New York

Charedische Impfgegner sorgen für Ärger

Kein Zutritt für Ansteckende: Plakat in Brooklyn Foto: Getty Images

Sholom Laine ist kürzlich vor Gericht gezogen, um eine Schule zu verklagen. Die hatte es abgelehnt, sein jüngstes Kind aufzunehmen. Eines von insgesamt sechs Töchtern und zwei Söhnen, die allesamt nicht gegen Infektionskrankheiten geimpft sind. Die religiöse Schule in Brooklyn hatte die Impfung vergangenen Herbst zur Bedingung gemacht.

Laine argumentiert, die Impfentscheidung solle jedem selbst überlassen bleiben, statt von oben verordnet zu werden. »Früher in den 50er‐Jahren hatten alle die Masern«, sagte der Anhänger der »Anti‐Impfbewegung« einem amerikanischen Reporter, der Zugang zu der verschlossenen ultraorthodoxen Satmarer Gemeinde von Crown Heights im New Yorker Stadtteil Brooklyn gefunden hat. »Und nichts ist passiert.«

Es gebe keinen religiösen Grund, Kinder nicht zu impfen, versichert die Orthodox Jewish Nurses Association.

BEHAUPTUNG Dass »nichts passiert« ist, gehört genauso zu den Legenden, wie die anderen Behauptungen, die in einem 40‐seitigen Pamphlet mit dem Titel »Das Impf‐Sicherheit‐Handbuch« in den charedischen Gemeinden New Yorks zirkulieren. Darin heißt es, Impfungen verursachten Autismus, lösten einige Krebserkrankungen aus und seien generell gefährlich. Außerdem verhinderten sie, dass Kinder Auto‐Immunkräfte entwickelten.

Die Herausgeber firmieren unter dem Kürzel PEACH (»Pfirsich«), was für »Parents Educating and Advocating for Children’s Health« steht. Sie stammen aus der charedischen Gemeinschaft, die nun das Epizentrum des größten Ausbruchs von Masern seit einem Vierteljahrhundert in den USA ist – einer Krankheit, die dank effektiver Impfstoffe eigentlich als überwunden galt.

Seit ein nicht geimpftes Kind im vergangenen Herbst die Masern von einer Reise nach Israel mitbrachte, verbreitete sich die Infektion in ultraorthodoxen Kreisen in New York wie ein Lauffeuer. Inzwischen liegt die Zahl der Masernfälle bei rund 500 – Ergebnis auch der relativ hohen Nicht‐Impf‐Quote von 14 Prozent.

»Die Anti‐Impfbewegung hat wirklich einen guten Job gemacht«, sagt Blima Marcus sarkastisch.

ANWEISUNGEN Traditionelle Maßnahmen, die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen, wie staatliche Aufklärungskampagnen, Geldstrafen für Impfverweigerer oder Impfanweisungen, erwiesen sich als fruchtlos. Grund für das Gesundheitspersonal aus der jüdischen Gemeinde, selbst aktiv zu werden.

Ganz besonders engagiert sich die Orthodox Jewish Nurses Association, ein Zusammenschluss orthodoxer Krankenschwestern, denen vor allem eine Botschaft am Herzen liegt: Es gibt keinen religiösen Grund, Kinder nicht zu impfen. Darüber hinaus weisen sie Punkt für Punkt nach, dass die von PEACH aufgestellten Behauptungen wissenschaftlich widerlegt sind.

Mit Unterstützung der Gesundheitsbehörden brachten sie mehrere zehntausend Exemplare einer privat finanzierten Broschüre in Umlauf, die detailliert die auch außerhalb der ultraorthodoxen Gemeinde zirkulierenden Falschinformationen zurechtrücken. Obwohl die Angelegenheit todernst ist, nennen sie die Schrift ironisch »PIE« (»Kuchen«).

Die Hoffnung ist, dass der unkonventionelle Weg der Schwesternorganisation in den charedischen Gemeinden Erfolg hat.

ANTWORTEN »Die Anti‐Impfbewegung hat wirklich einen guten Job gemacht«, sagt Blima Marcus (34), die zu den Leiterinnen der Schwesternorganisation gehört. »Deshalb wollen wir detaillierte Antworten geben.«

Davon könnten auch Gemeinden christlicher Fundamentalisten und der »Nation of Islam« in New York profitieren, bei denen die Zahl der Impfverweigerer ebenfalls deutlich höher liegt als beim Rest der Bevölkerung. Auffällig viele Kinder sind auch in der Gemeinschaft der Waldorfschulen gefährdet, die laut Gesundheitsbehörden eine der geringsten Schutzquoten hat.

Chaim Greenfeld hofft, dass der unkonventionelle Weg der Schwesternorganisation in den charedischen Gemeinden Erfolg hat. Für den Vater zweier Söhne aus Williamsburg ist es jedenfalls »nicht akzeptabel, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen«. Dies sei eine Gefährdung für alle. Darüber hinaus trage es zur Stigmatisierung der Minderheit bei. Dies sei völlig unnötig, meint Greenfeld. »Nichts in der jüdischen Religion verlangt das von ihnen.«

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