Hilti

Braune Jugendsünden

An den Juni des Jahres 1967 kann sich Heinz Baum im liechtensteinischen Eschen bis heute gut erinnern – trotz seiner bald 94 Jahre. »Mein Bruder Fritz, der inzwischen gestorben ist, suchte in jenen dramatischen Tagen Martin Hilti auf, den Chef der gleichnamigen Werkzeugfirma im benachbarten Schaan.« Er sagte zu ihm: »Jetzt kannst du etwas für uns tun.«

Baum forderte Hilti mit diesen Worten auf, Geld zu spenden für den Staat Israel, der damals im Sechstagekrieg um seine Existenz kämpfte. Hilti willigte ein und gab mit den Worten »Mir gefallen wehrhafte Staaten« tatsächlich eine Spende von rund 15.000 Franken.

Fanatiker Die Bewunderung von Martin Hilti (1915–1997) hatte sich 25 Jahre zuvor auf einen ganz anderen »wehrhaften Staat« bezogen: Seine Liebe galt in den 40er‐Jahren ausschließlich dem nationalsozialistischen Deutschland.

Der bis heute bekannteste Liechtensteiner Unternehmer Martin Hilti, der 1941 gemeinsam mit seinem Bruder Eugen in einer Garage den inzwischen weltweit bekannten Konzern gründete, war in seinen jungen Jahren ein glühender Nazi. Seine Sympathien für Hitler und den NS‐Staat lebte er gleich auf mehreren Ebenen aus.

Intensiv erforscht hat das der österreichische Historiker Franco Ruault in seinem Ende 2016 erschienenen Buch Geschäftsmodell Judenhass: Martin Hilti – »Volksdeutscher« Unternehmer im Fürstentum Liechtenstein 1939–1945 (Verlag Peter Lang, Bern).

Zwar scheint es, dass in dem Zwergstaat, eingeklemmt zwischen Österreich und der Schweiz, viele vor allem ältere Menschen wissen, wes Geistes Kind Martin Hilti in seiner Jugend war. Doch ein öffentliches Thema wurde das bisher kaum.

Dabei – auch dies ist in Ruaults Buch nachzulesen – war selbst offiziellen Stellen im Fürstentum nicht ganz wohl dabei, dass die unheilvolle Rolle Hiltis in den Jahren des Zweiten Weltkrieges mehrheitlich totgeschwiegen wurde. Als man 1956 den 150. Jahrestag der Unabhängigkeit Liechtensteins feierte, sollten »verdienstvolle Persönlichkeiten« mit Ritterkreuzen geehrt werden – ursprünglich auch Martin Hilti.

Doch nach Protesten, dass hier ein Mann ausgezeichnet werden sollte, der während des Zweiten Weltkriegs dafür gekämpft hatte, dass sein Land in »Großdeutschland« aufgehen, also seine Unabhängigkeit verlieren sollte, wollte man die Auszeichnung zurückstufen. Dies führte dazu, dass Martin Hilti seine Teilnahme an der Feier wütend absagte – mit den Worten: »Es gibt nichts auf der Welt, was man nicht einmal begraben kann. Nur Schwache suchen an den Starken Fehler.« Nach Reue hörte sich das nicht an.

Dass Hiltis Konzern mit Nazi‐Deutschland Geschäfte machte, ist dabei nur ein Teil der Geschichte. Die »Unabhängige Historikerkommission Liechtenstein Zweiter Weltkrieg« hat dies bereits vor Jahren erforscht und ein Buch dazu vorgelegt.

Franco Ruault zeigt in seiner Studie noch eine ganz andere Seite des bekannten Liechtensteiner Unternehmers, die zumindest in moralischer Hinsicht vielleicht noch einiges schwerer wiegt. Martin Hilti, der seine Wahlheimat Deutschland trotz seiner Sympathien für Hitler bei Ausbruch des Krieges verlassen musste, war »Schriftleiter« der nationalsozialistischen Zeitschrift »Der Umbruch«. Das Blatt verherrlichte nicht nur den Nazi‐Staat, sondern griff auch direkt die zahlreichen jüdischen Emigranten an, denen es irgendwie gelungen war, aus Deutschland ins neutrale Liechtenstein zu fliehen.

Unter ihnen waren auch die beiden Brüder Fritz und Heinz Baum sowie der aus Heilbronn stammende Flüchtling Paul Wollenberger, der ab 1939 zusammen mit seiner Familie in Liechtenstein lebte. In der Ausgabe des »Umbruch« vom 13. Juni 1942 las man über ihn: »Jud Wollenberger ist ein Parasit und ein Zwietrachtstifter in der Gemeinde. Die Schaaner fordern eindeutig die Ausweisung des Juden Wollenberger.«

Ein Gerichtsprozess, den der so Beleidigte gegen Hilti anstrengte, verlief im Sande. Scharf polemisierte der Schriftführer auch gegen jüdische Emigranten, die sich mit Frauen aus dem Fürstentum trafen. Fast so wie Julius Streichers »Stürmer« äußerte sich auch der »Umbruch« zum Thema »Rassenschande«: »Die Juden werden neuerdings gewarnt, sich an liechtensteinische Mädchen heranzumachen.«

Dem Unternehmer Hilti genügte diese Form von Hetze allerdings noch nicht. So wurde Heinz Baum nach eigener Aussage von Hilti auf der Straße angepöbelt und als »Saujud« beschimpft.

VerSchweigen Der Weltkonzern, der schon 2003 den UN Global Compact unterschrieben hat, der »die Standards in den Bereichen Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Umwelt und Anti‐Korruption festlegt«, tut sich mit den braunen Jugendsünden des Gründers offenbar schwer.

In den Publikationen zum 75. Jahrestag der Firmengründung im Dezember 2016 wird das Verhalten des jungen Martin Hilti nicht thematisiert. Firmensprecherin Jessica Nowak begründet dies damit, dass dieser Teil der Biografie Martin Hiltis mit der »eigentlichen Geschichte des Unternehmens« in keinem direkten Zusammenhang stehen würde: »Wir haben uns deshalb entschieden, die persönliche politische Ori0entierung von Martin Hilti, von der er sich später deutlich distanziert hat, nicht in der Firmenchronik zu beleuchten.«

Zahlreiche Konzerne in Deutschland gehen mit ihrer Geschichte offensiver um. Doch immerhin widerstand das Liechtensteiner Unternehmen der Versuchung, in seiner Abhandlung zur Firmengeschichte unter dem Jahr 1967 zu schreiben: »15.000 Franken an den Staat Israel gespendet«.

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