Baltikum

Damit die Erinnerung lebt

Die Opfer nicht vergessen: Holocaust-Gedenkstätte im lettischen Salapils Foto: dpa

Lange Zeit wurde in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Holocaust nur unzureichend aufgearbeitet. Jetzt wollen gleich mehrere internationale Initiativen Massengräber identifizieren und dokumentieren. Nach dem russischen Projekt »Wernut dostojnstwo« (Jüdische Allgemeine vom 10. September 2009) ist vor einigen Wochen eine Initiative der Lo-Tishkach-Stiftung in den baltischen Staaten gestartet. Dabei sollen jüdische und nichtjüdische Jugendliche bereits identifizierte aber noch nicht offiziell gekennzeichnete Orte erfassen, an denen die Opfer von Massenhinrichtungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs begraben sind. Laut der Stiftung geht es um rund 20 Massengräber in Estland und jeweils rund 200 in Lettland und Litauen.

»Wir verfolgen zwei Ziele«, sagt Lo-Tishkach-Geschäftsführer Philip Carmel, der das internationale Projekt von der Stiftungszentrale in Brüssel aus koordiniert. »Zum einen wollen wir jüdische und nichtjüdische Jugendliche umfassend über die Verbrechen informieren, die während des Zweiten Weltkriegs an der jüdischen Bevölkerung begangen wurden. Zum anderen sollen einige der Jugendlichen an der Feldarbeit vor Ort teilnehmen. Damit leisten sie einen Beitrag zur Erinnerungsarbeit.«

Im Frühjahr werden einige der Projektteilnehmer den Zustand der Massengräber vor Ort schriftlich und fotografisch dokumentieren. Die fertigen Berichte will Lo Tishkach den Regierungen der baltischen Staaten präsentieren und Empfehlungen aussprechen, wie die Massengräber deutlich sichtbar markiert und wie Denkmäler errichtet werden können.

In Estland ist Wadim Rowlin für die Organisation vor Ort verantwortlich. Laut dem Geschäftsführer der estnischen jüdischen Gemeinde sollen die Feldarbeiten im März beginnen, sobald das Wetter es zulässt. Vorher werden die teilnehmenden Jugendlichen vorbereitet. »Wir laden Historiker ein, die die Jugendlichen über die Geschichte des Judentums in Estland in der Zeit vor und während des Krieges informieren«, sagt Rowlin. Er plant rund zehn Vorlesungen.

Zwar kann Rowlin derzeit in Estland keine Tendenz zum Vergessen oder Verharmlosen der Nazi-Verbrechen erkennen. Dennoch sei das Projekt jetzt sehr wichtig. »Wir tun eine Menge dafür, dass es gar nicht erst so weit kommt«, sagt Rowlin. »Vor Kurzem ist ein sehr modernes Museum des Judentums in Estland eröffnet worden. Demnächst werden wir eine Informationsbroschüre über den Holocaust in drei Sprachen herausgeben«, sagt Rowlin.

Lo Tishkach will die Dokumentations- und Erinnerungsarbeit bald auf die Ukraine ausdehnen. Die Zahl der Massengräber dort ist noch nicht eindeutig geklärt – alle Schätzungen stimmen allein darin überein, dass es um mehr als 1.000 nicht dokumentierte Grabstätten geht; einige sprechen gar von bis zu 4.000. »Das Beispiel Ukraine verdeutlicht sehr gut, mit welchen Problemen wir bei der Dokumentation in Osteuropa zu tun haben«, sagt Lo-Tishkach-Geschäftsführer Carmel.

Dass die Schätzungen für die Ukraine so weit auseinandergehen, habe vor allem zwei Gründe: Oft sei zwar der Ort einer Massenhinrichtung identifiziert. Unklar sei aber, ob dort die Gebeine von ermordeten Juden oder von anderen Opfern des Naziregimes begraben seien. Und dann gebe es andererseits Fälle, bei denen das Ereignis und die Opfer bekannt seien, aber der geografische Ort nicht einfach zu lokalisieren sei. Das liege häufig daran, dass zunächst unter den Sowjets Straßen und Plätze umbenannt wurden. Und jetzt gebe es in der Ukraine eine zweite Umbenennungswelle, bei der Straßen und Plätze mit ukrainischen Bezeichnungen versehen werden.

»Nicht selten fanden nach dem Krieg an Orten von Massenhinrichtungen öffentliche Einrichtungen einen neuen Platz«, sagt Carmel. »Es ist durchaus möglich, dass sich heute ein Fußballplatz über einem historischen Massengrab befindet.« Wenn Lo Tishkach so einen Ort identifiziert, sollen die Gebeine dort belassen und auch der Fußballplatz an seinem Ort bleiben. Wenn möglich, sagt Carmel, werde man eine Gedenktafel anbringen oder ein Denkmal errichten. »Wichtig ist vor allem eines: Wir müssen die Menschen heute daran erinnern, was einmal an diesem Ort geschehen ist.«

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