Geschichte

Ein eigenes Land

Hauptstadt der Ukraine: Blick über das Höhlenkloster und den Fluss Dnipro auf Kiew Foto: Getty Images/iStockphoto


Der russische Krieg gegen die Ukraine zieht sich in die Länge und wird immer blutiger. Putins Blitzkriegspläne scheitern. Die russische Führung zeigt sich zunehmend nervös und lässt die Masken fallen. Noch vor Kurzem wurde die Existenz des ukrainischen Staates in Moskau zumindest nicht offen infrage gestellt – doch am Samstag vergangener Woche drohte Putin der Ukraine im Falle andauernden Widerstands mit dem Verlust der Staatlichkeit.

Während die russische Armee zielgerichtet ukrainische Städte zerstört, unschuldige Zivilisten tötet, Atomkraftwerke beschießt, die Welt an den Rand der Nuklearkatastrophe bringt und sich damit Kriegsverbrechen schuldig macht, wiederholte Putin vergangene Woche sein Bekenntnis, mit dem er bereits die Invasion in die Ukraine begründet hatte: »Ich werde niemals meine Überzeugung aufgeben, dass Russen und Ukrainer ein Volk sind.«

SOWJETZEIT Russen und Ukrainer seien ein Volk, meint der Kremlchef; die Ukraine habe gar keine Tradition an Eigenstaatlichkeit. Sie sei vielmehr ein historisches Missverständnis und ein in der Zeit der Sowjetunion künstlich zusammengestricktes Staatsgebilde, das heute von »Nazis« beziehungsweise »Nationalisten« kontrolliert würde.

Die USA und andere westliche Staaten hielten diesen Staat am Leben, der den »Völkermord an Russen« vorantreibe und eine akute Bedrohung für die Existenz der Russischen Föderation darstelle. Moskau führe keinen Krieg gegen die Ukraine, man befreie lediglich seine »Landsleute« von der Fremdherrschaft. So sieht das russische »Heim-ins-Reich-Holen« des Jahres 2022 aus.

Dieses Narrativ, das in der russischen Staatspropaganda omnipräsent ist und von zahlreichen Russen übernommen wird, ist schlichtweg abwegig und zeugt von Unwissen, Arroganz und kruden Verschwörungstheorien, die sich in Russland etabliert und dieses Land in den Krieg getrieben haben.

Krude Verschwörungs-Erzählungen haben Russland in diesen Krieg getrieben.

Tatsächlich ist die ukrainische Geschichte komplex, leidvoll und eng mit Russland verbunden. Lange Zeit waren die Gebiete der heutigen Ukraine ein Spielball fremder Mächte, welche die ukrainischen Territorien schonungslos ausbeuteten. Im 20. Jahrhundert hat die Ukraine sowohl die stalinistische Diktatur mit einer verheerenden Hungerkatastrophe als auch die nationalsozialistische Okkupation mit dem Judenmord und weiteren erschreckenden Verbrechen erlebt. Der ukrainische Traum von einem unabhängigen Staat ging erst infolge des Zerfalls der UdSSR 1991 in Erfüllung.

In den darauffolgenden Jahrzehnten suchte die von innen- und außenpolitischen Krisen gebeutelte, in sprachlicher, kultureller und ethnischer Hinsicht heterogene Ukraine ihren Platz in der Welt und entschied sich schließlich 2013/14 für den Weg der Freiheit und Demokratie, für den Weg nach Europa. Putins Russland hat diese Entscheidung nicht akzeptiert und führt seitdem einen heimtückischen und nunmehr offen zerstörerischen Krieg gegen die Ukraine, dessen Ziel die Unterjochung dieses Landes ist – ähnlich wie in der Zaren- und Sowjetzeit.

REALITÄT Sind Russen und Ukrainer tatsächlich ein Volk? Für Putin und viele Russen, welche die Realität verkennen, nach wie vor ja; für die meisten Ukrainer spätestens seit Ende Februar 2022 eindeutig nein. Die selbst ernannten Befreier aus dem Osten werden in der Ukraine weder mit Blumen noch mit Freude empfangen. Sie stoßen auf den erbitterten Widerstand der ukrainischen Armee und Zivilbevölkerung, auf Molotowcocktails und auf blanken Hass.

Der aktuelle Krieg zeigt die Absurdität der Moskauer Geschichtsfantasien und zerstört auf Dauer das Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern: Die russisch-ukrainische Freundschaft stirbt unter den Trümmern von Charkiw, Tschernihiw, Mariupol, Mykolajiw und Kiew.

Lange Zeit galt die Ukraine als gespalten und zerrissen. Diese Vorstellung war nicht nur in Russland, sondern auch im Westen und im Land selbst verbreitet. Diese Spaltung ist nunmehr Geschichte: Heute gibt es nur eine vereinte Ukraine, die Putin zerstören will, die aber mutig für Demokratie und Freiheit und vor allem um ihre Existenz kämpft.

»Die Ukraine ist Europa«. Dieser Slogan der ukrainischen »Revolution der Würde« 2013/14 wurde in Europa jahrelang nicht ernst genommen. Der ukrainische Weg nach Europa war steinig und tragisch. Spätestens heute ist dieses Land jedoch in Europa angekommen, denn es verkörpert europäische Werte.

JÜDISCHE GESCHICHTE Diese Ukraine hat einen Helden, einen ukrainisch-jüdischen Helden: ihren Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj. Das jüdisch-ukrainische Verhältnis war und ist sehr komplex. Die Ukraine ist ein Land mit einem großen jüdischen Erbe; ein Land jüdischer Schtetl, der jiddischen Sprache, des Chassidismus und Zionismus; ein zentraler Schauplatz des Holocaust; ein Land zahlreicher Judenmörder, die den Nationalsozialisten geholfen haben; und ein Land etlicher Judenretter, die ihr Leben riskierten.

Es ist Land, das für seinen Umgang mit der eigenen Geschichte oft zu Recht kritisiert wird; ein Land mit tradierten antisemitischen Traditionen und immerhin ein Land der Hoffnung, das sich seiner jüdischen Vergangenheit angenommen und einen Juden zum Staatspräsidenten gewählt hat.

Im Angesicht der Todesgefahr für die Ukraine ruft Selenskyj die jüdische Welt zu Solidarität und Unterstützung auf. Seine Forderung ist berechtigt, und sie findet Anklang: Während Putins Russland den Holocaust für die Rechtfertigung seiner Verbrechen gegen die Ukraine instrumentalisiert, ringt die israelische Regierung um eine Waffenruhe. Zahlreiche ukrainische Juden kämpfen für ihr Land, und viele Juden im Ausland betrachten die Unterstützung der Ukraine als ihre Pflicht. Sie verstehen, dass, wenn die freie und demokratische Ukraine unterginge, mit ihr auch die jüdisch-ukrainische Welt untergehen würde.

Der Autor ist Historiker in Düsseldorf.

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