Ungarn

Ende der Heimlichkeiten

Der Deák-Ferenc-Platz ist beliebt im Sommer: Zischend sprudelt das Bier aus Zsófis Dose. An den warmen Abenden ist hier einer der zentralen Treffpunkte der Budapester Jugend, genau zwischen einer der größten Kirchen Ungarns – der St.-Stephans-Basilika – und der größten Synagoge Europas. Zsófi stößt mit Peter auf den Abend an. Auf einmal holt Peter seine Kippa aus der Jackentasche und setzt sie auf. »Ich trage sie immer in meiner Tasche«, sagt er. Er könne das in Ungarn problemlos tun. Seine Begründung: »Weil ich Kampfsporterfahrung habe und mit mir völlig im Reinen bin.«

Peter ist nicht religiös. Dass er die Kippa in der Öffentlichkeit aufsetzt, kommt fast nie vor. »Das Leben ohne sie ist in Ungarn deutlich einfacher«, erklärt der 29-Jährige, der zur dritten Generation ungarischer Juden nach der Schoa zählt. Seine Verbindung zum Judentum ist für ihn in erster Linie kultureller Natur. »Es ist eine Verbindung zu meinen Wurzeln«, sagt Peter – und meint damit nur die Familie mütterlicherseits.

ZWEIFEL Denn viele Juden der dritten Generation in Ungarn haben nur einen jüdischen Elternteil. So ist es auch bei Peter, Student der Ingenieurwissenschaft: Nur seine Mutter ist jüdisch. Die familiäre Geschichte ist bei den meisten jüdischen Familien in Ungarn sehr ähnlich: »Meine Familie hat sich nach dem Holocaust vom Judentum abgewandt«, erzählt Peter. Die Erfahrung des Massenmordes an sechs Millionen europäischen Juden, von denen eine halbe Million Ungarn waren, hat sich tief in das Bewusstsein eingebrannt. »Der Horror des Krieges ließ sie einfach irgendwann an der Existenz Gottes zweifeln.«

Deswegen erzogen auch Peters Großeltern seine Mutter nicht religiös. »Sie zündeten zwar jeden Freitagabend Kerzen zu Hause an, erzählten ihr aber, dass es zum Gedenken an Verwandte sei«, erinnert sich Peter an die Erzählungen. So blieb auch ihm der Glaube fern: »Ich respektiere Religion, mag die Kerzen am Schabbat und zu Chanukka. Aber als religiös verstehe ich mich nicht.«

Genauso wenig kann Zsófi mit dem Glauben anfangen. Ihr jüdischer Vater hat nie mit ihr über das Judentum geredet. »Es war ein Tabuthema zu Hause«, sagt die 27-Jährige. Dass ihr Hintergrund anders ist als bei den meisten Ungarn, verstand sie erst, als die anderen Kinder in der Schule anfingen, über den Zweiten Weltkrieg zu reden. Das Judentum ließ sie danach nicht mehr los – »ich fand es kulturell, historisch und archäologisch unheimlich interessant«, sagt Zsófi. Nur eben nicht religiös.

Kompliziert »Ich glaube, es ging bei meinen Großeltern nicht um Angst«, sagt sie nachdenklich. »Sie sahen ihr Judentum einfach als etwas Negatives, etwas Kompliziertes an.« Dass es auch heute noch kompliziert in Ungarn ist, wissen Zsófi und Peter aus eigener Erfahrung. »Natürlich hoffe ich, dass der Antisemitismus abnehmen wird«, sagt Peter. Daran zu glauben, fällt ihm aber schwer: »Wir entwickeln uns aktuell in eine schreckliche, antidemokratische Richtung.«

Offiziell ächtet die nationalkonservative Fidesz-Regierung von Ministerpräsident Victor Orbán Antisemitismus. Doch das von der Regierung ausgerufene Holocaust-Gedenkjahr sorgt mit seinen geschichtsrevisionistischen Skandalen bereits seit Monaten für internationale Schlagzeilen. Zwischen der Regierung und Mazsihisz, dem Verband der jüdischen Gemeinden in Ungarn, kam es schließlich zum Bruch. Seitdem boykottiert die Mazsihisz alle offiziellen Veranstaltungen und finanziellen Zuwendungen der Regierung im Rahmen dieses Gedenkjahres.

Gabor Tausz glaubt nicht, dass sich die Situation für Juden in Ungarn verbessern wird. Allerdings betont er: »Wir können heutzutage koscheres Fleisch kaufen, ungestört unsere Feiertage feiern und einfach als Juden leben. In der Geschichte ging es uns schon deutlich schlechter.«

Konversion Wie Zsófi hat auch Gabor nur einen jüdischen Vater. Im Gegensatz zu den anderen beiden ist Judentum für den Filmproduzenten und Kameramann allerdings wesentlich mehr als nur Kultur. Und weil er nach der Halacha nicht als jüdisch galt, konvertierte der 29-Jährige im vergangenen August. »Es war eine lange Reise«, erinnert er sich. »Obwohl meine halbe Familie jüdisch war, und wir, seit ich klein bin, Chanukka, Pessach und Jom Kippur feierten, habe ich mich, bis ich 24 war, geschämt, jüdisch zu sein.« Niemand in seinem Freundeskreis wusste es. Auch sein Vater riet ihm zur Zurückhaltung: »Er belehrte mich zwar immer, dass ich mir bewusst sein sollte, dass ich Jude bin – sagen sollte ich es aber niemandem.«

Und das ist typisch für die dritte Generation in Ungarn. Ihre Großeltern wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er- und 50er-Jahren geboren und wuchsen im sowjetischen Satellitenstaat, der Ungarischen Volksrepublik, auf. Im sozialistischen System wurde Religion marginalisiert. Die zweite Generation wandte sich vom Judentum ab. Viele verheimlichten ihren Hintergrund fast ihr ganzes Leben lang und heirateten nichtjüdische Partner. So ist auch Gabors Vater »ein typischer Jude der zweiten Generation«, so der 29-Jährige – und bis heute nicht vom Werdegang seines Sohnes begeistert. Er sei besorgt, dass jemand ihn auf der Straße angreifen könnte, sobald man ihn mit Kippa und Zizit sieht.

Gleiches gilt auch für den Vater von Dési Tamás. Seit fünf Jahren arbeitet Dési in der Abteilung für Internationales der Mazsihisz. Der 33-Jährige sitzt an seinem Schreibtisch und ist besorgt. »Ich sehe viele meiner Freunde, die verbal angegriffen werden. Sogar meine Frau wurde von einem Taxifahrer antisemitisch beleidigt!« Seit die rechtsextreme Partei Jobbik im Parlament sitzt – und bei der letzten Wahl auch noch ein Fünftel der Stimmen gewann –, fühlen sich rechtsradikale Wähler ermutigt, ihren Antisemitismus offen zu zeigen.

Konflikt Dési beschreibt das Dilemma der Mazsihisz: »Einerseits werden wir vom Staat finanziell unterstützt, andererseits stehen wir mit der Regierung wegen der Gedenkpolitik im Konflikt.« Diesen müssten sie klären, denn: »Regierungen kommen und gehen, aber die jüdische Gemeinde in Ungarn muss sich entwickeln.«

Die Bedingungen dafür seien günstig. »Seitdem die Grenzen des Kommunismus gesprengt worden sind, floriert das jüdische Leben in Ungarn«, sagt Dési. Er spricht aus eigener Erfahrung: Gemeinsam mit seinem Vater entdeckte er erst nach Zerfall der Volksrepublik sein Judentum. Ob sich das jüdische Leben im Land weiter so positiv entwickeln wird, hinge von den Menschen in der Gemeinde ab – »und nicht vom Antisemitismus«. Dési bleibt Optimist.

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