Frankreich

Eine Frage des Käses

»Ich liebe Käse und esse viel davon, vielleicht sogar ein bisschen zu viel«, sagt Gary Elbaz. Vor knapp zwei Jahren hat der kräftige Mann mit der Blümchen-bestickten Kippa einen koscheren Käseladen auf dem Boulevard Voltaire im Pariser Osten eröffnet, »La Kave du Fromager«. In der großen Glastheke neben dem Eingang präsentiert der 34-Jährige eine breite Auswahl an koscheren Käsespezialitäten, im Keller lagert für Schawuot mit Trüffelcreme präparierter Brie.

Frankreichs Käse-Universum hat Elbaz schon als Kind fasziniert. Er kommt aus einer sefardischen Familie. Die tunesische Mutter isst bis heute keinen Käse, der Vater aus Marokko schon. Jeden Samstagabend habe er vom Käsehändler um die Ecke etwas Neues mitgebracht. Die Kinder aßen ihn einfach mit Brot. »Mein Vater hat uns in die Welt des guten Käses eingeführt«, erinnert sich Elbaz.

»Ich kann auf alles verzichten – aber nicht auf Käse!«

Raphaëlle Laufer

Später sei er viel mit dem Rucksack durch Frankreich gereist und habe Käse direkt vor Ort probiert und auch in der Gastronomie gearbeitet. Als er bald strikt nach den jüdischen Speisegesetzen zu essen begann, kam ihm die Idee, koscheren Rohmilch-Käse mit Partnern in den verschiedenen Regionen Frankreichs zu produzieren und diesen im eigenen koscheren Käseladen anzubieten. Rohmilch sollte es sein, denn die bewahre die Geschmacksunterschiede viel stärker als pasteurisierte Milch, so Elbaz.

Mittlerweile gibt es auch pflanzliches Lab

Auch Raphaëlle Laufer, Referentin am Pariser Museum für Kunst und Geschichte des Judentums, liebt Käse. »Ich bin verrückt danach«, sagt sie und lacht. Sie ist in Belgien geboren, aschkenas, in einer säkularen Familie aufgewachsen und mit einem konservativen Rabbiner verheiratet. Vor der Hochzeit habe sie ihm gesagt: »Einverstanden, wir essen koscher, ich kann auf alles verzichten, was verboten ist – aber nicht auf Käse!«

Natürlich achte sie darauf, dass ihr Mann denselben Käse wie sie essen könne. Den finde sie mittlerweile auch in großen Supermarktketten, denn viele der bekannten Käsesorten würden inzwischen ohne tierisches Lab hergestellt. Das Enzym aus dem Magen säugender Kälber wurde jahrhundertelang zur Verdickung der Milch benutzt. Mittlerweile gibt es auch pflanzliches Lab.

»Praktisch alle indus­triellen Käsehersteller benutzen vegetarisches Lab, weil es billiger und vor allem stabiler ist«, weiß Laufer. »Es gibt alles, was man braucht, um Frankreichs Käsereichtum zu genießen und das Verbot der Vermischung von Fleisch- und Milchprodukten zu respektieren«, versichert sie. Auch koscherer Käse, dessen Herstellung von einem Rabbiner überwacht werden muss, sei inzwischen in herkömmlichen Supermärkten zu finden, erkennbar am roten Siegel des Beit Din von Paris.

Sefarden und Aschkenasen

Nur knapp 20 Prozent der gut 550.000 französischen Juden essen Laufer zufolge heute noch streng koscher. Unter den übrigen 80 Prozent gebe es die ganze Bandbreite von glatt koscher bis treif: die einen äßen alles, auch Schweinefleisch und Meeresfrüchte, die anderen beim Fleisch nur koscher und so weiter. Beim Käse-Konsum machten sich allerdings noch unterschiedliche Traditionen sefardischer und aschkenasischer Juden bemerkbar.

Sefardische Juden bilden heute in Frankreich die große Mehrheit.

Sefardische Juden bilden heute in Frankreich die große Mehrheit. Ihre Familien kamen mit der Unabhängigkeit Marokkos, Tunesiens und Algeriens, die die Ausgrenzung der Juden in den Ländern noch verstärkt hatte, zwischen 1956 und 1962 nach Frankreich.

In ihrer Küche ist die Käsekultur meist weniger stark ausgeprägt. Im Gegensatz zu den Traditionen der einst aus Deutschland, Polen und Osteuropa eingewanderten Aschkenasen. Was heißt das für Schawuot? Wessen Herz für Käse schlägt, der weiß, was auf dem Tisch stehen wird.

Käsekuchen in der Rue des Rosiers

»Ich schätze, dass unser Käsekuchen in der berühmten rosa Schachtel, den es in allen großen koscheren Verkaufsstellen Frankreichs gibt, die Rangliste anführt!«, so die Tochter des Hauses Ravet, einem koscheren Lebensmittelvertrieb am nordöstlichen Stadtrand von Paris, der Juden in ganz Frankreich beliefert. Und der Käse fürs Fest sei natürlich der Brie.

Für Käsekuchen plädiert auch Gary Elbaz: »Ich denke, alle werden sich darum versammeln. Schließlich haben wir alle Kindheitserinnerungen an den ersten Käsekuchen, den wir in der Rue des Rosiers im Marais-Viertel gekostet haben.«

David Baddiel

»Inzwischen kann man Messi in den Griff bekommen«

Der britische Autor über das Halbfinale England vs Argentinien, seinen legendären Fußball-Song »Three Lions« und warum er immer noch glaubt, dass England gegen Argentinien gewinnen wird

von Katrin Richter  15.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Schweiz

Die gegen den Hass sprüht

Inna E. fühlt sich dem jüdischen Volk verbunden und macht gegen anti-israelische Graffitis mobil. Wenn die Behörden nicht reagieren, auch mit Farbe

von Peter Bollag  14.07.2026

Monaco

Zweitjüdischste Nation der Welt

Die kleine jüdische Gemeinschaft im Stadtstaat wächst. Immer mehr Jüdinnen und Juden entscheiden sich für das luxuriöse und sichere Fürstentum

von Mark Feldon  13.07.2026

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026