Belgien

Ein Islamist vor Gericht

Zweiter Prozesstag: Zeichnung aus dem Gerichtssaal Foto: imago/Belga

Für die jüdische Gemeinschaft in Belgien war der 24. Mai 2014 ein Schock. Ein mit einem Revolver und einem Sturmgewehr bewaffneter Attentäter erschoss an jenem Samstagnachmittag im – damals noch ungesicherten – Eingangsbereich des Jüdischen Museums in der Rue des Minimes in Brüssel kaltblütig vier Menschen. Das israelische Ehepaar Emmanuel und Miriam Riva sowie die beiden Museumsmitarbeiter Dominique Sabrier und Alexan­dre Strens starben im Kugelhagel.

In der jüdischen Gemeinde
wird das Verfahren gegen Nemmouche und Bendrer genau beobachtet.

Sechs Tage später, am 30. Mai 2014, wurde der aus Roubaix stammende Mehdi Nemmouche in Marseille von der französischen Polizei wegen dringenden Tatverdachts verhaftet. Er trug nicht nur Waffen, sondern auch eine Fahne der Terrororganisation Islamischer Staat bei sich.

Fast fünf Jahre danach begann nun der Schwurprozess gegen Nemmouche sowie seinen mutmaßlichen Komplizen Nacer Bendrer aus Marseille, der ihm im Brüsseler Stadtteil Molenbeek die Tatwaffen beschafft haben soll. Das Verfahren gegen die beiden Franzosen, in dem 120 Zeugen gehört werden, gilt als kompliziert, weil es eine grenzüberschreitende Dimension hat. Bis zu einem Urteil dürften mehrere Monate vergehen.

Zeugen Vergangene Woche wurde zunächst die knapp 200 Seiten lange Anklageschrift verlesen, die sich auf die Bilder der Überwachungskamera des Museums, Zeugenaussagen, Vernehmungen und Gutachten stützt. Danach handelt es sich bei den Waffen, mit denen Nemmouche in Marseille aufgegriffen wurde, um die Tatwaffen.

Der Täter soll seine Bewunderung für Mohamed Merah geäußert haben.

Vor seiner Bluttat in Brüssel soll der heute 33-jährige Nemmouche als IS-Kämpfer in Syrien aktiv und an der Entführung und Folterung französischer Journalisten beteiligt gewesen sein. Berichten zufolge äußerte er den Geiseln gegenüber seine Bewunderung für Mohamed Merah, der im März 2012 im südfranzösischen Toulouse eine jüdische Schule angegriffen und vier Menschen ermordet hatte.

Der Terroranschlag auf das Jüdische Museum war laut Anklage europaweit der erste eines aus Syrien zurückgekehrten Dschihadisten. »Die Opfer wurden nicht zufällig ausgesucht, sondern weil sie Juden waren«, meint Patrick Charlier, Direktor der belgischen Antidiskriminierungsstelle UNIA.

In der jüdischen Gemeinde wird das Verfahren gegen Nemmouche und Bendrer genau beobachtet. Für Brüssels Oberrabbiner Albert Guigui war der Anschlag auch ein Angriff auf das jüdische Volk insgesamt. »Ein Museum bedeutet doch, sich zu erinnern; es schafft eine Verbindung zwischen Gesellschaften, und es bietet Möglichkeiten, den anderen kennenzulernen. Warum gibt es so viel Gewalt heute? Weil man den anderen nicht mehr kennt und ihm nur noch Vorurteile entgegenbringt«, so Guigui gegenüber der Zeitung »Le Parisien«. »Dieser Prozess braucht eine große Resonanz, damit der Rechtsstaat gestärkt daraus hervorgeht.«

Für Brüssels Oberrabbiner Albert Guigui war der Anschlag auch ein Angriff auf das jüdische Volk insgesamt.

Trotz der Beweislast gegen ihren Mandanten behaupten Nemmouches Verteidiger, ihr Mandant sei unschuldig und es gebe DNA-Evidenz, die dies beweise.

Verteidigung Der Vorsitzende des jüdischen Dachverbandes CCOJB, Yohan Benizri, brachte zum Prozessbeginn die Sorge zum Ausdruck, die Verteidigung könnte den antisemitischen Charakter des Attentats herunterspielen oder gar die »völlig abstruse Behauptung« vom vergangenen Dezember wiederholen, wonach der israelische Geheimdienst Mossad möglicherweise hinter dem Anschlag stecke.

Zwei der drei Anwälte des Angeklagten sind umstritten. Sébastien Courtoy und Henri Laquay hatten in der Vergangenheit nicht nur mehrfach Mandanten aus dem rechtsextremen und islamistischen Milieu verteidigt, sondern auch selbst von sich reden gemacht, unter anderem durch das Zeigen des Quenelle-Grußes des umstrittenen französischen Komikers Dieudonné M’bala M’bala. Laquay war Mitglied des rechtsextremen Front National.

Angehörige der Opfer, das Jüdische Museum und andere Organisationen treten als Nebenkläger auf.

Der Präsident des Jüdischen Museums, Philippe Blondin, nannte ihn und Courtoy »Spezialisten für Desinformation«. Und auch Yohan Benizri wurde deutlich: »Wir wollen nicht, dass Mehdi Nemmouche zum Star des Prozesses wird. Er ist ein Terrorist«, sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Angehörige der Opfer, das Jüdische Museum und andere Organisationen treten als Nebenkläger auf. Es gebe seit dem Anschlag eine große Solidarität zwischen den Familien der vier Ermordeten, so Blondin.

In der Folge des Terroranschlags kam es in ganz Belgien zu einer Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen. Das Jüdische Museum selbst war drei Jahre lang wegen Umbauarbeiten geschlossen und ist erst seit November 2017 wieder für Besucher geöffnet.

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