Interview

»Die junge jüdische Stimme Europas«

Herr Fischer, Sie sind seit vergangenem Sommer Präsident des Europäisch-Jüdischen Studentenverbands EUJS. Was ist die Aufgabe Ihrer Organisation?
Als Dachverband unterstützen wir die 35 nationalen jüdischen Studentenverbände in Europa und vernetzen sie miteinander. Außerdem vertreten wir die rund 160.000 jüdischen Studenten in Europa gegenüber der EU, dem UN-Menschenrechtsrat und der OSZE sowie gegenüber den großen jüdischen Organisationen. Hinzu kommt die politische Arbeit mit den Studenten, zum Beispiel bieten wir Seminare an.

Was sind das für Seminare?
Jedes Jahr gibt es eines hier in Brüssel bei den europäischen Institutionen und eines in Genf beim UN-Menschenrechtsrat. Zudem veranstalten wir gemeinsam mit der Roma- und der armenischen Community eine Reihe von Seminaren, die sich mit der Rolle von Diaspora-Gemeinden in Europa beschäftigen. Wir hatten auch ein Seminar, in dem es um Genderfragen im Judentum ging, um Inter-, Homo-, Trans- und Bisexualität. Und dann gibt es jedes Jahr unser großes Sommertreffen, die sogenannte Summer U, zu der mehr als 400 Studenten aus rund 45 Ländern kommen. Dort halten die Studenten selbst Seminare zu allen möglichen Themen wie Religion, Karriere und vielen anderen mehr. Ganz wichtig dabei: Alles, was wir machen, ist von Studenten für Studenten.

Wer steht hinter Ihrer Organisation?
Wir sind vollkommen unabhängig – auch von jüdischen Organisationen, denn sonst müssten wir ihnen ja inhaltlich folgen, und das wollen wir nicht. Das schließt jedoch nicht aus, dass wir mit den großen jüdischen Organisationen in Brüssel wie dem Europäischen Jüdischen Kongress, dem Jüdischen Weltkongress, dem American Jewish Committee und vielen anderen kooperieren.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?
Sie ist sehr vielfältig. So nutzen wir deren Räumlichkeiten für unsere Seminare. Und das American Jewish Committe stellt uns dieses Jahr zum Beispiel 30 Plätze für europäische Studenten beim jährlichen Global Forum zur Verfügung. Ganz unabhängig davon gibt es natürlich einen regen Austausch zwischen uns und den anderen jüdischen Organisationen.

Und wie finanzieren Sie sich?
Wir bekommen Spenden, aber werden größtenteils von EU-Geld finanziert – um das wir uns allerdings jedes Jahr erneut bewerben müssen.

Es gibt bereits eine recht große Zahl jüdischer Organisationen in Brüssel. Wofür braucht es den Europäisch-Jüdischen Studentenverband?
Wir sind die junge jüdische Stimme Europas und deshalb etwas progressiver, wenn es darum geht, Position zu beziehen. Es kommt oft vor, dass der Ton, den wir anschlagen, ein anderer ist als bei den übrigen jüdischen Organisationen. Jetzt in der Flüchtlingskrise zum Beispiel haben wir eine Kampagne gestartet, die Studenten in ganz Europa aufruft zu helfen. Und gegenüber den europäischen Institutionen wie dem Parlament ist unser Vorteil, dass wir als Studenten Fragen stellen können, die sich andere lieber verkneifen.

An vielen Hochschulen weltweit breitet sich seit einigen Jahren die Israel-Boykott-Bewegung BDS aus. Was unternehmen Sie als Verband dagegen?
BDS agiert in den verschiedenen Ländern auf ganz unterschiedliche Weise. Wir unterstützen die nationalen jüdischen Studentenverbände bei Kampagnen gegen BDS und machen die europäischen Institutionen und die OSZE auf das Phänomen des Israel-Boykotts aufmerksam.

Als EUJS-Präsident sind Sie, wie es sich gehört, auch selbst Student. Hand aufs Herz: Bleibt Ihnen bei so einem Amt überhaupt Zeit zum Studieren?
Nein, dazu habe ich momentan absolut keine Zeit. Ich bin sehr viel unterwegs in Europa. EUJS-Präsident zu sein, ist ein Fulltime-Job. Dafür musste ich mein Studium unterbrechen. Meine Amtszeit beträgt zwei Jahre. Falls ich im Sommer 2017 nicht erneut kandidieren sollte, werde ich wohl in Hamburg weiter Politikwissenschaft studieren.

Mit dem Präsidenten der European Union of Jewish Students sprach Tobias Kühn.

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