Pro & Contra

Soll Impfen Pflicht werden?

Stark mit Impfung Foto: Getty Images / istock

Pro – Rabbiner Raphael Evers: Das Judentum befürwortet im Extremfall präventive Eingriffe.

Die Masernimpfung obligatorisch zu machen, ist zu einem politischen Thema geworden. In den USA wurde in Rockland County (Bundesstaat New York) der Ausnahmezustand ausgerufen (in der vergangenen Woche auch in Brooklyn, New York). Nicht geimpfte Minderjährige dürfen in den nächsten 30 Tagen nicht an öffentlichen Orten erscheinen. Viele orthodoxe Juden wurden nicht geimpft und gelten daher als Mitverursacher der Masernepidemie.

Die obligatorische Impfung bleibt ein heikles Thema. Bei der Durchsicht der wissenschaftlichen Literatur scheint es auch eine Reihe von Argumenten gegen eine Impfung zu geben. Dennoch bin ich grundsätzlich für eine Impfpflicht. Zu diesem Thema darf ich nicht schweigen, da die jüdische Tradition seit mehr als 3331 Jahren eindeutig eine Verpflichtung zur Heilung befürwortet, insbesondere bei einer Masernepidemie, die im Extremfall tödlich sein kann.

In der gesamten westlichen Welt – von den USA bis nach Israel – wird das allgemeine Interesse, sich gegen Ansteckung zu schützen, gegen Einzelinteressen von Menschen abgewogen, deren Prinzip es ist, sich nicht impfen zu lassen.

In der gesamten westlichen Welt – von den USA bis nach Israel – wird das allgemeine Interesse, sich gegen Ansteckung zu schützen, gegen Einzelinteressen von Menschen abgewogen, deren Prinzip es ist, sich nicht impfen zu lassen. Diese kommen hauptsächlich aus streng religiösen (jüdischen und nichtjüdischen) Kreisen, heute aber auch aus linkspolitischen, säkularen Kreisen. Pflichtimpfungen und religiöse Gegenargumente sind Grundsatzfragen. Das religiöse Judentum steht im Einklang mit der Wissenschaft, in der die Meinung der Mehrheit der Ärzte ausschlaggebend ist. Wenn nicht wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass die Impfung zu einem besseren Schutz führt, haben alle die freie Wahl. Ich gehe allerdings davon aus, dass Impfungen mehr Vorteile als Nachteile haben.

Im 5. Buch Mose 30,19 finden wir eine bemerkenswerte Passage: »Ich nehme Himmel und Erde heute als Zeugen gegen dich auf, Ich präsentiere dir Leben und Tod, Segen und Fluch; wähle das Leben.« Uns bleibt es frei zu wählen. Die Tora weist uns jedoch eindeutig an, das Leben zu wählen und für eine optimale Gesundheit zu sorgen. Diese Passage, die in Bezug auf andere Bibelverse betrachtet wird, impliziert, dass es auch notwendig ist, eine teilweise Beschädigung des körperlichen Lebens und der Gesundheit zu verhindern. In der Passage zu den Vorschriften über das Leben eines Nachbarn (2. Buch Mose 21,18) wird die Ursache von Körperverletzungen diskutiert. Dort ist eindeutig festgelegt, dass der Angreifer »für die Heilung sorgen muss«. Eine infizierte Person – ein Erwachsener oder ein Kind – stellt eine Gefahr für die Umgebung dar und verursacht Schäden, Elend, Krankheit und im Extremfall sogar den Tod. Dies muss verhindert werden. Wenn jemand gegen diese Argumente ist und alles alleine mit sich selbst ausmachen will, so kann man die Stelle aus dem 3. Buch Mose 18,5 vorbringen: »Du sollst Meine Satzungen und Urteile beachten; die Person, die sie beachtet, wird deshalb leben«, woraus der Talmud folgert, dass »man nicht durch die Tora sterben muss«.

Eine infizierte Person – ein Erwachsener oder ein Kind – stellt eine Gefahr für die Umgebung dar.

Der Gelehrte Moses Maimonides (1135–1204), selbst Arzt, fügt hinzu, dass die Bestimmungen der Tora niemals die Welt zerstören wollten; im Gegenteil, »die Toragesetze sind Ausdruck von Barmherzigkeit, Liebe und Frieden«. Eine andere Interpretation nennt Maimonides Häresie und Grausamkeit. Das »Du sollst nicht gegen das Blut deines Nächsten auftreten« aus 3. Mose 19,16 wurde oft falsch übersetzt. Traditionell bedeutet dies: »Sie dürfen nicht untätig zusehen, wie ein anderer – einschließlich Ihres eigenen Kindes – seinem Untergang gegenübersteht«, eine Folge von »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Buch Mose 19,8). Auf die Gegenwart angewendet, bedeutet dies: präventive Eingriffe im medizinischen Bereich unter der Annahme, dass die Wirkung des Eingriffs positiv und nachweisbar ist.

In der Diskussion um die elterliche Macht sprechen sich viele zu Recht für Zwang aus, wenn sich Eltern über die Köpfe von Kindern zu deren Nachteil entscheiden. Der Tora zufolge gibt es keine elterliche Macht, wenn die körperliche Unversehrtheit der Kinder gefährdet ist. Das Gebot »Ehre deinen Vater und deine Mutter« weist die Kinder an, sich um ihre Eltern zu kümmern. In der jüdischen Tradition wurde dies jedoch nie als ein Recht der Eltern verstanden, in die Privatsphäre ihrer Kinder einzugreifen. Zum Beispiel können Eltern nicht festlegen, wen ihre Kinder heiraten, und sie müssen immer die Interessen ihrer Kinder vor Augen haben. Im Scheidungsgesetz im Talmud wird bei der Zuweisung der Kinder nur deren Wohlergehen berücksichtigt, und schon vor 2000 Jahren wurden die Kinder gefragt, mit welchem Elternteil sie sich am wohlsten fühlen. Der Talmud bestreitet, dass der Mensch das Recht hat, seine eigene körperliche Unversehrtheit anzugreifen, ein Verbot, das auf dem 1. Buch Mose 9,5 basiert: »Und wahrlich, Ich werde dein eigenes Blut fordern.« Dann darf man doch die Gesundheit der Kinder nicht riskieren!

Rabbiner Raphael Evers ist Dajan im Europäischen Beit Din, Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

 

Contra – Hadassa Moscovici: Man sollte Kinder individuell gegen einzelne Krankheiten impfen.

Es heißt, dass Impfen wissenschaftlich fundiert sei. Im Verlauf der Jahre hat man aber immer wieder Dinge widerlegt, die erst vor Kurzem als Goldstandard der Medizin betrachtet wurden. Das letzte Beispiel dafür ist die Grippeimpfung, nach der viele zum Teil schwer krank wurden und von der man heute weiß, dass sie nur in einem überschaubaren Prozentsatz der Fälle wirksam und sinnvoll ist. Bestimmte bejubelte Begleitstoffe sind inzwischen aus den Impfungen verbannt.

Welche Wirkungen die Impfungen auf das Gesamtsystem haben, ist noch lange nicht ausreichend erforscht. Daher habe ich Bedenken gegen die derzeitigen Impfempfehlungen. Viele Kinderkrankheiten werden mehr oder weniger leicht durchgemacht, wenn das Kind ansonsten gesund ist – und während der Krankheit gut für das Kind gesorgt wird. Gesund sind die meisten Kinder, wenn sie einigermaßen vernünftig ernährt werden, aber vor allem, wenn sie viel Bewegung an der frischen Luft haben. Dann ist das Immunsystem in der Lage, mit vielen Eindringlingen selbst fertigzuwerden. Eine überstandene Krankheit führt oft zu einem Entwicklungsschub und zu lebenslanger Immunität.

Welche Wirkungen die Impfungen auf das Gesamtsystem haben, ist noch lange nicht ausreichend erforscht.

In den bald drei Jahrzehnten meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich Kinder gesehen, die nach einer Impfung plötzlich verändert waren: intellektuelle Einbußen, muskuläre Dystrophien, Infektanfälligkeiten und vor allem monatelange Schwächezustände, die mit nichts zu erklären waren.

In einem mir bekannten Fall führte das bei einem Kind dazu, dass es innerhalb kürzester Zeit nach der Impfung zu schielen begann. Da der behandelnde Kinderarzt einen Zusammenhang mit der Impfung für undenkbar hielt, wurde später auch dessen jüngerer Bruder geimpft. Auch dieser erkrankte und schielte seit der Impfung. Das Kind des Erstgeimpften wurde später – dem wissenschaftlichen Wissensstand gemäß – ebenfalls geimpft. Auch dieses Kind erkrankte und schielte unerklärlicherweise nach der Impfung.

Was wissen wir wirklich über die Auswirkungen, die Impfungen von Kindern haben können? Die meisten Kinder »überstehen« Impfungen sehr gut. Aber es gibt auch Kinder, die nach einer Impfung unwiederbringlich geschädigt sind, mehr oder weniger schlimm. Im Vergleich zu den anderen ist es zwar nur ein kleiner Prozentsatz. Aber würden Sie Ihr Kind sehenden Auges einem solchen Risiko aussetzen? Ich nicht.

In allererster Linie bin ich gegen die Mehrfachimpfung. Sie zwingt den Organismus eines Kindes, sich auf einen Schlag mit drei oder inzwischen oft sechs potenziell schweren Krankheiten gleichzeitig auseinanderzusetzen. In zweiter Linie bin ich gegen das Impfen im frühen Kindesalter. Bestimmte Anteile des Immunsystems sind in den ersten Lebensjahren noch nicht ausgereift, und so kann die Auseinandersetzung des kleinkindlichen Organismus eine Überforderung sein. Die Folgen einer solchen Überforderung können erst im späteren Verlauf des Lebens eintreten, wenn der Organismus nicht mehr zu bewältigende Probleme verarbeiten muss. Solange diese Zusammenhänge unerforscht sind, bin ich dafür, dem Organismus Zeit zu geben, sich zu entwickeln, und dann, individuell beurteilt, gegen einzelne Krankheiten zu impfen.

In allererster Linie bin ich gegen die Mehrfachimpfung.

In dritter Linie bin ich dafür, individualisiert zu impfen. Welches Alter hat das Kind? Lebt es auf dem Land oder in der Stadt? Soll es auf eine Reise in ein Risikogebiet gehen? Welche Vorerkrankungen und welche Möglichkeiten haben die Eltern? Wozu einen kleinen Jungen gegen Röteln impfen, wenn er keinen Umgang mit Schwangeren hat, für die die Röteln‐Prophylaxe wichtig wäre? Zumal diese Impfung nur etwa zehn Jahre wirksam ist.

Davon auszugehen, dass Masern aussterben werden, wenn man eine Masern‐Impfpflicht einführt, halte ich für ebenso illusorisch, wie es sich als illusorisch erwiesen hat, Tuberkulose oder Polio auszurotten. Beide Krankheiten haben sich in armen Gegenden erhalten, weil schlechte Ernährung und fehlende Fürsorgemöglichkeit für Kinder die Grundlage ihrer Ausbreitung und ihrer schweren Verläufe lieferten. Wenn Impfungen zur Pflicht würden, würden wir eine Weltanschauung zementieren, die die Natur zu unterwerfen versucht. Dieser Versuch hat sich immer wieder als ein Kampf gegen Windmühlen erwiesen. Das Problem der ansteckenden Kinderkrankheiten sind nicht zuletzt die Lebensumstände: Bewegungsarmut, Fertigprodukte und Junkfood verschlechtern messbar die Immunlage. Die Fürsorge für kranke Kinder passt oftmals nicht in den Arbeitsalltag der Eltern hinein.

Stimmen wir zu, dass Impfungen zur Pflicht gemacht werden, stimmen wir zu, dass die Welt, in der wir leben, es Erwachsenen schwermacht, sich um ihre Kinder zu kümmern, wenn sie krank und fürsorgebedürftig sind – geimpfte Kinder bleiben ja meistens kindergartenfähig. Wenn wir also den Schritt machen, eine Impfpflicht einzuführen, wird es noch schwieriger, menschliche, kindgerechte Strukturen in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Hadassa Moscovici ist promovierte Ärztin in Hamburg. Sie diagnostiziert konventionell, behandelt aber überwiegend naturheilkundlich.

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