Konferenz

Blick nach vorn

Welche Themen werden das jüdische Leben in Europa in den kommenden Jahren bewegen? Auf dem »Fifth Summit of European Jewish Leaders« Anfang der Woche in Berlin diskutierten Teilnehmer aus aller Welt drei Tage lang aktuelle Herausforderungen und wagten Prognosen für die Zukunft.

In einer der Diskussionen ging man der Frage nach: »Warum ist gerade die ›Geschlechterfrage‹ zentral für die jüdische Gemeinschaft?« Eine der sechs Gesprächspartnerinnen zu diesem Thema, Laura Cazés, Leiterin für Kommunikation und Digitalisierung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), hatte bereits im Vorfeld klargestellt: »Das Fragezeichen im Titel kann und soll im Laufe des Summit nicht aufgelöst werden.«

gesprächsräume Vor dem Hintergrund »der Repressionserfahrungen als Glaubensminderheit« müssten Gesprächsräume geschaffen werden, »in denen das jüdische Erbe mit Geschlechterfragen zusammen gedacht werden kann«. Man dürfe sich der Auseinandersetzung nicht entziehen.

Geschlechterfragen sind längst durch die Jugend in die Gemeinden hineingetragen worden.

Dass »Geschlechterfragen« längst durch die Jugend in die Gemeinden getragen werden, wurde bereits bei der Eröffnungsveranstaltung deutlich, bei der neben ZWST-Präsident Abraham Lehrer unter anderem auch ZWST Youth Präsidentin Joelle Abaew sprach. Sie betonte, dass sie die Repräsentantin einer Generation sei, die mit Traditionen aufgewachsen ist, doch gleichzeitig einen großen Wert auf Inklusion legt: »Wir sind stolz darauf, an der Seite (…) aller Juden auf der ganzen Welt zu stehen, aber wir streben danach, dies demokratisch, loyal, gerecht und gleichberechtigt zu tun – unabhängig vom Geschlecht.«

HERAUSFORDERUNGEN Ausgerichtet wurde die Berliner Konferenz unter anderem vom European Council of Jewish Communities (ECJC) und dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) in Zusammenarbeit mit der ZWST. Anliegen ist, die jüdischen Gemeinden weltweit vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen zu vernetzen.

Ein erstes Gipfeltreffen dieser Art fand bereits 2015 in Barcelona statt. Seither hat es ähnliche Zusammenkünfte in verschiedenen europäischen Großstädten gegeben. Durch die Corona-Pandemie erfuhr die Organisation einen »Digitalisierungsschub«, sodass künftige Gipfeltreffen vollständig digital verfolgt werden können. Getreu dem Gründungsgedanken des Summit wandten sich die Vorträge auch in diesem Jahr der Zukunft zu und verfolgten den Leitgedanken »We are all Leaders, in Many Ways«.

ECJC-Chef Michael Blake und Rabbiner Jeremy Borovitz, Director of Jewish Life and Learning bei Hillel Deutschland, eröffneten den Summit, offiziell wie spirituell. Mit 400 Teilnehmern war es das bisher größte Treffen seiner Art. Unter den Erfahrungen pandemischer Restriktionen, aber auch den Zäsuren des Ukraine-Kriegs sowie des Aufstiegs der extremen Rechten sollte das Gipfeltreffen eine Plattform der Begegnung und des Austauschs bieten.

Nicht zuletzt durch den Wechsel von Vorträgen und »Community Conversations« wurde das Summit zu einem vielseitigen Aushandlungsprozess: Es ging um grüne und digitale Transformation, um Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit, wiederaufflammende Kriege und andauernde Friedenskämpfe in Europa.

THEMENPALETTE Den Austausch machte nicht nur die breite Palette an Themen divers, sondern vor allem die Vielzahl der aus ganz Europa, den USA, Israel sowie aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion angereisten Teilnehmer.

Nach den Grußworten der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sowie des israelischen Diaspora-Ministers Amichai Chikli machte der Grünenpolitiker und Abgeordnete des Europa-Parlaments, Sergey Lagodinsky, den Aufschlag. Sein Vortrag unterstrich die zentrale Rolle jüdischer Solidarität in den gegenwärtigen Migrations- und Flüchtlingsbewegungen.

Der israelische Zukunftsforscher David Passig hielt einen Vortrag darüber, wie Israel sowie das europäische und das Judentum weltweit im Jahr 2050 aussehen würden, und erörterte, wie aus gegenwärtigen, methodischen Schwachstellen der Zukunftsforschung gelernt werden kann. Um künftige Entwicklungen des jüdischen Staates zuverlässig vorhersagen zu können, müsse man die Verflechtung des europäischen Judentums mit den jüdischen Communitys weltweit auf Grundlage sogenannter Mega-Trends auf den Ebenen von Demografie oder Religion berücksichtigen, so Passig.

Wie können mehr junge und weibliche Personen in Führungspositionen gelangen?

In den anschließenden »Community Conversations« loteten die Teilnehmer die Themenschwerpunkte Digitalisierung, Bildung, Ex- und Inklusionsmechanismen aus. Dabei ergaben sich vielfach Schnittmengen mit den Fragen, die Laura Cazés in ihrem Vortrag zu »Gender Issues« aufgeworfen hatte: Wie sollen und dürfen traditionelle Texte gelesen werden? Welcher Sprachgebrauch vermag es, die wachsende Verschiedenheit der Erfahrungswelten der Generationen Y und Z zu überwinden? Und wie kann es gelingen, mehr junge, mehr weibliche und auch intergeschlechtliche Personen in Führungspositionen zu bringen?

LEBENSRÄUME Einige Referenten sind durch ihre Biografien und ihr Wirken selbst Vorbilder dafür, wie bunt jüdische Lebensräume gestaltet werden können. Einige berichteten von Erfahrungen geschlechtlicher Ungleichbehandlung. Mit Feingefühl und Deutlichkeit entlarvten sie nicht nur gängige Vorbehalte und Ausreden wie: »Die Orthodoxie ist das Problem« oder »Wir sind anderen religiösen Gemeinschaften voraus«, sondern formulierten zugleich ambitionierte Aufträge wie Autonomie, Handlungsfähigkeit und Gemeindeaufbau.

Bestehende Hürden sollten als Herausforderung gesehen werden, sagte eine der Referentinnen und wagte einen hoffnungsvollen Ausblick: »In Zukunft wird die Vielfalt jüdischer Kultur die Geschlechtergerechtigkeit beflügeln.«

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  23.09.2026

Buenos Aires

Argentinien: Richter ordnet Prozess wegen Terroranschlags von 1994 an

Über 32 Jahre ist es her, dass Terroristen einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübten. 85 Menschen wurden ermordet. Nun entschied ein Richter, den Prozess gegen die Verdächtigen zu eröffnen

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026