Afrika

Ein Rabbi für alle Länder

Es ist klein, schwarz, auf Vibration gestellt, und es liegt auf einem Tisch vor ihm. In Sichtweite und vor allem jederzeit greifbar. Das Handy von Moshe Silberhaft ist sein wichtigstes Arbeitsgerät. Der 45-Jährige, der in Johannesburg lebt, will erreichbar sein. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. »Die meisten meiner Gemeindemitglieder haben meine Nummer als Schnellwahl abgespeichert«, erzählt der Rabbi und blickt auf sein Handy.

Moshe Silberhafts Fixierung auf sein Mobiltelefon hat wenig mit ihm als Mensch zu tun. Viel dagegen mit seinem Beruf. Der Rabbi ist das geistliche Oberhaupt und der Geschäftsführer des African Jewish Congress (AJC). So steht es auf seiner Visitenkarte. Der AJC ist eine Organisation, die sich um die kleinen jüdischen Gemeinden im Afrika südlich der Sahara kümmert – ein riesiges Gebiet. 13 Länder umfasst es.

Moshe Silberhaft betreut Juden zwischen Kenia und Südafrika, Gemeinschaften, die zu klein sind, um sich einen Rabbi leisten zu können, oder sie sind zu abgelegen. Für sie ist Silberhaft oft die einzige Verbindung zur jüdischen Gemeinschaft und zum jüdischen Erbe, die ihnen geblieben ist. Der Rabbi will für sie stets erreichbar sein. Deshalb das Handy.

politiker Rabbi Silberhaft, der in Jerusalem geboren wurde, verbringt nur wenig Zeit bei seiner Familie in Johannesburg, denn er ist fast ständig unterwegs: heute eine Beschneidung in Botswana, übermorgen eine Hochzeit in Simbabwe, fünf Tage später ein Gespräch mit Politikern in Sambia. Silberhaft trägt deshalb auch den Spitznamen »Der reisende Rabbi«.

»Wir haben das Konzept des reisenden Rabbis eingeführt, weil viele Gemeinden mittlerweile zu klein sind. Ich kümmere mich dort um alle jüdischen Bedürfnisse, von der Wiege bis zur Bahre. Ich habe keine Warteliste, alles passiert in Echtzeit.«

Die Gemeinde von Moshe Silberhaft ist die größte auf dem afrikanischen Kontinent. Rund 4000 Juden umfasst sie, verstreut über viele Länder, eine Gemeinde allerdings, die stetig kleiner wird. Früher waren es mal 40.000 Mitglieder. Viele, die einst aus Deutschland, Polen und Litauen hierhergezogen sind, haben Afrika wieder verlassen. Ihre Nachfahren hat es nach Australien und Neuseeland gezogen – Orte, an denen ein ähnliches Klima herrscht wie im südlichen Afrika und wo ebenfalls Englisch gesprochen wird.

Simbabwe sei ein gutes Beispiel für diesen Trend, sagt Silberhaft. Dort lebten 1975 noch etwa 9000 Juden, heute sind es nur noch 300. »Sobald die Lage unsicher wird, verlassen sie die Region. Das hat mit unserer Geschichte zu tun. Wir können es uns nicht leisten, irgendwo zu bleiben, wenn dort unsere Zukunft gefährdet ist.« Silberhaft geht deshalb davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis es in dem ersten Land der Region keine Juden mehr geben wird.

leidenschaft Um die, die bleiben, kümmert sich der reisende Rabbi mit großer Leidenschaft. Wenn Moshe Silberhaft mit glänzenden Augen und unter dem Einsatz beider Hände von seinen Reisen und Begegnungen berichtet, dann möchte man ihn am liebsten auf seinem nächsten Einsatz begleiten. Sein Job erfüllt ihn.

Ob er davon träumt, eines Tages ein konventioneller Rabbiner zu sein, mit einer Gemeinde irgendwo in Johannesburg? Silberhaft lacht. »Ich brauche keine Synagoge, ich fühle mich bei den Menschen wohl. Eine Hochzeit auf Mauritius ist für mich genauso wichtig wie die Exhumierung von Gräbern in Sambia.« In seinem Reisegepäck befinden sich deshalb auch immer jüdische Zeitungen, Gefilte Fisch oder, wenn Pessach naht, eine Packung Mazze. Die Menschen, die in abgelegenen kleinen Städten wohnen, wüssten solche Geschenke mehr zu würdigen als die mit allen Wassern gewaschenen Großstädter, die an Jom Kippur in der renommiertesten Synagoge der Stadt beten, sagt Silberhaft.

armee Seine Liebe für das Land, für abgelegene, kleine Dörfer und Städte hat Silberhaft entdeckt, als er noch ein Teenager war. Seine Lehrer am Yeshiva College in Johannesburg, der ersten und größten Toraschule im südlichen Afrika, schickten ihn damals in kleine südafrikanische Gemeinden. Er sollte helfen, den Minjan voll zu bekommen. Nach dem College ging Silberhaft zur südafrikanischen Armee, dort kümmerte er sich um die jüdischen Soldaten. Während einer der wichtigsten Phasen in der Geschichte Südafrikas war er allerdings nicht im Land: Als Nelson Mandela 1990 nach 27 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde, ließ Silberhaft sich gerade in Israel zum Rabbiner ausbilden.

Sein Leben heute, mehr als 20 Jahre später, sei unglaublich spannend, sagt Silberhaft und schaut aus dem Augenwinkel auf sein Handy, das noch immer auf dem Tisch vor ihm liegt. Kein Tag sei wie der andere, nur wenig ließe sich planen: »Geburten, Beerdigungen, Sorgen und Nöte. Ich bin immer einsatzbereit.«

Hinzu kommt sein enger Draht zu den Präsidenten der jeweiligen Länder, egal welche Politik sie betreiben. Die Gespräche sind ihm wichtig, um seine Gemeindemitglieder im Notfall schützen zu können, sagt er.

Rabbi Silberhaft bezeichnet das als eine Politik der geöffneten Tür und verweist auf Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe. Den hat er erst vor wenigen Monaten in der Hauptstadt Harare getroffen. »Mugabe hat mich überrascht. Er hat mir erzählt, dass er gern das Kibbuz-System nach Simbabwe bringen würde.« In dem Gespräch zwischen dem greisen Diktator, dem israelischen Botschafter und dem reisenden Rabbi ging es auch um das Thema Tröpfchenbewässerung. Sie haben sich darauf geeinigt, dass Experten aus Israel nach Simbabwe reisen werden, um die Bauern des Landes über Bewässerungsmethoden zu informieren.

Silberhafts Telefon klingelt. Er beendet den Satz, blickt entschuldigend und geht dann schnell ran. Sein Büro in Johannesburg. »Organisatorisches«, sagt er lachend, nachdem er das Gespräch beendet hat, »aber man weiß ja nie. Bei einer Gemeinde, die so groß ist, passiert eigentlich immer irgendwas.«

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