Ungarn

Der Tod kann teuer werden

Das Hexenhäuschen der Róza Holländer mit seinen Majolika-Blumen sieht so verwunschen aus wie immer. Auf den Gräbern der Wunderrabbis flattern die steinbeschwerten Wunschzettel im kalten Dezemberwind. Nichts deutet darauf hin, dass der jüdische Großfriedhof der ungarischen Hauptstadt ein Ort schmutziger Geschäfte oder gar der Korruption sein könnte. Doch genau das ergaben die Recherchen des Internet-Nachrichtenportals »index.hu«.

Doppelte Buchführung Wer die Straßenbahn 28 hinaus an den Rand des X. Bezirkes nahm, vorbei an den Gefängnissen und dem christlichen Zentralfriedhof, hinaus in die Kozma-Straße, ganz ans Ende, wo die Bahn in der Wendeschleife quietscht, der geriet in ein ausgeklügeltes System von Scheinrechnungen und doppelter Buchführung. Zumindest, wenn er das Büro der Friedhofsverwaltung und der Beerdigungsgesellschaft Chewra Kadischa betrat, um für seine verstorbenen Angehörigen einen Grabplatz zu erwerben.

Eine offizielle Preisliste fand er hier nicht, alles erwies sich als eine Sache des Verhandlungsgeschicks oder des Auftretens. Wer statt mit der Straßenbahn mit dem Mercedes vorfuhr, landete einige Preisklassen höher, wer klagte und verzweifelte, bekam schon einmal im Hinterzimmer Freundschaftspreise angeboten. So konnte es innerhalb derselben Parzelle zu Preisunterschieden von mehreren Tausend Euro kommen. Quittiert wurde auf formlosen Zetteln mit dem Zusatz »Nicht für die Regelung von Mehrwertsteuer- oder Erbangelegenheiten geeignet«.

Schmiergeld Der aufsichtsführenden jüdischen Gemeinde wurden die Verkäufe und Vertragsabschlüsse entweder gar nicht gemeldet oder weit niedrigere Buchwerte angegeben. Als Folge sanken über die Jahre die offiziellen Einnahmen aus dem Friedhof. Doch wer denkt, die Glaubensgemeinschaft wäre bloßes Opfer ihrer Außenstelle gewesen, sieht sich getäuscht: Wie »index.hu« erfuhr, trug regelmäßig ein Totengräber Schmiergeld in die Zentrale. Jetzt ermittelt die Polizei. Am 1. Dezember fanden Hausdurchsuchungen im Gemeindebüro und in der Friedhofsverwaltung statt. Alle betroffenen Führungspersonen verweigern die Aussage.

Wie das Nachrichtenportal herausfand, wurde auch gegen das religiöse Verbot der Einäscherung verstoßen. Begonnen hatte alles zu sozialistischen Zeiten mit von staatlicher Stelle betriebenen Ausnahmegenehmigungen. In der Folge wurden Urnenbestattungen immer beliebter: Besonders Ältere bestanden auf diesen Dienst. Sie wollten auf die gleiche Weise in die Ewigkeit eingehen wie ihre Angehörigen, die im Holocaust ermordet und verbrannt worden waren. Dass sie damit aus Sicht der Tora die Auferstehung verloren, zählte für sie nicht mehr. Die Chewra Kadischa versuchte später, die Urnenbestattungen zurückzudrängen, nicht zuletzt, indem sie die Tarife über die für Erdbestattungen hob. Als Ergebnis blühten aber bald auch hier Bestechung und Korruption: Für umgerechnet 2.000 bis 3.000 Euro ließ sich alles regeln, auch die Versenkung der Urne neben erdbestatteten Angehörigen.

Vertuschung Völlig unerwartet kommen die Vorwürfe nicht. Viele sehen die Altherrenriege in der Gemeindeführung seit Jahren kritisch. Auch die Zustände beim Friedhof sprachen sich herum. Allerdings wollte niemand diese als gemeindeintern betrachteten Dinge an die große Glocke hängen, auch, um nicht dem in großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft verbreiteten Antisemitismus Nahrung zu geben. Die dadurch möglich gewordene jahrzehntelange Vertuschung hat nun genau das erreicht: Das berüchtigte rechtsextreme Nachrichtenportal »kuruc.info« bejubelt die Recherchen der linksliberalen Konkurrenz von »index.hu« und fühlt sich in seiner antisemitischen Weltsicht bestätigt.

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