Russland

»Die Situation ist beängstigend«

Herr Karpov, infolge der Hitzewelle und der zahlreichen Wald- und Torfbrände im Umland Moskaus wird über eine dramatische Situation in der russischen Hauptstadt berichtet. Wie ist die Lage gegenwärtig?
Im Moment kann man es in Moskau nur äußerst schwer aushalten. Man weiß nicht, ob die seit Monaten anhaltende Hitzewelle oder der giftige Qualm schlimmer ist. Vergangenen Donnerstag hatten wir die Hoffnung, dass es endlich besser werden würde, da wenigstens der Smog weniger wurde. Am Freitag aber war es verrauchter und heißer denn je. Als ich an diesem Tag mit der U-Bahn fahren wollte, habe ich vor lauter Qualm nur hören können, wie sie in den Bahnhof einfuhr. Wir alle hoffen, dass der Rauch bald verschwindet und dass es endlich kühler wird.

Wie gehen die jüdischen Gemeinden in Moskau mit dieser schwierigen Situation um?
Glücklicherweise sind im Monat August unsere Kindergärten und Schulen geschlossen, so dass viele unserer Gemeindemitglieder ohnehin im Urlaub sind. Und jene, die es sich leisten können, sind in den vergangenen Tagen aus der Stadt ins Ausland geflohen. Von anderen weiß ich, dass sie, um dem Qualm und der Hitze zu entkommen, Verwandte in anderen Städten Russlands besuchen, die nicht vom giftigen Smog betroffen sind.

Welche Maßnahmen ergreifen die Gemeinden, um die in Moskau verbliebenen Mitglieder zu schützen?
In den Räumen der Verwaltung des Russian Jewish Congress gibt es glücklicherweise Klimaanlangen, aber bei mehr als 35.000 Mitgliedern kann man leider nicht jedes Gebäude damit bestücken. Deshalb geben wir unseren davon betroffenen Mitarbeitern die Möglichkeit, von Zuhause zu arbeiten. An diejenigen, die in Moskau geblieben sind, vornehmlich kranke und alte Menschen, haben wir Mundschutze verteilt, damit sie nicht den Rauch inhalieren. Außerdem haben wir Räume mit Klimaanlagen eingerichtet, sodass sich der Organismus von der belastenden Hitze erholen kann. Zudem ist die medizinische Versorgung aufgestockt worden und somit nach wie vor sichergestellt.

Sind jüdische Institutionen im Umland Moskaus unmittelbar von den Bränden betroffen?
Glücklichweise nicht. Und meines Wissens waren unter den etwa 3.500 Menschen, die durch die Brände obdachlos geworden sind, keine Gemeindemitglieder. Selbstverständlich versuchen wir den Brandopfern dennoch mit unseren eher bescheidenen Mitteln zu helfen. Wir haben dieser Tage einen Fonds eingerichtet, durch den eine rasche Hilfe für Brandopfer im Umland gewährleistet wird.

Gab es bisher von jüdischen Organisationen aus dem Ausland Hilfe?
Bislang noch nicht – leider.

Haben Sie den Eindruck, dass das Krisenmanagement der Politik der Bedrohung durch das Feuer und den Qualm Herr werden kann?
Viele Moskauer sind wirklich verärgert. Unser Bürgermeister Juri Luschkow war während der Entwicklung des giftigen Smogs im Urlaub und ließ sich auch Tage später nicht in Moskau blicken. Das war nicht gut. Nun ist er zurück, aber auch seine Möglichkeiten sind naturgemäß begrenzt. Die Politiker und die Verwaltung in der Hauptstadt tun, was sie können. Was aber die Brände betrifft, könnte die Politik sicherlich mehr Hebel in Bewegung setzen, um diese unter Kontrolle zu bringen. Erst dann geht es auch uns in der Hauptstadt besser.

In den Agenturmeldungen war zu lesen, dass in Folge der Rauchglocke in Moskau die Sterblichkeitsrate dramatisch gestiegen sei. Trifft das auch auf die Gemeinden zu?
Meines Wissens gab es bislang ausschließlich Krankheitsfälle, an den Folgen der Brände ist nach meinen Informationen bisher noch keiner gestorben. Aber die Angaben der Stadt sind beängstigend. Die Sterberate soll sich in den letzten Tagen um mindestens 50 Prozent erhöht haben.

Gibt es angesichts dieser Bedrohung in der Bevölkerung Anzeichen von Panik?
Nein, im Gegenteil. Die Menschen sind müde und ausgelaugt. Die Hitze liegt wie eine Glocke über der Stadt. Jeder Handgriff ist einer zu viel. Dennoch helfen sich die Menschen untereinander. Das ist nicht selbstverständlich – und vermutlich das einzige positive Zeichen in dieser schwierigen Zeit.

Mit dem Geschäftsführer des Russian Jewish Congress sprach Philipp Engel.

London

Jüdische Londoner fühlen sich von Aktivisten eingeschüchtert

Rund 40 Personen seien in ein jüdisch geprägtes Wohngebiet gezogen, hätten Parolen wie »Völkermord« skandiert und gefordert, der Staat Israel müsse verschwinden, sagen Augenzeugen

 01.04.2026

Nepal

Sederabend auf Rekordniveau

Wie Kathmandu zur Bühne einer der größten Pessachfeiern der Welt wurde

von Matthias Messmer  31.03.2026

Winnipeg

Jüdischer Anti-Zionist wird Chef der sozialdemokratischen NDP

Avi Lewis delegitimiere einen wesentlichen Teil jüdischer Identität, sagen jüdische Organisationen in Kanada

 31.03.2026

Österreich

Hamas-Narrative im ORF?

Für die Österreichische Medienbehörde ist klar, dass der ORF den Krieg im Gazastreifen in einer ausgestrahlten TV-Dokumentation verzerrt hat

von Nicole Dreyfus  30.03.2026

Porträt

Challa vom Prinzen

Idan Chabasov wurde mit seinen kunstvollen Zopfkreationen auf Instagram berühmt. Sein simples Rezept: Mehl, Wasser, Hefe und Verbundenheit zur jüdischen Gemeinschaft. Seine ersten Challot hat er in Berlin gebacken

von Nicole Dreyfus  29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026

Großbritannien

Wegen Hamas-Lob: Polizei nimmt Ärztin zum fünften Mal fest

Immer wieder machte die britisch-palästinensische Medizinerin Rahmeh Aladwan mit antisemitischer Hetze von sich reden. Doch auch dieses Mal wurde sie nicht in Haft genommen

 27.03.2026

Krieg gegen Iran

USA könnten Abfangraketen für die Ukraine nach Nahost umleiten

Schicken die USA für die Ukraine vorgesehene Rüstungsgüter in den Nahen Osten? Ein Bericht der »Washington Post« sorgt Aufsehen - vor allem, weil eine Nato-Initiative betroffen sein könnte

 26.03.2026

Großbritannien

Angriff auf Ambulanzen

Eine iranisch-islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu einem Anschlag auf den jüdischen Rettungsdienst Hatzola

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  25.03.2026