Argentinien

Die Stadt der jüdischen Gauchos

Mit einem Doppeltorbogen empfängt Moisés Ville, die Stadt der Juden in Argentinien, ihre Besucher. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Siedlung von osteuropäischen und russischen Einwanderern gegründet. Aus Moisés Ville – hebräisch: Kiryat Moshe, Mosesdorf – ist inzwischen ein kleines Städtchen geworden, dessen jüdische Spuren an vielen Ecken noch sichtbar sind. Wenn es nach dem Willen des argentinischen Simon Wiesenthal Center und der Universidad Nacional de La Plata (UNLP) in Buenos Aires geht, dann steht Moisés Ville bald auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Siedlungsgeschichte Obwohl heute nur noch etwa zehn Prozent der insgesamt rund 2500 Einwohner Juden sind, könne man in der Moses-Stadt die vielfältigen Spuren sehen, die die jüdischen Gründer hinterlassen hätten, betont Eva Guelbert de Rosenthal, die Direktorin des Historischen Museums, in dem die jüdische Siedlungsgeschichte dargestellt ist. Sie finde sich nicht nur in den Häusern und Gebäuden, die von den Einwanderern gebaut worden sind, sondern auch in den Essgewohnheiten der Bewohner, der Gastronomie, den kulturellen Traditionen und in der Solidarität der heutigen Einwohner. Kiryat Moshe zeige immer noch, dass es einmal ein jüdisches Schtetl gewesen ist – und das in Argentinien.

Die Gründer kamen im Herbst 1889 in Buenos Aires an. 136 Familien mit insgesamt 820 Personen waren es – geflohen vor antisemitischen Pogromen aus Russland. Am 12. August des Jahres hatten sie sich in Bremen auf dem Dampfschiff »Weser« eingeschifft. Als sie nach langer Atlantiküberquerung in der Hafenstadt am Rio de la Plata ankamen, stellten sich ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang in einem Siedlungsort als leeres Versprechen heraus.

Typhusepidemie Jemand lockte die Verzweifelten nach Santa Fe. Tagelang saßen sie im Zug, als sie endlich die Provinzhauptstadt erreichten –und merkten, dass sie ein weiteres Mal getäuscht worden waren. Zwei Monate verbrachten sie zusammengepfercht und hungrig in einem Eisenbahnschuppen. Als eine Typhusepidemie ausbrach, starben 60 von ihnen innerhalb kürzester Zeit.

Dann fand sich eine italienische Familie, die der Asociación Barón Hirsch de Colonización Judía 18 Kilometer von Santa Fe entfernt eine neue Heimat bot. Rabbiner Aarón Halevi Goldman, der spirituelle Leiter der Gruppe, nannte – nach all der Irrfahrt – den Ort »Kiryat Moshe«. Ein französischer Übersetzer machte daraus »Moisés Ville«.

Die Anspielung auf die Rettung der Israeliten durch Moses sei gerechtfertigt, erläutert Guelbert der jüdischen Nachrichtenagentur in Lateinamerika, Agencia Judía de Noticias, denn schließlich habe Argentinien »den Verfolgten aus dem Zarenreich seine Pforten geöffnet«.

Synagogen Moisés Ville wurde zur Wiege der jüdischen Gauchos, die von der Landwirtschaft und vor allem von der Viehzucht lebten. An Erew Schabbat füllten sich die drei Synagogen des Städtchens mit Betern, in den Fenstern leuchteten die Schabbatkerzen. Wer durch die Straßen spazierte, begegnete Menschen, die sich auf Jiddisch unterhielten. In zwei Bibliotheken konnten die Einwohner Bücher auf Spanisch, aber vor allem hebräische, jiddische und russische Literatur entleihen. Es gab eine jüdische Schule, ein Seminar für Hebräischlehrer, ein jüdisches Krankenhaus und den ersten jüdischen Friedhof Argentiniens – der übrigens bis heute in Betrieb ist.

Nun hofft die Stadt, in die Liste der UNESCO-Welterbestätten aufgenommen zu werden. Für den Architekten Alfredo Conti, der das Expertenteam anführt, das die Antragsbegründung ausgearbeitet hat, ist Moisés Ville »ein außergewöhnliches Zeugnis urbaner jüdischer Ansiedlung«. Die Stadt sei ein besonderes Zeugnis der jüdischen Auswanderung nach Amerika Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es in der Antragsbegründung. Die meisten der religiösen und institutionellen Bauten seien nahezu vollständig erhalten – im Gegensatz zu ähnlichen Siedlungen in Nord- und Südamerika.

Die städtebauliche Struktur sei das Ergebnis lokaler Bautraditionen und der Bedürfnisse der jüdischen Ortsgründer, heißt es in dem Antrag weiter. »Alle Gebäude, mit Ausnahme der Mikwe, haben ihre ursprüngliche Funktion behalten.« Die »Gemeinschaftsgebäude mit ihrer besonderen architektonischen Typologie« spiegelten die Entwicklung einer jüdischen Siedlung wider.

Bewerberliste Auf der Bewerberliste für das »UNESCO-Welterbe der Menschheit« steht die Einwandererstadt seit Juni 2015. Möglicherweise schon im kommenden Jahr, so hofft der Tourismusvertreter der Gemeinde, Uriel Charne, werde Moisés Ville in die Welterbeliste aufgenommen.

Pilot Adam Edelman (links) und Bremser Menachem Chen auch Israel, was noch keinem israelischem Bob-Team vor ihnen gelang: eine Olympia-Qualifikation ohne Trainer

Winterspiele

RTS entschuldigt sich für Olympia-Kommentar

Ein Live-Kommentar über den israelischen Bobfahrer Adam Edelman sorgte für Empörung – nun entschuldigt sich RTS und spricht von einem »unangemessenen Format«

von Nicole Dreyfus  19.02.2026

Belarus

Die Kushner-Karte

Alexander Lukaschenko sucht die Nähe zu den USA und gibt sich philosemitisch

von Alexander Friedman  18.02.2026

Antisemitismus

In Andorra wird zum Karneval eine Israel-Puppe hingerichtet

In dem kleinen Fürstentum in den Pyrenäen wurde beim Karneval einer Puppe mit Davidstern der Prozess gemacht - die jüdische Gemeinschaft ist empört

 18.02.2026

Meinung

Eklat im Schweizer öffentlich-rechtlichen: Das RTS und der Israelhass

Der eigentliche Skandal ist die Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Senders. Eine Rundfunkanstalt sollte ihre publizistischen Leitlinien immer einhalten und auch bei Israel keine Ausnahme machen.

von Nicole Dreyfus  17.02.2026

Der israelische Bobfahrer Adam Edelman nimmt die Hasstiraden gegen seine Person gelassen und will sich auf den Wettkampf konzentieren.

Olympische Winterspiele

Sender verteidigt »Genozid«-Kommentar, nimmt ihn aber offline

Die politischen Einordnungen eines Schweizer TV-Kommentators bei der Abfahrt des israelischen Bobfahrers Adam Edelman sorgen für Debatten. Der Sender verteidigt sich, der Sportler sieht es gelassen

 17.02.2026

Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

In mehreren X-Posts griff Bill White die belgische Regierung scharf an, die wiederum sich die Einmischung verbat. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Boston

Dokumentarfilm-Pionier Frederick Wiseman gestorben

»Dokumentarfilme sind wie Theaterstücke, Romane oder Gedichte – sie haben keine messbare soziale Nützlichkeit«, sagte der Verstorbene einst. Er wurde 96 Jahre alt

 17.02.2026

Österreich

Wiens Oberrabbiner wandert nach Israel aus

Sechs Jahre leitete der gebürtige Schweizer Engelmayer mit einer internationalen Berufsbiografie die jüdische Gemeinde in Wien. Jetzt siedelt er mit seiner Familie nach Israel über

von Burkhard Jürgens  16.02.2026 Aktualisiert

Trauer

»Teheran«-Produzentin Dana Eden stirbt mit 52 Jahren

Sie wurde tot in ihrem Hotelzimmer in Athen aufgefunden

 16.02.2026