aber man muss das, was geschieht, in seiner Gesamtheit betrachten – den Aufstieg von Alt-Right-Parteien in Europa, den sehr konservativen US-Präsidenten und einen Berater, der mit der amerikanischen Alt-Right-Bewegung verbunden ist. Um zu verstehen, was heute passiert, müssen wir als Historiker etwas beitragen und die Geschichten bewahren.

Es gibt verschiedentlich Ansätze, das Jahr 2016 mit 1933 zu vergleichen. Kann man das überhaupt?
Ich würde das mit größter Vorsicht betrachten. Roger Cohen schrieb kürzlich in seiner Kolumne in der »New York Times« über die 15 Jahre nach dem 11. September 2001 bis zur Wahl Trumps zum Präsidenten und die 15 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Wahlsieg Adolf Hitlers 1933. Es gibt viele Dinge, die einem auffallen, aber ich wäre damit vorsichtig.

Mit dem Direktor des Leo-Baeck-Instituts New York sprach Katrin Richter.

www.lbi.org

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