World Jewish Congress

Eine starke Stimme

Seit 2007 WJC-Präsident: Ronald S. Lauder Foto: dpa

World Jewish Congress

Eine starke Stimme

Vor 80 Jahren wurde der WJC gegründet – als internationale politische Dachorganisation

von Ralf Balke  08.08.2016 22:22 Uhr

Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung – als im August 1936 in Genf 230 Vertreter jüdischer Gemeinden aus 32 Ländern zusammenkamen, standen die Zeichen für Juden auf Sturm. Drei Jahre zuvor hatten die Nationalsozialisten in Deutschland die Regierung übernommen und in vielen Staaten des östlichen Europas wurden Juden zunehmend als Bürger zweiter Klasse behandelt.

Gründe für die Schaffung einer jüdischen Vertretung, die fortan als Anlaufstelle in allen internationalen, die Diaspora betreffenden Fragen agieren sollte, gab es also reichlich. Und so wurde nach mehreren Tagen teils sehr emotionaler Debatten der World Jewish Congress (WJC) ins Leben gerufen.

Im Unterschied zu anderen Organisationen wie beispielsweise dem American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) wollte man nicht philanthropisch, sondern vor allem politisch und auf diplomatischer Ebene agieren – keine leichte Aufgabe, denn die Zahl der jüdischen Flüchtlinge in Europa wuchs rasant und kaum ein Staat wollte sie aufnehmen.

telegramm Angeführt wurde die Nichtregierungsorganisation von einem Trio prominenter Personen, dem amerikanischen Bundesrichter Julian Mack, dem gleichfalls amerikanischen Rabbiner Stephen Wise und last but not least von Nahum Goldmann, ihrem späteren langjährigen Präsidenten. Für ihn als überzeugten Zionisten bedeutete die Arbeit im WJC keinen Widerspruch zum Ziel eines jüdischen Staates Israel: »Wir müssen beides tun und brauchen dazu zwei Organisationen: den Zionistenkongress für Palästina und den Weltkongress für Galut-Fragen.«

Einige Erfolge hatte die Organisation. Vor allem kommt dem WJC eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung der Nachricht über den Massenmord an den europäischen Juden zu: Gerhard Riegner, Sekretär des Genfer Büros der Organisation, hatte dank seines Informationsnetzes von dem Vorhaben der Nazis Wind bekommen, alle Juden in ihrem Herrschaftsbereich ermorden zu wollen und setzte den damaligen WJC-Präsidenten Wise darüber in einem berühmt gewordenen Telegramm, dem sogenannten »Riegner-Telegramm«, in Kenntnis. Wise wiederum informierte die US-Regierung. Die Folge: Zwölf alliierte Regierungen verfassten eine Erklärung, in der sie die Maßnahmen der Deutschen verurteilten und eine noch entschiedenere Kriegsführung ankündigten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der WJC als erste jüdische Organisation Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen und wirkte an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit. Und es war ihr Präsident Goldmann, der alle wichtigen Diaspora-Organisationen von der Notwendigkeit direkter Verhandlungen mit Deutschland überzeugte, um die Restitution geraubten jüdischen Eigentums einzuleiten.

Gleichzeitig aber forderte eine Resolution des WJC im Juli 1948 alle Juden dazu auf, sich »nie wieder auf deutschem blutgetränkten Boden anzusiedeln«, was anfänglich die Beziehungen zu den Juden im Nachkriegsdeutschland verkomplizieren sollte. Das aber ist längst Geschichte.

fazit 2014 tagte die Organisation erstmals in Berlin. Und der Zentralratspräsident Josef Schuster gehört zum Kreis der Vizepräsidenten des WJC. Schlagzeilen machte der WJC immer wieder, so auch in der Affäre um die Nazi-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Aufgrund der Interventionen des damaligen WJC-Präsidenten Edgar Bronfman erhielt Waldheim Einreiseverbot in den USA.

Immer wieder positionierte sich die Organisation erfolgreich als Anwältin der Juden in der Diaspora – sei es in den Diskussionen um die nachrichtenlosen Vermögen in der Schweiz, Raubgold oder – wie jüngst im Fall Gurlitt – um die Rückgabe von den Nationalsozialisten beschlagnahmter Kunstwerke.

So lautet denn auch das Fazit von WJC-Präsident Ronald Lauder: »Die Welt von heute ist gewiss weiterhin feindlich gegen Juden eingestellt. Aber zwei Sachen haben sich grundlegend verändert. Zum einen haben wir uns verändert. Die Ära des ängstlichen Juden, der zu allem schweigt, ist definitiv vorbei. Den Ghetto-Juden gibt es nicht mehr. Diejenigen, die vor 80 Jahren den WJC ins Leben riefen, haben ihn ein für allemal beerdigt. Und zweitens: Heute haben wir den Staat Israel, den einzigen jüdischen Staat in der Welt. Der WJC unternimmt alles, Israel und seine Menschen in der internationalen Arena zu verteidigen.«

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