Österreich

»Der Spuk ist zu Ende«

Wiener Medien über das Ende der Regierung Foto: imago images / Viennareport

Es war Schabbat, als das Video auftauchte, in dem Österreichs Vizekanzler Heinz-Christian Strache und FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus in einer Villa auf Ibiza einer vermeintlichen russischen Oligarchin bei Koks und Red-Bull-Wodka dubiose Parteispenden vorschlugen und sie dafür begeistern wollten, das Boulevard-Blatt »Kronen Zeitung« zu kaufen, um »zack, zack, zack« Redakteure zu feuern und das Medium auf FPÖ-Kurs zu bringen.

»Ich habe mir das erst nach dem Schabbat angeschaut und ahnte sofort: Das ist das Ende der Regierung«, sagt Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG). Er behielt recht: Strache trat zurück, Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) entließ Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), worauf alle Minister der Rechtspartei ihre Ämter niederlegten. Nun steht Österreich vor Neuwahlen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Partei noch mit der FPÖ koaliert«, sagt IKG-Präsident Oskar Deutsch.

Koalitionsbruch Am Dienstagmittag sitzt Oskar Deutsch am Konferenztisch und rührt zufrieden in einem Latte Macchiato. »Der Spuk ist zu Ende«, sagt er. Erste Umfragen, nach denen die Verluste der FPÖ trotz des Skandals nur gering ausfallen, hält er für eine Momentaufnahme: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Partei noch mit der FPÖ koaliert.« Von einer Staatskrise will Deutsch indes nichts wissen.

Er lobt die funktionierende Presse und den Umgang der öffentlichen Institutionen mit der aktuellen Situation. Für ihn kam der Koalitionsbruch allerdings viel zu spät. Er hatte gehofft, die FPÖ durch Fakten und Recherche zu stoppen. »Wir haben im Laufe der Legislaturperiode bereits 70 eindeutige Vorfälle von Antisemitismus aufgelistet. In seiner ›Genug ist genug‹-Rede hat Kanzler Kurz ja selbst von der ›Spitze des Eisbergs‹ gesprochen, die durch das Video erreicht sei. Er hätte viel früher handeln müssen.«

Oskar Deutsch hat während der Regierungszeit der FPÖ auf Boykott gesetzt. »Einzelne haben sich der FPÖ-Apologetik hingegeben«, sagt er »und aktiv gegen die IKG gearbeitet. Aber deren rund 5000 stimmberechtigte Mitglieder haben 24 Kultusräte aus sieben unterschiedlichen Parteien gewählt, die sich einstimmig dafür aussprachen, keine Gespräche mit FPÖ-Politikern zu führen.«

Boykott Prominente jüdische FPÖ-Mitglieder wie der Wiener Gemeinderat David Lasar stellen für Deutsch »nicht einmal eine Minderheit« dar. Für ihn sind sie »vereinzelte Erscheinungen«. Deutsch sagt: »Lasar, der seine Pressemitteilungen gern mit Verweis auf seine Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde unterschreibt, habe ich noch nie in einer Synagoge oder bei einem jüdischen Straßenfest gesehen.« Eine Anfrage der Jüdischen Allgemeinen ließ Lasar bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

Selbst in seiner Rücktrittserklärung habe Strache noch mit antisemitischen Chiffren gespielt, befindet Oskar Deutsch.

Strache hat immer wieder um die jüdische Gemeinde und die Nähe zu Israel gebuhlt, zuletzt durch seinen Besuch in Yad Vashem 2016. Auch die Asylpolitik erklärt die FPÖ gern mit dem »Kampf gegen Antisemitismus«.

Der Co-Präsident der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen (JöH), Benjamin Hess, wirft Strache einen unglaubwürdigen Spagat vor: »Es ist einfach zu sagen: ›Ich bin gegen Antisemitismus‹, aber es ist schwer, sich selbst vom Antisemitismus zu distanzieren.« Noch konkreter wird Robert Eiler vom Mauthausen-Komitee. Für ihn zeigt die FPÖ »eine eindeutig ausgeprägte Nähe zur NS-Ideologie«.

Selbst in seiner Rücktrittserklärung habe Strache noch mit antisemitischen Chiffren gespielt, befindet Oskar Deutsch: »Man muss nur die Worte ›Silberstein‹, ›Netzwerk‹, ›Ausland‹ und ›dubios‹ zusammenbringen – und es wird sofort verstanden, was verstanden werden soll: Der Täter stellt sich als Opfer einer jüdischen Verschwörung dar.«

Die Herkunft des Ibiza-Videos ist dem Präsidenten der Kultusgemeinde »in der Sache egal«. Dennoch wünscht er, dass sich schnell herausstellt, woher es stammt, »um weiteren Verschwörungstheorien den Garaus zu machen«.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  26.06.2026

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026