London

Der schnelle Steve

400-Meter-Läufer: Steven Solomon Foto: gettyimages

London

Der schnelle Steve

Ein jüdischer Leichtathlet lässt sich weder vom Chametz-Verbot noch von Rassismus-Vorwürfen stoppen

von Martin Krauss  06.08.2012 19:54 Uhr

Ein glücklicher Achter. Das ist Steven Solomon, Australiens einziger jüdischer Leichtathlet bei den Spielen in London und am Montag sensationell im Finale über 400 Meter, wo er auf Platz acht einlief. »Ich bin wirklich, wirklich glücklich«, sagte der 19-Jährige aus Sydney australischen Reportern nach dem Finale. »Jemand muss ja der Letzte in einem Rennen sein, und leider war ich das heute«, japste er. »Ich werde nach diesen Spielen mit erhobenem Haupt gehen können.«

An Steven Solomon ist einiges bemerkenswert. Erst seit zweieinhalb Jahren betreibt er die Leichtathletik als ernsthaften Sport. 2009 war er bei der Makkabiade in Israel noch der Kapitän des australischen Fußballteams. Auch Rugby hat er erfolgreich gespielt. Im vergangenen Jahr wurde er von Maccabi NSW, der jüdischen Sportorganisation für New South Wales, zum »Sportsman of the Year« gewählt.

Michael Vasin von Maccabi in Sydney ist bekennender Fan von Solomon: »Wir haben eine Berühmtheit in unserer Mitte«. Barry Smorgon, Vorsitzender von Maccabi Australia, hofft, dass Solomon trotz seiner Olympia-Erfolge auch künftig bei Makkabi-Spielen antritt. Und Harry Procel, ein australischer Makkabiade-Veteran, ist extra nach London gereist, um Solomon zu sehen. »Er ist ein wunderbarer Sportler«, schwärmt Procel, »und die Tatsache, dass er jüdisch ist, hebt ihn besonders heraus.«

Problem Oder es macht Solomon sein Leben als Leistungssportler schwerer. Kurz nach Pessach, vor den australischen Meisterschaften, als es immerhin um die Qualifikation für die Olympischen Spiele ging, wandte sich Solomon mit einem Problem an Rabbi Levi Wolff. Der Chabbad-Rabbiner von Sydneys größter orthodoxer Gemeinde wunderte sich, als der junge Mann, den er nicht kannte und der von sich sagte, er sei gar nicht religiös, sein Problem vortrug.

Seine Trainer hätten ihn wegen seiner Weigerung, Chametz zu essen, für verrückt erklärt. Der Rabbiner erzählt: »Als ich Steven fragte, ob Mazza als Kohlenhydrate gilt, lachte er mich aus und sagte: ›Damit können Sie nicht mal auf die Toilette laufen, geschweige denn ein Rennen‹.«

Pessach Doch Rabbi Wolff arbeitete sich in das Thema ein. Er fragte Solomon, ob Reis okay sei. Der Sportler antwortete, es sei nicht ideal, aber könnte vielleicht genügen. So erklärte Wolff dem jungen Mann, dass er zu Pessach Reis essen dürfe, damit sein Kohlehydratbedarf gedeckt würde.

Solomon aß und lief – und wurde Zweiter. Besser war nur John Steffensen, zehn Jahre älter, Sieger bei den Commonwealth-Spielen und afrikanischer Herkunft. Dennoch wurde Steffensen nicht für Olympia gemeldet, die australischen Trainer vertrauten der Jugend. Der nicht nominierte Steffensen beschwerte sich: »Mir würde es nur helfen, wenn ich eine andere Hautfarbe hätte.«

Solomon war also ohne sein Zutun in den Mittelpunkt eines Rassismusskandals gekommen. Steffensen, der für die 4 x 400-Meter-Staffel gebraucht wurde, drohte mit Boykott. Letztlich reiste Steffensen doch zu den Spielen an. Dass Solomon als einziger australischer Einzelläufer antrat, erwies sich als nicht falsch: Schließlich kam er sensationell ins Finale.

Chemie »Wir haben uns gegenseitig aufgebaut«, sagt Solomon über sein Verhältnis zu Steffensen. »Wir sollten für eine gute Chemie im Staffelteam sorgen und zusammenkommen.« Ob es geklappt hat, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Das Finale der 4 x 400-Meter-Staffel der Männer, bei dem beide antreten, findet erst am Freitag statt.

Betreut wird Solomon von seiner Trainerin Fira Dvoskina, einer 77-Jährigen, die vor 16 Jahren als Rentnerin aus der Ukraine nach Australien einwanderte. Da ihr Mann erkrankt ist, trainiert sie Solomon in London nur via Skype. Aber den stört das nicht. Er ist hungrig auf weitere Erfolge. »Es ist, wie wenn du ein Stück vom Kuchen bekommst«, erklärt er. »Dann willst du immer auch den Rest.«

Solomons Zukunft steht fest. Er hat ein Stipendium an der Stanford University in Kalifornien für ein Medizinstudium und will, wie sein Vater, Arzt werden. Vor allem aber trainiert er im College-Sport mit anderen Weltklasseläufern.

Zürich / Washington

Neue alte Verstrickungen

US-Ermittler entdeckt Hunderte neue Konten der Credit Suisse mit NS-Bezug

 09.02.2026

Raumfahrt

Jessica Meir fliegt zur Internationalen Raumstation

Jessica Meir soll acht Monate im All verbringen. Diese Tour ist für sie dieses Mal emotional besonders herausfordernd, wie sie bei einer Pressekonferenz erzählte

 09.02.2026

USA

Werbespot gegen Antisemitismus beim Super Bowl

Beim Finale der amerikanischen Football-Liga NFL wird auch ein Clip gegen Judenhass gezeigt. Finanziert hat ihn der jüdische Besitzer der »New England Patriots«, die heute Abend gegen die »Seattle Seahawks« antreten

 08.02.2026

Alice Zaslavsky

»Hühnersuppe schmeckt nach Heimat«

Die Kochbuch-Autorin kam als Kind mit ihrer Familie aus Georgien nach Australien und kennt die jüdische Gemeinde von Bondi Beach. Ein Gespräch über Verbundenheit, Gerüche und Optimismus

von Katrin Richter  08.02.2026

Europa

Das Verbindende über das Trennende stellen

Rund 450 orthodoxe Rabbiner und Gäste aus den europäischen Gemeinden tagten in Jerusalem. Im Mittelpunkt standen weniger politische Debatten als vielmehr der Austausch über praktische Fragen

von Michael Thaidigsmann  07.02.2026

Basketball

Ein »All-Star« aus dem Kibbuz

Mit Deni Avdija schafft es erstmals ein Israeli in die NBA-Auswahl der USA

von Sabine Brandes  07.02.2026

Italien

Viererbob und Eisprinzessin

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand-Cortina treten mindestens 16 israelische und jüdische Athleten an

von Sophie Albers Ben Chamo  06.02.2026

Frankreich

Haftbefehle wegen »Beihilfe zum Genozid«

Die Justiz wirft zwei französisch-israelischen Frauen vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen behindert zu haben

 05.02.2026

USA

»Get the fuck out of Minneapolis!«

Jacob Frey ist Bürgermeister der Stadt, die derzeit für das aggressive Vorgehen der ICE steht. Der Demokrat stellt sich energisch gegen die Immigrations-Politik von US-Präsident Donald Trump

von Eva Schweitzer  05.02.2026