Porträt

»Eingedenk der historischen Verantwortung«

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2018 in der Synagoge Rykestraße Foto: dpa

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dürfte es eine besondere Reise sein. Sie hat das Ziel in vielen Reden erwähnt, war aber noch nie persönlich dort: Auschwitz. Wie kein anderer Ort steht das ehemalige deutsche Vernichtungslager für den Holocaust, den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden. Von 1940 bis 1945 wurden dort zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen aus ganz Europa umgebracht, die meisten von ihnen Juden.

Am Freitag wird Merkel das ehemalige Stammlager Auschwitz und das frühere Vernichtungslager Birkenau besuchen. Nach einer Gedenkminute will sie einen Kranz niederlegen und eine Rede halten in Anwesenheit des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

VERBINDUNG Die Kanzlerin folgt damit einer Einladung der Stiftung Auschwitz-Birkenau, die den zehnten Jahrestag ihres Bestehens begeht. Sie geht auf den 2015 verstorbenen früheren polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski zurück. Selbst Häftling in Auschwitz war er ein Wegbereiter der deutsch-polnischen Aussöhnung.

»Für mich gilt unverrückbar: Nur in der Annahme der Vergangenheit Deutschlands liegt das Fundament für eine gute Zukunft«, betont Merkel.

Merkel verbindet eine besondere Beziehung zu Israel und zum Judentum - persönlich wie im staatspolitischen Verständnis. »Wir haben erst spät gelernt - und ich sage das für mich auch persönlich - wie unermesslich viel Deutschland durch die Schoa verloren hat und wie viel Liebe deutscher Juden zu diesem Land unerwidert geblieben ist«, sagte sie einmal.

1991 besuchte sie erstmals Israel und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. In ihrer Amtszeit als Kanzlerin folgten weitere vier Besuche.

ZENTRALRAT »Für mich gilt unverrückbar: Nur in der Annahme der Vergangenheit Deutschlands liegt das Fundament für eine gute Zukunft«, betonte sie 2007 bei der Entgegennahme des Leo-Baeck-Preises, der höchsten Auszeichnung des Zentralrats der Juden in Deutschland: »Nur indem wir uns zur immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe der deutschen Geschichte bekennen, können wir unsere Zukunft menschlich gestalten.« Dabei sprach sie von ihrer persönlichen Erschütterung über den »Zivilisationsbruch der Schoa« ebenso wie über die daraus erwachsende Verantwortung für Deutschland.

Eine Konsequenz dieser Verantwortung: Merkel erklärte die Sicherheit Israels zu einem Teil der deutschen Staatsräson. 2014 ehrte Präsident Schimon Peres die Kanzlerin mit der höchsten Auszeichnung Israels, der »Ehrenmedaille des Präsidenten«. Für ihre Bemühungen um Dialog und Versöhnung erhielt sie drei Ehrendoktorwürden israelischer Universitäten und zahlreiche Auszeichnungen jüdischer Organisationen, jüngst den Theodor Herzl-Preis des Jüdischen Weltkongresses. Den Kampf gegen Antisemitismus sieht sie als Lackmustest für die Verteidigung der Grundwerte, auf denen Deutschland und Europa fußen.

OBAMA Für Merkel bleibt eine Frage zentral »Wie nehmen wir unsere historische Verantwortung wahr, wenn die Generation derer nicht mehr unter uns ist, die die Schoa selbst erlebt und überlebt hat?« Dazu gehört für sie auch die Erinnerungskultur durch den Erhalt der Gedenkstätten.

Vor ihrer Visite will die Kanzlerin noch einen Beschluss zur Förderung des jüdischen Lebens und zum Kampf gegen Antisemitismus verabschieden.

Als Kanzlerin besuchte sie immer wieder solche Orte: 2009 begleitete sie Barack Obama nach Buchenwald, an dessen Befreiung ein Großonkel des US-Präsidenten beteiligt gewesen war, und 2015 das KZ Dachau zum 70. Jahrestag der Befreiung. Auschwitz haben bisher nur zwei deutsche Regierungschefs besucht: Helmut Schmidt 1977 und Helmut Kohl 1989 und 1995.

Vor ihrer Visite will die Kanzlerin zusammen mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer noch einen Beschluss zur Förderung des jüdischen Lebens und zum Kampf gegen Antisemitismus verabschieden. »Eingedenk der historischen Verantwortung für den Erhalt der Gedenkstätte«, wollen sie weitere 60 Millionen Euro für die Stiftung bereitstellen.

Nachruf

Mann mit Prinzipien

Ein halbes Jahrhundert lang stand »Abe« Foxman im Dienst der Anti-Defamation League, die Hälfte davon als ihr Chef. Nun ist der Schoa-Überlebende im Alter von 86 Jahren gestorben

von Michael Thaidigsmann  14.05.2026

Washington D.C.

Mehr als eine Million Dollar für Schutz jüdischer Einrichtungen in Los Angeles

Das Geld fließt ins Community Security Initiative Program. Das Projekt arbeitet mit jüdischen Einrichtungen zusammen und koordiniert Kontakte zu Sicherheits- und Rettungsbehörden

 12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Essay

Warum ich Zionist bin

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort und gleichbedeutend mit Rassismus. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Antizionismus ist Rassismus. Der Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord

von Mathias Döpfner  12.05.2026

Runder Geburtstag

Meister der Linien: Architekt Daniel Libeskind wird 80

Er hat weltberühmte Gebäude entworfen – aber noch nie eines für sich selbst. Für den Architekten ist das gar kein Widerspruch, denn ihn interessiert ja etwas anderes

von Julia Kilian  11.05.2026

New York

Familie orthodoxer Jugendlicher verklagt Uber nach mutmaßlicher Vergewaltigung

Ein Uber-Taxichauffeur soll das minderjährige Opfer transportiert und damit gegen Regeln verstoßen haben, bevor es zu dem Sexualverbrechen kam

 11.05.2026

London

Mann nach antisemitischem Angriff angeklagt

Der 34-Jährige soll in Enfield mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft bedroht, beleidigt und attackiert haben

 11.05.2026

London

Tausende demonstrieren gegen Judenhass

Die Kundgebung nahe der Downing Street fand vor dem Hintergrund einer Serie antisemitischer Vorfälle und Angriffe in Großbritannien statt

 11.05.2026