Gesellschaft

Autorin Honigmann kritisiert Bild des Judentums in Europa

Barbara Honigmann Foto: picture alliance / Presse- und Wirtschaftsdienst

Die deutsch-jüdische Schriftstellerin Barbara Honigmann (75) kritisiert die Wahrnehmung des Judentums. »Judentum ist in Europa nur noch das, was Nichtjuden sich darunter vorstellen - in einer Mischung aus Unkenntnis, Missverständnis und Klischee«, sagte sie am Mittwochabend in Aachen. Sie führte dies darauf zurück, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg kein Interesse an den Zeugnissen von Holocaust-Opfern gegeben habe. Die Abweisung der Opfererzählungen nach Kriegsende sei aus allen Schichten und von allen Parteien gekommen.

Die Autorin las bei einer Veranstaltung im Aachener Dom aus ihrem Buch »Das Gesicht wiederfinden«, in dem es um jüdisches Leben in Europa in Geschichte und Gegenwart geht. Honigmann, 1949 als Kind jüdischer Remigranten in Ostberlin geboren, arbeitete in den 1970er Jahren als Dramaturgin und Regisseurin in Berlin. 1984 zog sie mit ihrer Familie nach Straßburg. Seit 1986 publiziert sie Prosa, Romane und Essays.

Anne Frank überlagerte andere Zeugnisse

Honigmann hat in Deutschland das Tagebuch der Jüdin Etty Hillesum bekannt gemacht, das diese 1941 und 1942 in den besetzten Niederlanden geführt hat. Auszüge daraus waren erst 1981 publiziert worden, fanden aber lange Zeit im deutschsprachigen Raum keine größere Resonanz. 2022 erschien dann eine umfassende Ausgabe der Texte der in Auschwitz ermordeten Hillesum.

Honigmann sagte, das Editionsschicksal von Hillesums Tagebuch gleiche dem Schicksal vieler Werke aus dem Exil, deren historische Bedeutung erst in letzter Zeit erkannt werde. »Die Ignorierung jüdischer Autoren setzt sich zum Teil bis in die Gegenwart fort«, kritisierte sie. Zugleich räumte sie aber ein, dass das bekannte Tagebuch der Anne Frank einen Schatten auf alle anderen derartigen Zeugnisse aus dieser Zeit geworfen habe.

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026

Großbritannien

Einstufung von Palestine Action als Terrorgruppe ist rechtens

Ein Berufungsgericht in London hat der Regierung von Premier Keir Starmer Recht gegeben und das Verbot der militant antiisraelischen Gruppierung bestätigt

 15.06.2026