Organisation

Einsteins Nachfolgerin

»Ich habe nicht die Geduld, mit dem Bus zu fahren«: Andi Gergely auf ihrem E-Bike Foto: Ulla Thiede

Organisation

Einsteins Nachfolgerin

Andi Gergely leitet den weltweiten Verband jüdischer Studenten

von Ulla Thiede  23.03.2015 18:13 Uhr

Sie ist fast immer mit dem E-Bike unterwegs. »Ich habe nicht die Geduld, mit dem Bus zu fahren«, sagt Andi Gergely. Seit mehr als einem Jahr wohnt sie in Jerusalem, das hat das neue Amt mit sich gebracht: Die 26-jährige Ungarin ist Präsidentin der World Union of Jewish Students (WUJS), des Weltverbands Jüdischer Studierender.

Wie viele Mitglieder ihre Organisation genau hat, weiß Gergely nicht. Mehr als 600.000 zählen die weltweit 48 Mitgliedsverbände des WUJS insgesamt. Im Dezember haben die Delegierten auf ihrem Jahreskongress das 90-jährige Bestehen gefeiert. Erster Verbandspräsident war kein geringerer als Albert Einstein.

talent Andi Gergely sprudelt vor Energie. Sie liebt das Organisieren. In die Verbandsarbeit wuchs sie als Kind hinein. Schon mit neun Jahren war sie in Ungarn in einer jüdischen Jugendbewegung aktiv. Vor dem Wechsel nach Israel lebte sie zwei Jahre in Brüssel, war Präsidentin des Europäischen Dachverbands Jüdischer Studenten (EUJS).

Nach den Terroranschlägen in Frankreich Anfang Januar wollte Andi Gergely eigentlich nach Paris fliegen, um an dem Marsch gegen Terror teilzunehmen, doch ein dringender Termin kam dazwischen. »Die Anschläge sind ein tiefer Einschnitt für Europa«, sagt Andi Gergely. Sie befürchtet, dass die Attentate die rechtsextremen Kräfte stärken, worunter dann, wie sie sagt, auch Europas Muslime leiden würden. Seit ihrem Studium in Wien ist Andi Gergely in der »Muslim Jewish Conference« aktiv, eine Graswurzelbewegung, die 2010 ins Leben gerufen wurde. Einmal im Jahr kommen jüdische und muslimische Teilnehmer in einer europäischen Hauptstadt zusammen, das nächste Treffen ist im Sommer in Berlin. »Wir sprechen über gemeinsame Themen wie Bildung, Religionsfreiheit, Islam und Judentum in den Medien, Islamophobie und Antisemitismus.« Nur den Nahostkonflikt sparen sie aus.

Ungarn Ihre Kindheit in Budapest hat Andi Gergely in guter Erinnerung. Sie habe keine Anfeindungen als Jüdin erlebt, sagt sie, konnte ihre Aktivitäten in der jüdischen Jugendbewegung und die internationalen Sommerlager, die nach 1990 ins Leben gerufen wurden, »voll genießen«. Gergely stammt aus einer nichtreligiösen Familie, die jedoch die jüdischen Feiertage beging. »Anders als viele jüdische Familien in Ungarn haben wir uns keinen Weihnachtsbaum in die Wohnung gestellt«, sagt sie.

Ihr persönliches Schockerlebnis hatte Gergely im Sommer 2012. Da erhielt sie mehr als 500 Morddrohungen von Neonazis, die über eine amerikanische Website eine Kampagne gegen sie angezettelt hatten. Gergely war damals nur auf Stippvisite in Budapest, wohnte schon in Brüssel, weil sie die EUJS leitete. Den Hass der Rechtsextremen hatte sie auf sich gezogen, weil sie über ihr Facebook-Konto mit Freunden eine Demonstration vor der Wohnung des mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrechers Laszlo Csatary organisiert hatte.

»Wir wollten nur Gerechtigkeit«, sagt sie. Ihr Flashmob schaffte es in über 50 Ländern in die Nachrichten. Wegen der Morddrohungen erstattete Andi Gergely Anzeige bei der ungarischen Polizei. »Ich konnte belegen, woher die Drohungen kamen«, sagt sie. Selbst persönliche Gespräche mit US-Kongressabgeordneten später in Washington konnten aber nichts bewirken. Bis heute ist die Neonazi-Website in den USA nicht gesperrt.

Der Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Benachteiligung von Minderheiten und das Eintreten für Israel sind Aufgaben des WUJS, die heute genauso aktuell sind wie vor 90 Jahren, als es den jüdischen Staat noch gar nicht gab. Der Weltverband vertritt die Interessen seiner Mitglieder auch in den UN-Organisationen.

Betriebswirtschaft Ihr Studienfach Intercultural Business Administration, das Andi Gergely in Wien mit einem Bachelor abschloss, ist von Vorteil, wenn man eine finanziell chronisch klamme Organisation führt. »2007 waren wir fast pleite«, sagt Gergely. Dank eifrigen Spendensammelns und neuer Projekte, die sie mit angestoßen hat, fasste der Weltverband aber wieder Fuß. »WUJS ist die einzige unabhängige internationale Stimme jüdischer Studenten und die einzige gewählte Studentenorganisation«, betont Gergely. Die Unabhängigkeit bringt es allerdings mit sich, dass es im Laufe der Geschichte auch immer wieder Zerwürfnisse mit anderen jüdischen Organisationen gegeben hat – und gibt.

Gergelys Amtszeit dauert zwei Jahre. So lange wird sie vorerst in Israel leben. Es ist eine bezahlte, hauptamtliche Tätigkeit. Ob sie Alija machen will, weiß die junge Frau noch nicht. »Ich bin mir nicht sicher, ob das hier für mich der einzige Platz in der Welt ist«, sagt sie. Seit neun Jahren kommt sie regelmäßig nach Israel, inzwischen spricht sie auch Hebräisch. Andi Gergely ist überzeugt: »Israel braucht seine Juden auch außerhalb des Landes.«

www.wujs.org.il

Frankreich

Das Glück, wenn ich es will

Gérard Blitz und Gilbert Trigano gründeten einst den Club Méditerranée. Und eine Utopie der Gemeinsamkeit aus der Nachkriegszeit wurde zum Trend

von Mark Feldon  17.05.2026

Hollywood

Der unaufgeregte Glam der Zoë Kravitz

Die Tochter berühmter Eltern hat sich eine eigene Karriere aufgebaut – und ist stolz auf ihre afroamerikanischen und jüdischen Wurzeln

von Nicole Dreyfus  17.05.2026

Belgien

Uni-Rektorin: »Haben bereits viele Partnerschaften verloren«

Die Besetzer verlangen einen vollständigen Boykott Israels und wollen weitermachen - obwohl die Uni-Leitung ihnen nun erneut entgegenkam

von Michael Thaidigsmann  15.05.2026

Jewrovision 2026

Die Nervosität steigt …

Schon bald gehen die Scheinwerfer an und 600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland werden ihre Showacts zum Besten geben

von Nicole Dreyfus  15.05.2026

Genf

Ronald Lauder warnt vor Entfremdung zwischen Israel und der Diaspora

»Wir müssen bestehende Risse reparieren, bevor es zu spät ist«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 15.05.2026

Nachruf

Mann mit Prinzipien

Ein halbes Jahrhundert lang stand »Abe« Foxman im Dienst der Anti-Defamation League, die Hälfte davon als ihr Chef. Nun ist der Schoa-Überlebende im Alter von 86 Jahren gestorben

von Michael Thaidigsmann  14.05.2026

Washington D.C.

Mehr als eine Million Dollar für Schutz jüdischer Einrichtungen in Los Angeles

Das Geld fließt ins Community Security Initiative Program. Das Projekt arbeitet mit jüdischen Einrichtungen zusammen und koordiniert Kontakte zu Sicherheits- und Rettungsbehörden

 12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026