Polen

Erinnern in Zeiten erfundener Wahrheiten

Schoa-Überlebende protestieren vor der polnischen Botschaft in Tel Aviv gegen das Holocaust-Gesetz (Februar 2018) Foto: Flash 90

Nichts wird mehr so sein wie früher. Zwar werden zum Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar wieder Schoa-Opfer und ihre Familienangehörigen aus aller Welt nach Polen kommen, zwar werden Politiker, Historiker und Überlebende an die Gräuel in den nazideutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern erinnern – doch im Zentrum der Aufmerksamkeit werden nicht mehr die Opfer stehen, sondern das polnische »Holocaust-Gesetz« vom vergangenen Jahr.

Das Schlüsselwort in diesem weit auslegbaren Text ist »faktenwidrig«.

Polens regierende Nationalpopulisten schienen den diplomatischen Sturm nicht erwartet zu haben, den ihr »Gesetz zum Schutz des guten Rufes Polens« in Israel und den USA auslösen würde. Angeblich, so behaupteten Politiker der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) immer wieder, gehe es nur darum, den missverständlichen Begriff »polnisches Lager« für SS-Konzentrations- und Vernichtungslager im deutsch besetzen Polen (1939–1945) auszumerzen.

Allerdings kam dieser Begriff im Gesetzesprojekt gar nicht vor. Im Wortlaut hieß es vielmehr: »Jeder, der öffentlich der polnischen Nation oder dem polnischen Staat faktenwidrig die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen zuschreibt, die durch das Dritte Deutsche Reich begangen wurden, unterliegt einem Bußgeld oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Dies gilt ebenso für die Zuschreibung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Frieden sowie für Kriegsverbrechen.«

Faktenwidrig Das Schlüsselwort in diesem weit auslegbaren Text ist »faktenwidrig«. In der Forschung gibt es nur Fortschritt, wenn es möglich ist, altbekannte Wahrheiten zu überprüfen und sie gegebenenfalls durch neue Forschungsergebnisse zu ersetzen.

Laut Gesetz sollte künftig eine Art Wahrheitsministerium – das Institut des Natio­nalen Gedenkens (IPN) – für die jeweils aktuellen Fakten zuständig sein. Der neu eingesetzte und nunmehr PiS-loyale IPN-Chef behauptete denn auch schnell, dass 1941 in Jedwabne nicht katholische Polen an ihren jüdischen Nachbarn ein Pogrom verübten, sondern in Wahrheit Deutsche die Täter gewesen seien. Damit widersprach er zwar den Forschungsergebnissen seines eigenen Instituts, rettete aber – zumindest der neuen PiS-Geschichtsideologie zufolge – »den guten Ruf Polens«.

Doch der politische Druck
aus Israel und den USA stieg.

Der israelische Premier Benjamin Netanjahu war derart empört über das Gesetzesprojekt, dass er Jerusalems Botschafterin in Polen, Anna Azari, anwies, statt am Gedenktag der Auschwitz-Befreiung ihre vorbereitete Rede zu halten, lautstark gegen das polnische »Holocaust-Gesetz« zu protestieren und seine Korrektur zu verlangen. So geschah es dann auch. Die in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau versammelten Überlebenden und ihre Familienangehörigen waren entsetzt.

»Schmalzowniks« Zunächst tat sich nichts. Staatspräsident Andrzej Duda unterschrieb das Gesetz in unveränderter Form, sodass es in Kraft trat. Doch der politische Druck aus Israel und den USA stieg so sehr, dass die PiS das Zensurgesetz Mitte 2018 abmilderte und die Strafandrohung von bis zu drei Jahren Haft strich.

Eine Zivilklage, die hohe Geldstrafen nach sich ziehen kann, ist weiterhin möglich, wenn jemand in der Öffentlichkeit über »Schmalzowniks« spricht, über katholische Polen also, die Juden in der Besatzungszeit erpressten und häufig an die Gestapo verrieten. Oder wenn er das heikle Thema der »Judenjagd« aufgreift, bei der zum Beispiel polnische Partisanen immer wieder Juden auf der Flucht vor den Nazis erschossen.

Debatte Auf erneut heftige Kritik stieß im Sommer die gemeinsame Erklärung der beiden Premiers Mateusz Morawiecki und Benjamin Netanjahu, in der sie behaupten, dass Antisemitismus und Antipolonismus gleichermaßen bekämpft werden müssten. In der Knesset kam es nicht zur offenen Debatte über dieses seltsame polnisch-israelische Papier, da Netanjahu eine den Abgeordneten vorher nicht bekannte Auslandsreise antrat.

Mitte Dezember überprüften Journalisten des polnischen Internetportals ONET, wie viele Prozesse aufgrund des neuen Zensurgesetzes geführt und welche Urteile gefällt wurden. Seit Juni 2018, so ihr Ergebnis, gingen bei den Staatsanwälten des IPN rund 70 Anzeigen ein, von denen bisher allerdings keine einzige zu einem Gerichtsprozess führte. Jaroslaw Kaczynski, der PiS-Parteichef, drohte allerdings bereits: »Das IPN wird nicht darauf verzichten, Zivilklage gegen Verleumder zu erheben.«

Rotterdam

Wieder Brandanschlag auf Synagoge - diesmal in Holland

Erneuter Terrorakt gegen die jüdische Gemeinschaft: Am Freitagmorgen wurde am Eingang des Gotteshauses der jüdischen Gemeinde Rotterdam ein Feuer gelegt

 13.03.2026

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 12.03.2026

Michigan

Antisemitischer Anschlag: Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet. Donald Trump spricht von einer »schrecklichen Sache«

 13.03.2026 Aktualisiert

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  12.03.2026

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026

Supercentenarians

Älteste Holocaust-Überlebende Mollie Horwitz wird 110 - oder gar 113

Mit 110 Jahren steigen Hochbetagte auf in die Gruppe der »Supercentenarians«, von denen es nicht viele auf der Welt gibt. Gehört Mollie Horwitz jetzt dazu oder schon seit drei Jahren, wie Wissenschaftler vermuten?

von Christiane Laudage  11.03.2026

Brüssel

Belgische Juden fordern Antisemitismusbeauftragten

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die Synagoge von Lüttich verlangt der jüdische Dachverband CCOJB größere Anstrengungen der Politik im Kampf gegen Judenhass

 10.03.2026

Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

In seinem Jahresbericht zum Antisemitismus verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zwar einen Rückgang bei tätlichen Angriffen - aber einen massiven Zuwachs im Online-Bereich

von Michael Thaidigsmann  10.03.2026