USA

Die Versöhnliche

Laut US-Medienberichten glaubt Präsident Obama an Elena Kagans Kraft, die politische Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Foto: dpa

Fangen wir mit dem Foto an: Es schmückte jüngst die Titelseite des Wall Street Journal und zeigte Elena Kagan, die nach dem Willen von US-Präsident Barack Obama in den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten berufen werden soll. Auf dem Bild allerdings war Elena Kagan noch Jurastudentin. Sie steht auf einem Sportplatz und hält einen Softballschläger in der Hand. Übrigens sieht Elena Kagan auf dem Bild richtig gut aus: jung, frisch, hübsch, intelligent. Das musste jetzt mal dringend gesagt werden.

In Amerika hat das Wall Street Journal mit seiner Wahl des Aufmacherfotos nämlich umgehend eine wütende Debatte ausgelöst. Wollte die renommierte rechtsliberale Zeitung etwa – zwinker, zwinker – zart andeuten, dass Elena Kagan lesbisch ist? Schließlich schwingt sie auf dem Bild nicht nur einen Softballschläger, sie trägt außerdem eine Kurzhaarfrisur! Die hat Miss Kagan mit 50 immer noch, und sie ist unverheiratet geblieben.

Das Wall Street Journal dementierte umgehend: Alles ganz harmlos. Gar nichts sei mit dem Foto gemeint gewesen. Die Diskussion tobte trotzdem munter weiter: Liebt Elena Kagan nun Frauen oder nicht, und geht das die demokratische Öffentlichkeit etwas an? Der konservative (und offen schwule) Blogger Andrew Sullivan hat Elena Kagan aufgefordert, sich klar zu ihrer (angeblichen!) sexuellen Neigung zu bekennen, alles andere wäre seiner Meinung nach politisch rückschrittlich. Für christliche Fundamentalisten dagegen wäre die Berufung einer lesbischen Frau in den Supreme Court ein Gräuel, eine nationale Katastrophe.

protestanten Sehr viel weniger Beachtung fand in dem ganzen Remmidemmi der Umstand, dass Elena Kagan Jüdin ist. Und das könnte den Betrachter aus folgendem Grund überraschen: Dies ist das erste Mal in der Geschichte Amerikas, dass kein einziger Protestant mehr im Obersten Gerichtshof in Washington sitzt. Drei der neun Richter werden von nun an Juden sein – außer Elena Kagan sind das Ruth Bader Ginsburg und Stephen Breyer. Und die anderen sechs? Katholisch. Keine Kleinigkeit in einem Land, das sich lange Zeit (trotz der Trennung von Staat und Religion, die in der amerikanischen Verfassung festgeschrieben ist) vor allem als protestantische Nation definiert und verstanden hat.

Die Vereinigten Staaten sind weit gekommen, seit der legendäre Louis Brandeis zum Obersten Richter berufen wurde (1916), seit der große Benjamin Cardozo ihm nachfolgte (1932), seit der berühmte Felix Frankfurter auf dem Richterstuhl Platz nahm (1939). Damals mussten noch Widerstände gebrochen werden. Antisemitismus war gerade auch in feiner Gesellschaft kein Tabu. Juden erfuhren an Universitäten handfeste Diskriminierung. All dies ist längst passé: Spätestens, seit im Weißen Haus ein schwarzer Mann regiert, haben sich irgendwie alle Amerikaner in WASPs (weiße Protestanten angelsächsischer Herkunft) verwandelt, ob sie nun Juden, Katholiken oder sonstwas sind. Die einzige Frage, die vernünftige Menschen umtreibt, lautet: Wird Elena Kagan eher den konservativen Richtern um Antonin Scalia zuneigen, oder wird sie das linksliberale Lager um Ruth Bader Ginsburg verstärken?

Elena Kagan ist eine New Yorkerin, aufgewachsen in der Upper West Side. Ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater ein Anwalt, der sich vor allem um Mietrecht kümmerte. Beide Eltern sind vor kurzer Zeit gestorben. Kagan hat zwei Geschwister, Brüder, die den Beruf der Mutter ergriffen, also Lehrer wurden. Jeffrey Toobin vom New Yorker, der mit Elena Kagan in Harvard Jura studiert hat, beschreibt sie mit drei Adjektiven: klug, selbstbewusst, witzig. »Sogar an der Universität, wo es nicht an intelligenten Leuten mangelte, fiel Kagan von Anfang an als beachtenswerter Kopf auf.« Sie könne gut mit Leuten, so Toobin. »Die juristische Fakultät war damals ein Ort des politischen Streits und der Fraktionskämpfe. Sie manövrierte mit Leichtigkeit zwischen den Fraktionen umher und wurde von allen Seiten respektiert.« Dieselben Qualitäten habe sie drei Jahrzehnte später als Direktorin der Fakultät unter Beweis gestellt.

Jugend Als Teenager war Elena Kagan allerdings deutlich weniger diplomatisch. Sie und ihre Eltern gehörten damals der Lincoln-Square-Synagoge in der Upper West Side an. Eigentlich war es eine konservative Gemeinde, sie hatte dann aber mit Shlomo Riskin einen orthodoxen Rabbiner engagiert, der darauf bestand, dass die halachischen Regeln eingehalten wurden, auch was die Trennung der Geschlechter und den Aufruf von Frauen zur Tora betraf.

Elena Kagan interessierte sich für das Judentum. Sie zeichnete sich in ihren Religionsstunden durch hervorragende Leistungen aus. Und so bestand sie mit zwölf Jahren gegen alle Widerstände auf einer ordentlichen Batmizwa. Am Schluss bekam sie ihren Willen, wenn auch nur halb: Sie wurde nicht am Samstagvormittag zur Tora aufgerufen, sondern am Freitagabend. Und sie sprach am 18. Mai 1973 nicht über die fünf Bücher Moses, sondern über das Buch Ruth.

Dank Elena Kagan wurde der Ritus in der Lincoln-Square-Synagogue sanft liberalisiert: Heute werden dort auch Mädchen zur Feier ihres 13. Geburtstags zur Tora aufgerufen, allerdings im weiblichen Teil der Synagoge – und es dürfen nicht mehr als neun Männer zugegen sein.

Gutdünken Bleibt die Frage, welche Politik Elena Kagan im Obersten Gerichtshof vertreten wird. Dazu muss man wissen, dass solchen Ernennungen in Amerika großes Gewicht beigemessen wird: Da der Supreme Court die Macht hat, die amerikanische Verfassung nach Gutdünken auszulegen, kann er – indem er die legalen Stellschrauben neu justiert – die politische Kultur des Landes subtil, aber nachhaltig beeinflussen.

Also bitte, wo steht Ms. Kagan? Das Problem ist, dass es keiner so genau weiß. Zwar ist sie kein unbeschriebenes Blatt, aber sie hat bisher zu wenige beschriebene Blätter hinterlassen, als dass man sie klar einordnen könnte. Der Stil ihrer Rechtsgutachten wird von der New York Times als »dicht, technisch und im Großen und Ganzen unideologisch« beschrieben.

Klar ist freilich, dass es sich bei Elena Kagan um eine Demokratin handelt. Sie hat die Regierung Clinton rechtlich beraten – und in dieser Funktion die Verfassung dahingehend interpretiert, dass der Präsident das Recht habe, die Exekutive weitgehend zu beherrschen. (Mit dieser Meinung hat sie sich bei den Linken nicht gerade beliebt gemacht.) Als Chefin der juristischen Fakultät in Harvard wiederum hat sie für kurze Zeit dafür gesorgt, dass Armee-Werber Teile des Campus nicht betreten durften, weil Schwule und Lesben in den amerikanischen Streitkräften diskriminiert würden.

konziliant Die New York Times spekuliert, Präsident Obama habe Elena Kagan nicht etwa deshalb auf ihren Posten gehievt, weil er eine überzeugte Linksliberale im Obersten Gerichtshof sehen wollte. Vielmehr hoffe er darauf, dass es seiner Kandidatin in ihrer konzilianten Art gelingen könnte, die politische Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Wem fiele dabei nicht der salomonische Kompromiss ein, der dank Elena Kagans Intervention in der Lincoln-Square-Synagoge gefunden wurde?

Den Rest der Geschichte möge der interessierte Zeitgenosse dem Horoskop entnehmen. »Kagans astrologische Konstellationen zeigen, dass sie mit der Sonne im Zeichen des Stiers geboren wurde. Dies deutet auf eine Sehnsucht nach Frieden und Harmonie, aber auch auf einen bockigen Charakterzug hin«, informiert uns die einschlägige Expertin Lynn Hayes. »Ihre Sonne befindet sich in einer harmonischen Dreieinigkeit mit Pluto, und dies deckt ihre Fähigkeit auf, die Welt um sie herum zu ändern und zu transformieren (Pluto).« Es kann also gar nichts mehr schiefgehen.

Was die Frage betrifft, ob Elena Kagan lesbisch ist, sei auf eine alte psychoanalytische Weisheit hingewiesen: Manchmal ist ein Softball-Schläger einfach nur ein Softball-Schläger.

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