USA

Bund des Schweigens

Steven Sotloff (1983–2014) Foto: dpa

Bis zum 19. August war Steven Sotloff ein Unbekannter. Kahl geschoren, in einem orangenen Gefangenenanzug, kniend – so lernte die Welt den 31-jährigen Journalisten aus Miami kennen. In einem Video, das die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) zeigt, war im Hintergrund auch Sotloff zu sehen. Sollten die USA ihre Bombenangriffe auf Stellungen des IS nicht stoppen, würde Sotloff das gleiche Schicksal ereilen, wie seinen Kollegen Foley, so die Drohung in dem Video.

Enthauptung Am 2. September wurde dann ein Video veröffentlicht, das Sotloffs Enthauptung zeigt. Im Hintergrund diesmal der Brite David Cathorne Haines. Einen Tag später, nachdem das Weiße Haus die Authentizität des Videos bestätigt hatte, twitterte Paul Hirschson, Sprecher des israelischen Außenministeriums: »Zur Veröffentlichung freigegeben: Steven Sotloff war israelischer Staatsbürger – Ruhe in Frieden.«

In zahlreichen Redaktionen rund um die Welt wusste man von Sotloffs jüdischer Identität – und dennoch ist nichts davon an die Öffentlichkeit gedrungen. Matthew Kalman, ehemaliger Direktor des Jerusalem Report, schrieb in der israelischen Tageszeitung Haaretz, dass diejenigen, die Sotloff gekannt hätten, wussten, dass er Jude war und die israelische Staatsbürgerschaft hatte. »Aber wir haben ein kollektives Schweigegelübde abgelegt, weil wir Angst hatten, dass seine Kidnapper diesen Teil seiner Identität als Grund nutzen könnten, um ihn umzubringen«, so Kalman.

Daher hat eine Gruppe von rund 150 Freunden Sotloffs wochenlang das Internet auf 20 Sprachen durchkämmt, um Spuren von seiner jüdischen Identität zu verwischen. Sämtliche Berichte, die Sotloff für israelische Nachrichtenportale wie den Jerusalem Report oder die Jerusalem Post geschrieben hatte, mussten gelöscht werden. Außerdem galt es, Journalisten davon zu überzeugen, nicht über diesen Aspekt zu berichten. Facebook und Twitter mussten permanent nach verräterischen Kommentaren durchforstet werden. Ein Freund Sotloffs wird in der Times of Israel mit den Worten zitiert: »Die ganze Welt war Teil von unserem Bund des Schweigens.« Doch am Ende, so Kalman, habe auch die selbst auferlegte Zensur nichts gebracht. Ebenso blieb ein bewegendes Video, in dem Sotloffs Mutter den Chef des IS um die Freilassung ihres Sohnes bat, erfolglos.

Syrien Steven Sotloff war im August vergangenen Jahres in Syrien verschwunden. Er hatte die Umbrüche in der arabischen Welt von Anfang an begleitet und aus Libyen, Ägypten und dem Jemen darüber berichtet. Seine Mutter sagt, ihr Sohn sei in den Nahen Osten gereist, um das Leiden von Muslimen unter der Herrschaft von Tyrannen zu dokumentieren. In einer Welt voller Dunkelheit habe er nach dem verborgenen Guten gesucht, beschreibt Barak Barfi, der Sprecher der Familie, Steven Sotloffs Motivation. Er habe dem Leid nicht den Rücken kehren können.

Immer wieder hat der Enkel von Holocaust-Überlebenden in seinen Berichten den einfachen Menschen eine Stimme verliehen. Er hat ihnen zugehört und sie gesehen. Er hat denen eine Stimme gegeben, die vergessen werden, wenn es so viele Tote gibt, dass Namen durch Zahlen und Statistiken ersetzt werden.

Israel Sottloff, der zwischen 2005 und 2008 in Israel gelebt und studiert hat, soll auch während seiner Gefangenschaft noch versucht haben, seinen religiösen Pflichten nachzukommen, wie ein ehemaliger Mitgefangener der Tageszeitung Yedioth Ahronoth erzählt hat. So soll er an Jom Kippur gefastet haben, indem er seinen Kidnappern vorspielte, krank zu sein. Auch soll er aus der Gebetsrichtung der Muslime auf die ungefähre Position Jerusalems geschlossen haben.

In einem seiner letzten Berichte aus Nahost schrieb Sotloff: »Während Syrien immer tiefer im Chaos versinkt, ist Gewalt hier inzwischen alltäglicher als Brot. Und so wird der Preis, den die Menschen in diesem Krieg, der noch lange nicht vorbei ist, zahlen, immer unerträglicher.« Auch Sotloff selbst musste diesen Preis zahlen und ist so zum tragischen Beweis seiner Botschaft geworden.

New York

Jüdischer Vertreter kritisiert Bürgermeister Mamdani für Stadtkarte

Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in den USA hat New York eine Karte zu unterschiedlichen migrantischen Prägungen seiner Stadtteile herausgegeben. Juden wurden dabei offenbar nicht berücksichtigt

 12.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  12.07.2026

Maccabia

Zwischen Medaillen und Menschlichkeit

Für die Schweizer Delegation ist klar, das Spiel ist wichtig, aber neue Freundschaften sind wichtiger

von Nicole Dreyfus  10.07.2026

Niederlande

»Juden ins Gas«-Rufe nach Marokkos WM-Niederlage

In Den Haag kam es in der Nacht zu Ausschreitungen und antisemitischen Sprechchören

 10.07.2026

Einzelbild, Single image: Erling Haaland Norway, 9 FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026: Brazil v Norway 05 July 2026, FIFA World Cup 2026: Brazil v Norway Round of 16 at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA. *** Single image: Erling Haaland, Norway FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, July 5, 2026 FIFA World Cup 2026: Brazil vs. Norway, Round of 16, at New York New Jersey Stadium in East Rutherford, New Jersey, USA Copyright: HMBxMedia/xMarcoxBader

Verschwörungsmythen

Norwegens WM-Star Erling Haaland im Visier von Antisemiten

Samstagabend spielt der Angreifer von Manchester City mit Norwegen gegen England. Die ehemalige Hamas-Geisel Omer Shem Tov wird ihm dabei die Daumen drücken. Israelfeinden gefällt das nicht.

von Elke Wittich  10.07.2026

Brüssel

Autorinnen canceln Auftritt wegen geplantem Konzert von Lahav Shani

Die Kontroverse um den Auftritt der Münchner Philharmoniker unter Leitung ihres israelischen Chefdirigenten hält an: Zwei Französinnen verkündeten nun, dass sie nicht wie geplant im Brüsseler Bozar auftreten wollen

 09.07.2026

USA

Aus dem »Deep Shtetl« zur »New York Times«

Yair Rosenberg soll es richten. Der Journalist schreibt fortan über jüdisches Leben und Antisemitismus in den Vereinigten Staaten

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Nachruf

Louise Lasser, die Frau, die Mary Hartman erfand, ist tot

Die Schauspielerin vertrat Barbra Streisand auf dem Broadway und war mit Woody Allen verheiratet. Sie wurde 87 Jahre alt

 08.07.2026

50 Jahre in Deutschland

»Die Deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt«

Was ist typisch deutsch, was typisch amerikanisch? Holly-Jane Rahlens kennt sich mit beiden Nationen aus. Die Autorin lebt seit mehr als 50 Jahren in Berlin

von Nina Schmedding  08.07.2026