USA

Ein Stück Heimat

»Ich habe noch nie mit Juden gesprochen.« Als Lily Ruth Hull und ihr Mann Herbert das bei unserer ersten zufälligen Begegnung im Foyer des Museum of Modern Art in New York hörten, fingen beide an zu lachen. Sie hatten mir gerade erzählt, dass sie aus Wien stammten und vor Hitler in die Vereinigten Staaten geflohen waren. »Na, dann komm mal am Mittwoch zum Stammtisch. Da kannst du mit Juden sprechen.«

Was für eine schicksalhafte Einladung sollte das für mich werden! Ich war damals 24 Jahre alt und studierte Neuere Geschichte in Tübingen, hatte sogar meine erste Seminararbeit über Golda Meir verfasst. Ich hatte unzählige Dokumentationen über den Holocaust gesehen und Bücher darüber gelesen. Aber bis dato war ich, christlich sozialisiert, tatsächlich noch nie wissentlich einem Juden begegnet. Das sollte sich ziemlich schnell ändern.

Das war 1994. Als ich dazustieß, gehörte ich zu den Ersten der jungen Generation am Stammtisch. Davor hatten sich dort vor allem Holocaust-Überlebende und andere Emigranten aus Deutschland und Österreich getroffen, die es in der Zeit des Nationalsozialismus geschafft hatten, sich in die USA zu retten, oder später dorthin ausgewandert waren.

Mit der Zeit kamen immer mehr junge Menschen hinzu, vor allem Zivildienstleistende.

Der in Bayern geborene und von den Nazis verfolgte Schriftsteller Oskar Maria Graf hatte den Stammtisch 1943 gemeinsam mit seinem guten Freund Harry Asher gegründet. Erst traf sich der Kreis – darunter nicht nur Schriftsteller, sondern auch Journalisten und Künstler – in verschiedenen Gaststätten auf der Upper East Side im Dunstkreis des »German Broadway« in Manhattan, schließlich über Jahre hinweg in der »Kleinen Konditorei«, ein Wiener Kaffeehaus in der 86. Straße. Man wollte sich in der Sprache austauschen, die allen vertraut war.

Viele Emigranten fühlten sich zunächst einsam

So weit weg von der Heimat, allein in der Großstadt, fühlten sich viele der Emigranten zunächst einsam. Der Stammtisch galt ihnen deshalb irgendwie als Ersatz der Familie, die sie nicht mehr hatten, die man hatte zurücklassen müssen oder die von den Nazis umgebracht worden war. Als die »Kleine Konditorei« eines Tages ihren Betrieb einstellte, wanderte der Stammtisch in die Wohnung von Gaby Glückselig und ihrem Mann Friedrich, dem Lyriker und Kunsthändler, besser bekannt unter dem Namen Friedrich Bergammer. Auch nach dessen Tod im Jahr 1981 blieb Gaby Gastgeberin des Stammtischs – bis zu ihrem 100. Lebensjahr.

Dort im Hinterhaus auf der 89. Straße zwischen York Avenue und East End Avenue öffnete sich der Kreis nun auch für mich. Gaby stand schon lächelnd an der Tür im fünften Stock: »Grüß dich! Komm herein!« Ich staunte nicht schlecht, als ich bei meinem ersten Besuch nach und nach erfuhr, mit wem ich alles hier auf kleinstem Raum an dem runden Tisch zusammensaß, welche Lebensgeschichten diese Menschen hatten.

Natürlich traf ich Lily und Herbert wieder. Lily, geborene Waldapfel, deren Familie in Wien einst gegenüber von Sigmund Freud gewohnt hatte. »Wir haben den Freuds sonntags in den Suppentopf geschaut«, erzählte sie gern. Herbert, der ebenfalls aus Wien stammte, einem Konzentrationslager entkommen konnte, in New York bei Tiffany Uhrmacher wurde und für Jackie Lee Bouvier eine Uhr zur Verlobung mit John F. Kennedy fertigte.

Egon-Schiele-Bilder an den Wänden

Ich saß neben Wally, die mit dem Kunstsammler Serge Sabarsky verheiratet war und nach dessen Tod und vor der Eröffnung des Kunstmuseums Neue Galerie sämtliche von ihm gesammelten Egon-Schiele-Bilder unversichert an den Wänden ihrer Wohnung hängen hatte – so hieß es jedenfalls. Oder Hilde Berger-Olsen, die als Schreibkraft an der Erstellung von Oskar Schindlers berühmter Liste beteiligt war. Sie hatte sich selbst und einige ihrer Freunde mit auf die Liste getippt. Davon hatte sie auch ihren Freunden am Stammtisch erst erzählt, nachdem Steven Spielberg sie für seinen Film dazu befragt hatte.

Ihr Mann Alex war ebenfalls beim Stammtisch dabei. Der einstige Kreuzberger Buchdrucker war 1938 nach Mexiko emigriert, wo er für Leo Trotzki arbeitete. Daneben Hannah Busoni, Tochter des Anwalts Alfred Apfel, der Carl von Ossietzky gegen Ende der Weimarer Republik im Weltbühne-Prozess verteidigt hatte. Hannahs Schwiegervater wiederum war der Komponist Ferruccio Busoni. Mir gegenüber saß der Schwager von Gaby, Leo Glückselig. Der »Time Magazine«-Illustrator und Karikaturist hatte während des Novemberpogroms 1938 einem Gestapo-Mann in einem Verhör- und Folterkeller in Wien ins Gesicht gesagt: »Sie können mich schlagen, aber berühren können sie mich nicht.«

In den folgenden Jahren kam ich immer wieder zum Stammtisch, war oft Hausgast bei Lily und Herbert. Aber regelmäßig konnte ich am Mittwochabend erst dabei sein, als ich selbst ein paar Jahre lang in New York lebte. Mit der Zeit kamen immer mehr junge Menschen zum Stammtisch, vor allem Zivildienstleistende von »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« und ihrem österreichischen Pendant »Gedenkdienst«. Einmal eingeladen, gehörte man wie selbstverständlich zum Stammtisch dazu. Das einzige Initiationsritual: Gaby klingelte mit ihrem kleinen Messingglöckchen, das meist griffbereit auf dem Tisch stand – manchmal aber auch zwischen den hohen Stapeln von Papieren, Prospekten und Zeitungen verzweifelt gesucht wurde.

Ab jetzt wusste man, wo man mittwochs um halb acht willkommen war

Als endlich alle still waren, hieß es dann: »So, nun erzähl mal etwas von dir!« Hatte man sich vorgestellt, durfte man sich in das Gästebuch einschreiben. Das war es. Ab jetzt wusste man, wo man mittwochs um halb acht willkommen war. Nicht selten füllte sich das winzige Ein-Zimmer-Apartment mit weit über 20 Gästen. Irgendwie hatte man schon Platz, zwischen den vielen Bildern und noch mehr Büchern. Zunächst wurde gegessen, und man unterhielt sich über dies und das.

Das Initiationsritual: Gaby klingelte mit ihrem kleinen Messingglöckchen.

Das Ganze funktionierte nach dem Potluck-Prinzip: Jeder bringt für ein improvisiertes Buffet etwas zum Essen und Trinken mit. Danach las zumeist irgendjemand einen Artikel, einen Brief oder etwas selbst Verfasstes vor. Oder Michael Spudic spielte auf seinem Akkordeon und sang dazu jiddische Lieder. Bis das möglich war und alle zuhörten, musste Gaby allerdings ziemlich lange mit ihrem Glöckchen läuten. Man hatte sich eben viel zu erzählen.

Im Verlauf des Abends wurde es fast immer politisch. Die amerikanische Politik spielte stets eine Rolle, erhitzte die Gemüter. Aber mir schien es, dass eines noch viel wichtiger für die ehemaligen Emigranten war: Was passiert gerade in Europa? Wie ist dort die Stimmung? Müsste man wieder Angst haben? Die Neuen, die Jungen, die Europäer sollten erzählen, welche Eindrücke sie von dort mitbrachten, wie sie die Lage in Deutschland und Österreich einschätzten.

Einmal im Monat wurde es am Stammtisch kulinarisch

Einmal im Monat wurde es am Stammtisch dann kulinarisch. Arnold Greissle-Schönberg, Enkel des Komponisten Arnold Schönberg, und Kurt Sonnenfeld backten mit großer Hingabe zahllose Palatschinken und füllten sie mit Marillenmarmelade. Wenn ein Teller um den anderen, bestäubt mit Puderzucker, von der Küchenzeile nach vorn gereicht wurde, hörte man immer Freudenrufe. »Jetzt riecht es nach Wien.«

Nach Gabys Tod wanderte der Stammtisch noch ein letztes Mal im Jahr 2016 ein paar Straßen weiter in das Penthouse der 1925 geborenen Schmuckdesignerin Trudy Jeremias. Als aber auch sie immer schwächer wurde, ersetzten virtuelle Meetings per Zoom immer häufiger die persönlichen Treffen. Der Vorteil: Man konnte auch aus der Ferne teilnehmen.

Nun aber ist am 26. November die letzte Vertreterin der Zeitzeugengeneration am Stammtisch im Alter von 102 Jahren gestorben. Die gebürtige Berlinerin Marion House konnte einst den Nazis mit einem Kindertransport nach Großbritannien entkommen. »Ich wurde vom Glück verfolgt« war ihr Slogan. Trotz der oft auch sehr ernsten Themen ging es am Stammtisch meist recht fröhlich zu, von Schwermut keine Spur.

Kontakte über die Kontinente hinweg

Der Stammtisch war für die ehemaligen Emigranten bis zuletzt ein Stück Heimat, so etwas wie ein Lebenselixier. »Ich warte immer auf den nächsten Mittwoch«, sagte Gaby oft, wenn ich sie aus Deutschland anrief. Aber auch für uns jüngere Stammtischler bedeutete er mehr als nur ein nettes Treffen am Mittwochabend. Über die Zeit entwickelte sich ein Netzwerk, dessen Kontakte über den Stammtisch hinaus und über die Kontinente hinweg gepflegt wurden. Auch jetzt noch.

Der Stammtisch war eine Institution, ein Stück Zeitgeschichte. Nun ist er zu Ende. Aber sein Vermächtnis lebt in mir – und in vielen anderen – weiter. Lily und Herbert, ich sehe euch zum Abschied winken: »Tschüss! Servus! Baba!«

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  22.01.2026

Ukraine

Die Kältefolter

Rund drei Stunden mit Licht und Wärme, gefolgt von etwa zehn Stunden ohne: So sieht heute der Alltag – oder vielmehr der Überlebenskampf – der meisten Kyiver aus

von Michael Gold  21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Kommende Woche wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  20.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  19.01.2026

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026

Italien

Licht der Erinnerung

Die Juden Lecces wurden 1541 aus dem Königreich Neapel vertrieben. Fast 500 Jahre später wird ihre Geschichte in dem kleinen »Museo Ebraico« zu neuem Leben erweckt – dank zweier engagierter Familien

von Lydia Bergida  17.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert