Argentinien

Dem Leben zugewandt – trotz allem

Das Verschwinden meines Sohnes hatte ich lange in mir vergraben. Ich hatte keine Kraft, darüber zu sprechen», sagt Sara Rus, eine kleine, elegante Frau, der man kaum ansieht, dass sie schon 89 Jahre alt ist. Saras Sohn Daniel zählt zu den sogenannten Desaparecidos, den Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur (1976–1983). Doch im Kreis der Schoa-Überlebenden, dem Sara Rus angehört, war das lange Zeit kein Thema. Bis 2005, als Sherit Hapleitá, die Vereinigung argentinischer Holocaust-Überlebender, eine Gedenkveranstaltung für Daniel Rus organisierte. Seine Mutter Sara trug an jenem Tag das weiße Kopftuch der Madres de Plaza de Mayo.

Seit Sara 1977 auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires andere Mütter kennenlernte, die wie sie selbst verzweifelt nach ihren verschwundenen Kindern suchten, hat sie das Kopftuch bei unzähligen Protestmärschen getragen. Doch noch nie hatte sie sich damit bei Sherit Hapleitá gezeigt, einer Organisation, die Sara Rus und ihr Mann Bernardo mitgründeten, als sie 1948 nach Argentinien kamen.

Bei jenem Gedenkakt im Jahr 2005 würdigten die Mitglieder von Sherit Hapleitá nicht nur Daniel, sondern auch Sara: eine der ihren, die in der neuen Heimat Argentinien eine zweite Tragödie erlebte: den unerklärlichen und traumatischen Verlust des Sohnes. Daniel Rus war 27 Jahre alt und Atomphysiker, er promovierte und arbeitete in der CNEA, Argentiniens nationaler Atomenergiekommission. Ob er auch politisch aktiv war, weiß Sara Rus nicht. Das Verschwinden ihres Sohnes am 15. Juli 1977 traf sie aus heiterem Himmel. Schergen der Militärdiktatur entführten Daniel in der Nähe seiner Arbeitsstelle – und alle Bemühungen der Eltern, etwas über sein Schicksal herauszufinden, waren vergeblich.

protest Tausende argentinischer Familien suchten damals bereits nach ihren verschwundenen Angehörigen. Täglich wurden Menschen verschleppt – die Militärs wollten linke Oppositionelle, Guerilleros und alle, die sie für subersiv hielten, ausmerzen. Die Familien stießen auf eine Mauer des Schweigens.

«Wir klapperten alle möglichen Behörden ab», erinnert sich Sara. Oft war sie allein unterwegs: «Die Väter mussten ja arbeiten, die Mütter suchten die Kinder. Wir Frauen taten uns zusammen und begannen, auf der Plaza de Mayo zu protestieren.» Abends schrieb Bernardo Rus Briefe: an Diktator Jorge Rafael Videla persönlich, an die Vereinten Nationen und an Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Sara und Bernardo reisten ins Ausland, sprachen mit Politikern und Atomphysikern. Die erfolglosen Initiativen zermürbten Daniels Vater und machten ihn krank. 1984, nur wenige Monate nach dem Ende der Diktatur, starb er an Krebs.

ghetto Sara und Bernardo waren sich 1943 im Ghetto von Lodz begegnet. In dieser polnischen Stadt kam Sara 1927 als Scheijne Miriam Laskier auf die Welt. Ihre Eltern waren der Schneider Jacob Laskier und seine Frau Clara. Bürgerlich, glücklich und behütet sei ihre Kindheit gewesen, erinnert sich Sara Rus. Es gab Ausritte, Ruderpartien und Radtouren. Die Mutter kochte koscher, die Religion spielte im Haus der Eltern eine wichtige Rolle.

Im Ghetto musste Sara auf einen Schlag erwachsen werden. Es starben zwei neugeborene Geschwister, eines an Unterernährung, das andere wurde von den Nazis ermordet. Die Mutter erkrankte an Typhus. Damit die Familie genügend Lebensmittelrationen erhielt, arbeitete die erst 16-jährige Sara in einer Hutfabrik. «Nur sonntags hatten wir frei», sagt Sara Rus. Immer häufiger kam an diesem Tag Benno zu Besuch, ein Freund ihres Vaters – er war elf Jahre älter als sie.

«Ich habe ihn oft angeschaut, er war ein sehr hübscher Mann. Im Ghetto fühlte man sich in meinem Alter schon als erwachsene Frau.» Wenn Sara von Benno erzählt, aus dem in Argentinien Bernardo wurde, leuchten ihre braunen Augen noch heute. «Es war eine Liebesgeschichte. Wir versprachen einander, uns wiederzusehen, wenn wir überleben würden.» In Saras Notizbuch schrieb Benno ein Datum: den 5. Mai 1945. An diesem Tag sollten sie sich in Buenos Aires treffen, wo ein Onkel von Sara lebte.

In jenen Tagen ihres kleinen Glücks im Ghetto von Lodz konnten beide nicht ahnen, was ihnen noch bevorstand: Sara wurde ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, von dort zur Zwangsarbeit nach Freiberg in Sachsen und schließlich ins Konzentrationslager Mauthausen. Dort befreiten die Amerikaner Sara und ihre Mutter. Die beiden Frauen wogen weniger als 30 Kilo – ihr Überleben grenzte an ein Wunder. Saras Vater hatte nicht überlebt. Er war in Auschwitz ermordet worden.

akte Eva Eisenstaedt, Argentinierin deutsch-jüdischer Herkunft, kennt viele Menschen, die wie Sara Rus den Nazi-Terror überlebten. Die 75-Jährige arbeitete fast 20 Jahre lang in der Kanzlei des Anwalts José Moskovits in Buenos Aires, der für rund 4000 jüdische Immigranten die «Wiedergutmachung» aus Deutschland erstritt. Eva hörte und archivierte ihre Geschichten, darunter die von Sara Rus.

Saras Akte ist dick. Sie wird von einer Bauchbinde gehalten, als sollte verhindert werden, dass die Geschichte explodiert und sich in 1000 Stücke auflöst. Fast unmöglich, sie zurückzuhalten. «Sie kämpft darum, herauszuspringen und sich auf die Suche zu machen nach jemandem, der sie Stück für Stück erforscht», schreibt Eva Eisenstaedt im Vorwort ihres Buches Zweimal Überleben – von Auschwitz zu den Müttern der Plaza de Mayo. Die Geschichte der Sara Rus (Mandelbaum Verlag Wien).

Dass Eva vor zehn Jahren beschloss, Saras Leben aufzuschreiben, war eine ungewöhnliche und mutige Entscheidung. Sie war in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, und hatte noch nie ein Buch verfasst. «Als ich erfuhr, dass Sara Rus nicht nur eine Überlebende der Schoa war, sondern außerdem während der Diktatur ihren Sohn verloren hatte, merkte ich, dass ihre Geschichte eine ganz besondere war.»

Zwei Nächte lang grübelte Eva, bevor sie Sara fragte, ob sie zu dem Buchprojekt bereit sei. Und Sara sagte Ja. Dann begannen die Interviews. Die beiden Frauen trafen sich jeden Dienstag, zwei Jahre lang. Eva Eisenstaedt spricht fließend Deutsch, aber ihr Buch schrieb sie auf Spanisch. 2010 stellte sie die deutsche Übersetzung bei der Buchmesse in Frankfurt vor.

brief In Zweimal Überleben erzählt sie Sara Rus’ Geschichte in einer schnörkellosen, eindringlichen und unmittelbaren Sprache, oft gibt sie die Erinnerungen in wörtlicher Rede wieder. Es entsteht das Bild einer starken, couragierten und dem Leben zugewandten Frau. «Warum hat man meine Mutter mitgenommen?», spricht Sara todesmutig einen SS-Mann an, als sie bei der Ankunft im Lager getrennt werden. «Wieso sprichst du so gut Deutsch?», wundert sich der Uniformierte. Sie habe es von ihren Eltern gelernt, erklärt Sara – und darf ihre Mutter holen.

An anderer Stelle schildert Eva, wie Sara während der Diktatur mit anderen Müttern auf der Plaza de Mayo demonstriert – und von der Polizei eingekesselt wird. Sara beginnt zu rennen, durch die Innenstadt von Buenos Aires, bis sie das Büro der Ständigen Versammlung für Menschenrechte erreicht und dort Alarm schlägt.

Wie überlebt ein Mensch nicht nur eine, sondern zwei furchtbare Tragödien? Wie kann er trotz allem weiterleben? Eva Eisenstaedts Buch lässt erahnen, wie Sara Rus es geschafft hat.

Nach der Tragödie des Holocausts, die für sie den Verlust des geliebten Vaters bedeutete, schien das Glück Sara zunächst wieder hold zu sein. Am 5. Mai 1945, dem Datum, das Bernardo in ihr Notizbuch geschrieben hatte, war sie zwar noch nicht in Buenos Aires, aber es war der Tag ihrer Befreiung aus dem KZ Mauthausen. Die Mutter kam schneller wieder auf die Beine und begann, für ihre kranke Tochter zu kochen. Die beiden Töpfe, die sie von der amerikanischen Lagerverwaltung bekamen, hat Sara noch heute. Sie erholte sich, kam wieder zu Kräften – und eines Tages traf ein Brief aus Polen ein: Auch Bernardo hatte überlebt!

schmerz Es folgten die Heirat und ein zweijähriger Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland. Nach einer abenteuerlichen Reise über Paraguay ließ sich die Familie schließlich in Buenos Aires nieder. Nach wenigen Jahren wurden Daniel und Natalia geboren. «Wir waren glücklich, wir lebten in einem freien Land», erinnert sich Sara. «Die Kinder bekamen eine gute Ausbildung. Meine Mutter war eine überglückliche Großmutter. Und mein Sohn zeichnete sich schon früh durch seine Intelligenz aus.»

Als Sara erzählt, wie Daniel in der Schule für seine Leistungen mit einem Buch belohnt wurde, schießen ihr Tränen in die Augen. Dass ihr die Militärs den Sohn geraubt haben, ist – man spürt es in diesem Moment deutlich – eine Wunde, die nie heilen wird. «Ich habe bis heute nicht erfahren, was mit Daniel passiert ist, das ist ein großer Schmerz. Aber ich höre nicht auf, zu reden und zu kämpfen.»

Schreckensregime Seit Eva Eisenstaedts Buch 2007 erschienen ist, geht Sara oft in Schulklassen und spricht über die beiden Tragödien in ihrem Leben. Als Opfer zweier Schreckensregime verspürt sie eine große Verantwortung: «Viele Leute wissen nicht, dass diese Dinge passiert sind. Man muss ihnen davon erzählen. Ich teile meine Erlebnisse mit der Jugend, damit sie die Erinnerung wachhält.» Sara geht auch an unbequeme Orte: Einmal trat sie in einer Schule auf, die von vielen Enkeln von Militärs aus der Diktaturzeit besucht wird. Sie trug ihr weißes Kopftuch, und am Ende ihres Vortrags standen die Schüler auf und applaudierten.

Lange weigerte sich Sara Rus zu akzeptieren, dass ihr Sohn tot ist. Niemand hatte ihr seine Überreste gegeben; sie hatte ihn nicht begraben können. Vor einigen Jahren schließlich bat sie einen Rabbiner, für ihn das Kaddisch zu sprechen.

Sara selbst, die im kommenden Jahr 90 wird, will vom Tod nichts wissen. Sie lächelt wie ein junges Mädchen und sagt: «Ich erschrecke den Tod, er flieht vor mir.» Gründe, weiterzuleben, hat Sara genug: ihre Enkel und Urenkel – gerade wurden Zwillinge geboren –, ihre Freunde und ihre Tanzgruppe. «Ich gehe immer in Richtung Leben, nicht in Richtung Tod.»

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