Tschechien

Böser Streit um Guten Ort

Sein letzter Besuch in Prostejov hat Tomas Jelinek aus der Fassung gebracht: Jetzt hat auch noch jemand das Grabmal von Rabbi Horowitz beschädigt – eine improvisierte Gedenktafel auf dem alten jüdischen Friedhof in dem mährischen Städtchen.

Das ist der jüngste Tiefpunkt eines Streits, in den mittlerweile sogar ein früherer tschechischer Premierminister als Vermittler eingesprungen ist – »dabei wollen wir nur einen Bereich wieder auf den Stadtplan zurückbringen, der von den Nazis zerstört wurde«, sagt Tomas Jelinek. Der frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Prag ist Repräsentant der amerikanisch-jüdischen Stiftung Kolel Damesek Eliezer, die einen zerstörten Friedhof wiederherstellen will und damit eine Welle des Unmuts ausgelöst hat.

Plattenbau-siedlung Die Stadt Prostejov, gut 200 Kilometer östlich von Prag gelegen, hat zwar nur 45.000 Einwohner, war aber bis zur Schoa die Heimat einer der größten jüdischen Gemeinden des Landes. Fast 2000 Gräber umfasste der alte Friedhof, auf dem seit 1908 keine Beerdigungen mehr stattfanden; während der Nazi-Zeit wurde er zerstört. Das Areal liegt heute mitten in einer Plattenbausiedlung – und genau da beginnt der Streit, in dem es laut Beobachtern zu den schlimmsten antisemitischen Auswüchsen des Landes nach der politischen Wende 1990 gekommen ist.

Prostejovs Bürgermeisterin Alena Raskova gehört zu den Gegnern der Pläne, den Friedhof wiederherzustellen. »Das Problem ist, dass da heute ein Park liegt, der in jede Richtung offen begehbar ist und über den die Fluchtwege einer benachbarten Schule führen«, sagt sie. Und: »Eine große Mehrheit in unserer Stadt will den Platz so bewahren, wie er ist – immerhin liegt er mitten in einem Wohngebiet.« Zwischen den Gegnern und den Befürwortern der Friedhofswiederherstellung ist es wegen der unvereinbaren Positionen zum Streit gekommen, der immer weiter eskaliert. Im Kern steht die Frage, wie man beides miteinander in Einklang bringen kann: den angemessenen Umgang mit dem Unrecht der Vergangenheit und die Bedürfnisse einer lebendigen Stadt der Gegenwart.

Tatsache ist: Die Stadt Prostejov ist stark gewachsen, und die Stadtentwicklung hat in kommunistischer Zeit das Gelände des früheren jüdischen Friedhofs komplett verschlungen. Wohnhäuser sind hier entstanden, eine Schule mit Sporthalle – und eben den Zuwegen, die über die jüdischen Gräber führen. Hier einen Gedenkort einzurichten, mitten in einer Siedlung, stößt vielen Nachbarn übel auf.

Stiftung Andererseits: Dass sich da, wo Menschen begraben liegen, heute ein Parkplatz befindet und direkt daneben eine Grünfläche, auf der die Anwohner ihre Hunde Gassi führen, ist für die Föderation der jüdischen Gemeinden in Tschechien inakzeptabel. Sie ist deshalb Initiatorin der Pläne, deren Umsetzung von der amerikanischen Stiftung bezahlt werden soll.

Das alte Unrecht ist in Prostejov auf viele Orte verteilt: Aus den jüdischen Grabsteinen bauten die Einwohner im Zweiten Weltkrieg Abwassergräben, sie pflasterten damit ihre Höfe oder mauerten Keller. Als die Föderation der jüdischen Gemeinden ihre Idee vorstellte, den Friedhof wiederherzustellen, boten gleich einige Anwohner ihre Hilfe an. »Es meldete sich ein Mann und sagte, er habe ein Stück eines jüdischen Grabsteins in seinem Garten, nun wolle er den Stein spenden«, sagt Tomas Jelinek. »Wir haben den Stein gereinigt und darauf Reste einer Inschrift gefunden. So konnten wir genau feststellen, um wessen Grabstein es sich handelt – und wir haben einen direkten Nachfahren in den USA ausfindig gemacht.«

Solche Erfolgsnachrichten kurbelten eine Welle der Unterstützung in Prostejov an, immer mehr alte Grabsteine trieben Jelinek und seine Mitstreiter auf. Ein Architekt entwarf schließlich den Plan, wie der alte Friedhof wiederhergestellt werden könnte: Eine Hecke soll um den Friedhof gepflanzt werden, die nur einen einzigen Eingang lässt und ihn damit unpassierbar macht für diejenigen, die ihn nur durchqueren wollen.

Der Zugang zur Schule und die Notausgänge sollten auf einem anderen Weg geführt werden – das sei mit der Feuerwehr alles abgesprochen, sagt Tomas Jelinek. Bürgermeisterin Alena Raskova widerspricht: »Wir haben uns mit dem Architekten ursprünglich überlegt, die bestehenden Gehwege zu erhalten, nur um 20 Zentimeter erhöht, damit man nicht über Gräber läuft. Aber der aktuelle Vorschlag ist für uns komplett inakzeptabel – da kamen wir an den Punkt, an dem weitere Absprachen nicht möglich waren.«

Konfliktparteien An dieser Stelle soll jetzt Tschechiens früherer Premierminister Vladimir Spidla helfen. Er ist als Mediator eingeschaltet und war auch schon mit den Konfliktparteien vor Ort im Gespräch. Wie eine Lösung aussehen kann, bleibt vorerst unklar. Über die Gespräche haben alle Seiten Stillschweigen vereinbart.

Fest steht allerdings schon jetzt, dass die Atmosphäre denkbar aufgeheizt ist. Einige Bürger haben eine Petition gegen die jüdische Initiative gestartet. Immer wieder habe es antisemitische Beschimpfungen gegeben, klagt Tomas Jelinek. Er zieht einen Ordner heraus, in dem er Briefe und Flugblätter gesammelt hat, immer wieder auch Kommentare aus der Lokalzeitung, die von »jüdischer Schande« schreibt und von der »für ihre berechnende Art bekannten Volksgruppe«.

Die Unterstützer des Friedhofsprojekts jedenfalls würden vielfach offen angefeindet, und auch das zerstörte Denkmal für Rabbi Horowitz belege die feindselige Stimmung. »Ich glaube nicht, dass die meisten Leute in Prostejov Antisemiten sind, überhaupt nicht«, sagt Jelinek. »Aber die Häufung dieser antisemitischen Äußerungen an einem einzigen Ort ist für Tschechien, wo man sonst der jüdischen Bevölkerung gegenüber sehr entgegenkommend ist, außerordentlich hoch.«

Eines immerhin ist inzwischen erreicht: Der einstige Friedhof ist gerade zum Kulturdenkmal erklärt worden – auch wenn darauf bislang nur ein Parkplatz steht.

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