Mexiko

Chillen und Beten

Wir waren im Sommer im Urlaub hier, nun sind wir wiedergekommen«, sagt Rabbiner Chaim Brod mit einem versonnenen Lächeln. Diesen Satz hört man so oder ähnlich häufig in Playa del Carmen. Die Kleinstadt an der mexikanischen Riviera Maya – von seinen Bewohnern kurz »Playa« genannt – ist einer jener berühmten Backpacker‐Orte in Lateinamerika – wie Antigua in Guatemala oder Puerto Viejo in Costa Rica.

Auf halber Strecke zwischen den Hotelburgen Cancuns und den malerischen Maya‐Ruinen von Tulum gelegen, zieht Playa del Carmen Rucksackreisende aus aller Welt an. Nicht wenige bleiben mehrere Monate hier. Sie halten sich mit Aushilfsjobs in den zahlreichen Hotels, Restaurants oder Bars über Wasser und versuchen so, das nötige Kleingeld für die Weiter‐ oder Rückreise zusammenzubekommen.

Rabbi Chaims Fall liegt jedoch ein wenig anders. »Wir wollten, dass unser Kind in Israel zur Welt kommt«, sagt der 26‐Jährige. Danach seien er und seine Frau Leah sofort wieder hierher zurückgekommen, um das Chabad‐Haus zu eröffnen, erzählt er und wiegt stolz das Baby im Arm. Das war vor gut vier Monaten. Seitdem ist das Haus Treffpunkt der kleinen jüdischen Gemeinde der Stadt.

Wasserpfeife An der Ecke 8. Straße – 20. Avenida weist ein Schild in Hebräisch den Weg zum Chabad‐Haus. Es liegt nur vier Blocks vom Strand entfernt, in bester Lage also, unweit der Plaza Central mit dem Rathaus. Das Chabad‐Haus selbst ist eher unscheinbar und wie so viele hier weiß getüncht. Was ins Auge springt – und verwirrt – ist die große Tafel auf dem Dach mit Wasserpfeife und dem Hinweis auf arabisches Essen. Darauf angesprochen lacht Chaim: »Das ist von unseren Vorgängern. Bevor wir eingezogen sind, wurde hier arabisches Essen verkauft. Wir sollten das Schild wohl abnehmen.« Es hat eine gewisse Ironie, dass die Gemeinde gerade hier eingezogen ist.

Drinnen herrscht geschäftiges Treiben. Auf dem Boden liegt Kinderspielzeug verstreut. »Alles noch etwas chaotisch. Wir sind gerade beim Aufräumen«, entschuldigt Brod die Unordnung. Essen wird aufgetragen: Salate, Humus, Brot. Aus der Küche dringt Falafel‐Duft. Es wird viel gelacht.

Vorbereitungen für den Schabbat. Auch ein paar Freunde aus Cozumel seien gekommen, um zu helfen, sagt der Rabbi. Cozumel ist eine kleine Ferieninsel gegenüber von Playa del Carmen. Die aus dem Meer ragenden Hotels sind vom Festland aus zu erkennen. Mehrmals täglich verbindet eine Fähre beide Orte. Die Männer mit Bart und Schläfenlocken sind wie Chaim alle orthodox gekleidet: schwarzer Anzug, Gürtel, Krempenhut oder Kippa. Die Frauen tragen lange Kleider.

Bars Im seichten Urlauberleben Playas zwischen Strand, Unterkunft und Bar, wo ansonsten schon alle über T‐Shirt und Shorts hinausgehende Bekleidung als zu viel empfunden wird, wirken orthodoxe Juden wie Außerirdische. Zeichen von Religiosität sind im öffentlichen Leben Playas sonst kaum zu sehen. Selbst die in anderen Orten im Land zentral gelegene katholische Kirche muss man in Playa länger suchen. Manche deuten dies als Zeichen der Säkularität des Ortes, andere meinen, es liege an seiner Internationalität.

Im Grunde besteht Playa aus zwei Städten. Wenn hier von Playa del Carmen die Rede ist, dann vor allem jenem wenige Straßenzüge umfassenden Teil der Stadt in Strandnähe mit der 5. Avenida als Zentrum. Hier findet man Fast‐Food‐Ketten, Souvenirshops, unzählige Sonnenbrillenläden, Bars und Restaurants, die am frühen Abend anfangen, sich mit Leben zu füllen.

Rucksackreisende aus aller Welt genießen tagsüber die weißen Sandstrände und das türkisblaue Meer. Nachts bevölkern sie bis in den frühen Morgen hinein die zahlreichen Clubs. Dem Klischee Mexiko entspricht hier fast nichts. Playa in Strandnähe ist die Backpacker‐Variante von Cancun mit seinen Shoppingmalls, den breiten Autostraßen und Hotelburgen – weniger anonym, aber fast genauso gesichtslos.

Dahinter beginnt jener Teil der Stadt, den die Touristen aus aller Welt den Mexikanern noch nicht abgerungen haben und auch nur selten überhaupt einmal betreten: die verschlafene mexikanische Kleinstadt mit ihren Taco‐Ständen und Straßenmärkten.

Bauschutt Plötzlich deutet Rabbi Chaim auf das Porträt eines bärtigen Mannes. »Rabbi Menachem Mendel Schneerson«, erklärt er. »Der siebte – und vorerst letzte – Rebbe der Chabad‐Dynastie.« Unter seiner Führung schickte die orthodoxe Organisation ab 1951 Ehepaare als sogenannte Schluchim, Gesandte, in jüdische Gemeinden, um diese zu unterstützen. Inzwischen sind es Tausende. Rabbi Chaim ist einer von ihnen. Während viele Gesandte als Rabbiner oder Lehrer arbeiten, ist er im Moment eher Bauherr. Er steht in einem Raum voller Gerümpel und Bauschutt. »Hier soll einmal die Synagoge entstehen«, sagt er. »Im Moment halten wir unsere Treffen noch im Vorraum ab.«

Rund 100 bis 200 Juden leben heute in Playa del Carmen, schätzt Rabbi Chaim. »Die Gemeinden in Cancun und Cozumel sind etwas größer. Aber wir arbeiten eng mit ihnen zusammen. Häufig kommen Leute von da zu unseren Veranstaltungen.«

Der schönste Termin jede Woche ist Kabbalat Schabbat im Gemeinschaftsraum des Chabad‐Hauses. Vor allem viele israelische Touristen nehmen daran teil, auch wenn sie nichts mit Religion im Sinn haben. Sie reisen nach dem Militärdienst für mehrere Monate mit Rucksack durch Lateinamerika. Für manche ist Playa nur Durchgangsstation, für andere das vorläufige Ziel der Reise. Zumeist arbeiten sie in den Souvenirläden oder Bars auf der 5. Avenida. Für alle ist das Chabad‐Haus ein Stückchen Israel in Mexiko.

Wenn am Freitagabend das traditionelle Lecha Dodi verklungen und auch der Kiddusch längst vorbei ist, verlassen die meisten israelischen Touristen das Chabad‐Haus und ziehen weiter auf die 12. Straße, die überbevölkerte Ausgehmeile mit ihren zahlreichen Clubs und Bars.

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