Polen

Das kurze Wunder von Dzierzoniów

Buchcover: Berger weckt jene Epoche jüdischer Renaissance in Dzierzoniów spannend und kenntnisreich wieder zum Leben. Foto: Lichtig Verlag

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Das kurze Wunder von Dzierzoniów

Der Berliner Gabriel Berger dokumentiert die Jahre einer »jüdischen Republik« nach 1945 in Niederschlesien

von Alice Lanzke  14.02.2017 10:25 Uhr

Man mag es kaum glauben: Unmittelbar nach der Schoa entstand 1945 in der polnischen Region Niederschlesien für wenige Jahre eine »jüdische Republik«.

Sie war gekennzeichnet von einer eigenen Verwaltung, eigenen Parteien, eigenen sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie Jiddisch als Verkehrssprache. Diese kurze und fast vergessene Renaissance jüdischen Lebens beschreibt Gabriel Berger in seinem Buch Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Schoah 1945–1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns.

Breslau Berger, von Hause aus Physiker, stolperte über das Sujet, als er von der Familiengeschichte Lala Süsskinds erfuhr. Die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wurde 1946 in Dzierzoniów (deutsch: Reichenbach) geboren. In ebenjener Kleinstadt rund 60 Kilometer südwestlich von Breslau konzentrierte sich ein Großteil des jüdischen Lebens in dieser Zeit.

»Ich stellte fest, dass Dzierzoniów nach dem Krieg eine außerordentlich interessante Geschichte hatte: Es wurde zu einem Zentrum des Aufblühens eines neuen jüdischen Lebens in Polen«, erklärt Berger. Dieses Wiederaufleben überrascht umso mehr, hält man sich die Zahlen vor Augen: Vor der Schoa lebten etwa 3,5 Millionen Juden in Polen – 1945 wird ihre Zahl auf rund 300.000 geschätzt.

Dass sich dennoch zumindest über drei Jahre eine jüdische Republik rund um Dzierzoniów etablieren konnte, ist vor allem dem jüdisch-polnischen Politiker Jakub Egit (1908–1996) zu verdanken. Er vertrat eine deutliche Gegenposition zum zionistischen Ziel der Auswanderung ins damalige Palästina und war der festen Überzeugung, dass die Zukunft der polnischen Juden in Polen liegt.

Jiddisch »Hier sollten die Juden, die den Horror der Naziverfolgung überlebt hatten oder aus der bedrohlichen Ungewissheit in der Sowjetunion zurückkehrten, einen sicheren Platz finden, an dem sie in Ruhe leben, arbeiten und ihre jüdische Tradition und jiddische Sprache pflegen konnten«, schreibt Berger zu Egits Plänen für die niederschlesische Region.

Als »jiddischen Jischuw« bezeichnete Egit seine Vision – wissend, dass der Begriff »Jischuw« eigentlich für die Ansiedlung der Juden in Palästina reserviert war.

Zunächst war dieser polnische Jischuw sehr erfolgreich: Von der neuen kommunistischen Staatsmacht unterstützt, gedieh das jüdische Leben, und auch international wurde man auf das Projekt aufmerksam.

Doch schon 1948 drehte sich der Wind. Pogromartige antisemitische Ausschreitungen führten dazu, dass viele Juden das Land verließen. Hinzu kamen ein wachsender judenfeindlich aufgeladener Nationalismus sowie die durch Stalin initiierte antisemitische Welle im gesamten sozialistischen Ostblock.

Vision Es dauerte lange, bis sich Jakub Egit eingestand, dass seine Vision am Ende war. Erst, als er selbst zum Staatsfeind erklärt wurde, verließ er 1957 das Land. Berger schreibt dazu: »Nun wusste es Egit endgültig: Das Konzept einer jüdischen Identität im sozialistischen Polen war gescheitert. Er war ein gebrochener Mensch. In Polen sah er für sich keine Perspektive.«

Desillusioniert zog Egit nach Kanada, wo er eine drastische Kehrtwende vollzog. »Er selbst sagte, dass er sehr lange zum Schaden der Juden gewirkt habe, und bat sie um Verzeihung«, schreibt Berger. Als Kompensation habe er die letzten Jahrzehnte seines Lebens der Hilfe für Israel gewidmet.

Berger betont, dass man das Scheitern der jüdischen Republik in Polen nach dem Holocaust nur verstehen könne, wenn man die antisemitische Stimmung schon vor dem Krieg sowie das Maß der Kollaboration vieler Polen mit den Deutschen kenne. Beides beschreibt Berger ausführlich anhand zahlreicher belegter Fakten.

Nazi-Zeit Denn tatsächlich gebe es mittlerweile umfangreiche Veröffentlichungen in Polen zur Rolle der eigenen Bevölkerung während der Nazi-Zeit – sie würden nur kaum wahrgenommen, so der Autor. Selbst im heutigen Polen werde nur zaghaft über den historischen, aber auch aktuellen Antisemitismus diskutiert.

Umso bemerkenswerter erscheint jene Epoche jüdischer Renaissance rund um Dzierzoniów, die Berger mit seinem Buch ebenso spannend wie kenntnisreich wieder zum Leben erweckt – ein vergessenes Kapitel jüdischer Geschichte in Polen, das zu entdecken lohnt.

Gabriel Berger: »Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Schoah 1945–1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns«. Lichtig, Berlin 2016, 200 S., 14,90 €

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