Stockholm

Der zynische Blick

In Nischen sind Fotos zu sehen, die die Gefangenen vor ihrer Entmenschlichung zeigen. Foto: Karl Gabor

Unter dem Namen »Auschwitz-Album« sind vor Kurzem zwei Fotoalben bekannt geworden, die Bilder aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau enthalten. Das eine befindet sich heute in Washington und versammelt Aufnahmen, die ein SS-Obersturmführer vom lachenden Lagerpersonal in der Freizeit gemacht hat.

Das andere – seit 1980 Eigentum der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem – vermittelt einen Eindruck davon, wie die SS-Fotografen Ernst Hofmann und Bernhard Walter die Ankunft und die sogenannte Selektion der Gefangenen sowie den Marsch zu den Krematorien, das Warten der Opfer sowie das Sortieren der übrig gebliebenen Habseligkeiten darstellen wollten. Die Fotografien zeigen keine Gewalt, keine Bilder aus den Gaskammern und keine Bilder von Leichen.

»Auschwitz-Album« Auf einem Foto stehen zwei Häftlinge vor einem Haufen Taschen und Körben, die den Ermordeten gehörten – und lachen in die Kamera. »Es gab nichts zu lachen. Möglicherweise wurden die Gefangenen von den Fotografen dazu aufgefordert«, sagt Christina Gamstorp, Direktorin des Jüdischen Museums in Stockholm. Das sorgfältig gestaltete Album mit seinen technischen Bildunterschriften sollte nicht Propagandazwecken dienen, sondern wohl eher als interner Leistungsnachweis innerhalb der SS.

Dieses Fotoalbum bildet den Kern einer Ausstellung, die zurzeit im Jüdischen Museum Stockholm zu sehen ist. Schweden hatte im Zweiten Weltkrieg seine Neutralität erklärt. Angesichts der Kämpfe vor allem in den Nachbarländern Finnland und Norwegen war diese Position innenpolitisch nicht unumstritten.

»Die Bilder sind in Schweden nicht sehr bekannt«, sagt Christina Gamstorp. »Wir wollen deutlich machen, dass sie nur die Perspektive der Täter zeigen, nicht die der Opfer.« Deswegen sind in den verwinkelten Gängen der Ausstellung in drei Nischen auch Bilder zu sehen, die die späteren Gefangenen in einem anderen Kontext zeigen, beispielsweise Adalbert Berkovits als kleinen Jungen mit einem Teddybären im Arm. Zitate von Überlebenden ergänzen die Informationen der Bilder und kommentieren sie, auch wenn die Texte ursprünglich nicht in Bezug zu den Fotos standen.

KZ-Aufseher Rund 438.000 ungarische Juden wurden von Mai bis Juli 1944 mit Zügen aus Transsylvanien nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus in der Heimat fürchteten sie sicherlich Schlimmes. Die Berichte von Überlebenden zeugen von gewalttätigen Übergriffen auf die erschöpften Gefangenen durch die KZ-Aufseher – abschreckende Beispiele, welche die Kraft zum Widerstand schnell eindämmten.

Das lässt die Ruhe und Ordnung verständlich werden, die die Fotografien ausstrahlen: Jeder Schritt im Vernichtungsprozess läuft vermeintlich reibungslos ab. Kinder, Frauen und Männer in Mänteln, mit Mützen, Kopftüchern, Hüten warten – ohne es zu wissen – auf ihre Ermordung in den Gaskammern. Sie sitzen erschöpft auf einer Wiese. Nach drei Tagen Fahrt in einem Viehwaggon waren sie möglicherweise erleichtert, dass die Quälerei vorbei war. Manche ahnten beim Aussteigen nicht, was ihnen bevorstand.

Die Aufseher hingegen wussten ganz genau, wie es für die Gefangenen weitergehen würde. Auch den Alliierten war im Sommer 1944 längst bekannt, dass die Deutschen in Auschwitz massenweise und systematisch Juden und andere zum Feind erklärte Menschen vergasten.

Livia Fränkel, eine der Überlebenden, erinnert sich an ein Gefühl der Neugier, das sie beim Aussteigen in dem Getümmel verspürte. »Wie tötet man so viele Menschen?«, habe sie sich als damals 16-Jährige gefragt. »Als ich nach der Befreiung zum ersten Mal diese Fotos sah, dachte ich: ›Ja, genau so haben wir damals ausgesehen, alle miteinander‹.«

Von den Menschen, die auf den Bildern zu sehen sind, haben nur einzelne überlebt. Die meisten wurden noch am Tag ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. August zu sehen. www.judiska-museet.se

Bonn/Berlin

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