Schweiz

Banken, Deal, Gerechtigkeit

Finanzzentrum Schweiz: die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse am Züricher Paradeplatz Foto: imago stock&people

In der Schweiz ist man es gewohnt, friedlich und neutral vor sich hinzuleben. Doch Mitte der 90er-Jahre trieben zwei harmlos klingende Wörter das Land in eine aufgeregte und hektische Debatte: »nachrichtenlose Vermögen«. Der Streit führte dazu, dass sich das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schweizern massiv verschlechterte – über Jahre hinweg.

Was war geschehen? Gerüchte darüber, dass auf den Konten diskreter Schweizer Großbanken seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jüdisches Vermögen liege, sogenannte nachrichtenlose Gelder, hatten sich über Jahrzehnte hartnäckig gehalten. Ebenso Geschichten über Nachkommen von Schoa-Opfern, die von ihren Eltern oder Großeltern mündliche Berichte über Konten bei Schweizer Banken hatten, aber keine Dokumente besaßen, um dies beweisen zu können.

Immer wieder hörte man, dass so manche Bank abweisend reagierte und neben anderen Dokumenten auch einen Totenschein der Verstorbenen verlangte, was die Nachfahren der Gewalt­opfer der Nazis als besonders gedankenlos und unmenschlich empfanden.

Konten Jahrelang schien die Frage nach den verbliebenen jüdischen Vermögen allenfalls die direkt Betroffenen zu interessieren. 1959 beziffert die Schweizer Bankier-Vereinigung den Betrag, der auf nachrichtenlosen Konten schlummert, auf weniger als eine Millionen Franken – doch niemand reagiert auf diese unglaublich niedrig anmutende Zahl.

Doch 1995 kommt auf einmal Bewegung in die Sache. Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs auf einmal auch Dokumente aus Ländern im Osten auftauchen, die belegen, dass jüdisches Geld auf diversen Schweizer Konten liegt.

Dann publiziert das renommierte »Wall Street Journal« einen längeren Artikel zu diesem Thema. Zur gleichen Zeit trifft der damalige Unterstaatssekretär für Handelsfragen der Clinton-Administration, Stuart Eizenstat, heute Sonderunterhändler der Jewish Claims Conference, in Basel einige Vertreter Schweizer Banken. Ihm gegenüber geben sie zu, dass nachrichtenlose Konten existieren – mit einem Gesamtwert von 30 Millionen Franken.

Nun stehen die Schweizer Banken im Fokus und sitzen bald auch auf der Anklagebank – und mit ihnen das ganze Land samt seiner Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkriegs.

Das hat auch mit den Protagonisten auf jüdischer Seite zu tun: Es sind dies der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Edgar Bronfman, sowie WJC-Generalsekretär Rabbi Israel Singer und der neue Präsident der Jewish Agency, Avraham Burg. Sie alle drängen die Schweiz in eine Abwehrhaltung, aus der das Land nur schwer wieder herauskommt.

Dokumente Spätestens als der Wachmann Christoph Meili Anfang 1997 bei einem Kontrollgang im Keller einer Schweizer Großbank, wo er seinen Dienst versieht, Dokumente entdeckt, die möglicherweise vernichtet werden sollten, gehen die Wogen hoch. Dies auch, weil Meili, der Inbegriff helvetischer Korrektheit, die Dokumente der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) übergibt, was viele im Land als eine Art Hochverrat ansehen.

Wie wichtig diese Dokumente in der ganzen Sache sind, wird nie restlos geklärt werden, doch sie haben auch innenpolitische Auswirkungen: In jenen Monaten profitiert nicht zuletzt die Schweizer Volkspartei (SVP) mit ihrem Chef Christoph Blocher von der Stimmung im Land.

Die Schweizer, die sich bis jetzt fast reflexartig hinter das Verhalten der Banken gestellt haben, fühlen sich ungerecht behandelt, auch von jüdischer Seite. Vor allem aber von den USA, die, so wird immer wieder gesagt, zwischen 1939 und 1945 prozentual viel weniger Flüchtlinge aufgenommen hätten als die von Feindesländern umgebene neutrale Schweiz.

Christoph Blocher soll in jenen aufregenden Wochen einmal vor seinen Anhängern gesagt haben: »Den Juden geht es nur ums Geld.« Noch Jahre später wird er diese Aussage bestreiten. Aber sie bleibt hängen.

gemeinde Die Schweizer Juden sind bei diesem Streit mittendrin. Mit dem damaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), dem Schokoladefabrikanten Rolf Bloch, versuchen sie, die Wogen zu glätten, die die amerikanischen und israelischen Forderungen in der Schweiz aufgewühlt haben. Und gleichzeitig möchten sie den Nachfahren der Opfer mit ihrer Forderung gerecht werden.

»Gerechtigkeit für die Juden, Fairness für die Schweiz« ist das Motto des SIG, das teilweise auch Gehör findet. Als alles vorbei ist, wird Rolf Bloch von der Bevölkerung des Alpenlandes einmal sogar zum »Schweizer des Jahres« gewählt.

Der Streit um die nachrichtenlosen Vermögen, der schließlich in eine Diskussion über die Rolle des neutralen Landes im Zweiten Weltkrieg mündet, endet in den frühen Morgenstunden des 12. August 1998. In einem New Yorker Restaurant einigen sich die Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse mit jüdischen Organisationen und amerikanischen Sammelklägern auf einen Vergleich in Höhe von 1,25 Milliarden Franken.

»Es war ein Deal der Vernunft«, sagt Pierre Weill, langjähriger Journalist und Autor des Buches Der Milliarden-Deal. Wie sich die Schweiz freikaufte (Basel 1999). Keine Seite hätte es sich leisten können, den Streit noch weiter fortzusetzen, so Weill, denn sonst hätten alle Schaden genommen.

Historikerkommission 20 Jahre später wird die Rolle der Schweiz in jenen kritischen Jahren vor allem aus historischer Sicht betrachtet. Das Land setzt eine Kommission ein, die kritisch unter die Lupe nimmt, was die Schweiz zwischen 1939 und über 1945 hinaus tat – oder auch unterließ. »Doch die Ergebnisse dieser Historikerkommission wurden kaum zur Kenntnis genommen – eine verpasste Chance«, findet Weill.

Immerhin will nun die Organisation der Auslandsschweizer ein Zeichen setzen: Auf ihrer Jahreskonferenz forderte sie kürzlich von der Schweizer Regierung eine Gedenkstätte für die rund 1000 Schweizer, die von den Nazis in Konzen­trationslager gebracht wurden. 200 von ihnen wurden ermordet. Eine Reaktion auf den Vorschlag steht noch aus.

Eva Erben

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