Schweiz

Auf Winter folgt Lewin

Neuer SIG-Präsident Ralph Lewin Foto: SIG

Schweiz

Auf Winter folgt Lewin

Mit knapper Mehrheit wählte der Israelitische Gemeindebund einen neuen Präsidenten

von Eugen El  22.10.2020 12:04 Uhr

Es ist ein absolutes Novum: Erstmals in der 116-jährigen Geschichte des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) traten zwei Kandidaten zur Präsidentenwahl an.

Bei der am vergangenen Sonntag in Bern abgehaltenen Delegiertenversammlung setzte sich der Basler Nationalökonom Ralph Lewin mit einer knappen Mehrheit von 45 zu 40 gültigen Stimmen gegen Ralph Friedländer, Präsident der Jüdischen Gemeinde Bern, durch.

VIZE Friedländer wurde anschließend zum SIG-Vizepräsidenten gewählt. Vor der Delegiertenversammlung schätzte Friedländer im Gespräch mit dem Schweizer Magazin »tachles« seine Chancen auf das Präsidentenamt noch als gut ein. Auf Antrag eines Delegierten fand die Präsidentenwahl geheim statt.

Während der um mehrere Stunden verkürzten Versammlung wurde auf Anti-Corona-Vorkehrungen wie etwa das Tragen von Schutzmasken geachtet. Wegen der Verschärfung der Corona-Lage konnten die meisten Delegierten aus der Genfer Gemeinde nicht anreisen. Ihre postalische oder elektronische Beteiligung an der Abstimmung lehnte die SIG-Geschäftsleitung im Vorfeld der Delegiertenversammlung ab. Es ist nicht klar, welchen Einfluss dies auf das Wahlergebnis hatte.

VORGÄNGER Als SIG-Präsident folgt Ralph Lewin auf den Rechtsanwalt Herbert Winter, der nach zwölf Jahren im Amt mit langem Applaus verabschiedet wurde. In seiner neuen Funktion ist Lewin ein Quereinsteiger. In der Israelitischen Gemeinde Basel hat der 67-Jährige keine Ämter bekleidet.

Bekanntheit erlangte Ralph Lewin vor allem als Politiker der Sozialdemokratischen Partei (SP). Von 1997 bis 2008 gehörte er als Vorsteher des Wirtschafts- und Sozialdepartements der Regierung des Kantons Basel-Stadt an. Zuletzt engagierte er sich in Verwaltungsräten und Verbänden. Lewin leitet den Tarifverbund Nordwestschweiz und sitzt im Bankrat der Basler Kantonalbank. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

KRISENMANAGER Ein Delegierter bezeichnet den neuen SIG-Präsidenten im Telefongespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen« als »geborenen Krisenmanager«. In seinen Regierungsämtern sei er erfolgreich gewesen. Lewin tritt eher zurückhaltend auf. Er gilt als ein ausgleichender Charakter, der sich gut in Sachthemen einarbeiten kann.

Dass Lewin Mitglied im Patronatskomitee der Schweizer Sektion des New Israel Fund – einer unter traditionellen und orthodoxen Juden als sehr links geltenden Organisation – ist, sorgte während der Delegiertenversammlung für Gesprächsstoff, erwies sich aber nicht als wahlentscheidend.

ZWEISTAATENLÖSUNG Ein Delegierter befragte Lewin zu seiner Rolle beim New Israel Fund und seiner Haltung zum jüdischen Staat. Ralph Lewin bekannte sich zu Israel. Im Konflikt mit den Palästinensern sei er für die Zweistaatenlösung. Lewin beteuerte zudem, er habe sich bereits als Student gegen linken Antizionismus eingesetzt.

Seine vierjährige Amtszeit als SIG-Präsident trat Lewin gleich am Sonntag an. Er bedankte sich für das Vertrauen der Delegierten und sagte, er werde ein Präsident für alle sein. Zugleich reichte er dem unterlegenen Kandidaten Ralph Friedländer die Hand zur Zusammenarbeit.

PROGRAMMATIK Zu seiner Programmatik äußerte sich Lewin nur knapp. Er sagte: »Die Außenwahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft muss weiter gestärkt werden, das will ich engagiert angehen.« Der SIG werde auch die Bedürfnisse der Gemeinden in den Blick nehmen und berücksichtigen.

Es wird erwartet, dass der neue Präsident erst in einigen Monaten mit einer ausführlichen Programmatik in die Öffentlichkeit tritt. Leicht sind die Zeiten nicht, in denen er sein Amt antritt: Laut Beschluss des Schweizer Bundesrats gilt ab Montag in allen öffentlich zugänglichen Innenräumen, also auch in den Schweizer Synagogen, eine generelle Maskenpflicht.

Berlin

Daniel Libeskind warnt vor Judenhass und AfD-Erfolgen

In einem Interview kritisiert der Architekt die israelische Regierung und äußert Sorgen in Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD in der Bundesrepublik. Auch spricht er über jüdische Identität

 08.05.2026

Comedy-Legende

Don Rickles: Meister der Beleidigungen

Heute wäre der große Stand-Up-Comedian 100 Jahre alt geworden. Seine Spezialität: Er zog sein Publikum durch den Kakao

von Imanuel Marcus  08.05.2026

Prag

Jüdischer Protest gegen Kanye-West-Konzert

Der US-Rapper Kanye West ist wegen wiederholter Äußerungen zu Hitler und der NS-Zeit höchst umstritten. In Prag formiert sich nun Widerstand gegen ein geplantes Konzert - insbesondere von jüdischer Seite

 07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

80 Jahre

Was unsere Leser sagen

Die Jüdische Allgemeine hat auch im Ausland Fans. Um unsere Leser besser kennenzulernen, haben wir unter anderem in Finnland, Malta, der Schweiz, Spanien, Israel und in den USA nachgefragt

 07.05.2026

Kanada

Festnahme nach Schüssen auf Synagogen im Raum Toronto

Eine Aufklärung der Anschläge auf die Synagogen Beth Avraham Yoseph und Shaarei-Shomayim-Synagoge könnte damit näher gerückt sein

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Brit Mila

»Belgien wird nun in der ganzen Welt als antisemitisch gelten«

Die geplante Anklage von zwei jüdischen Beschneidern führt wieder zu schweren politischen Verwerfungen: Israels Außenminister Gideon Sa’ar und US-Botschafter Bill White sprechen von einem »Schandfleck«

von Michael Thaidigsmann  06.05.2026

Großbritannien

Geschworene sprechen »Palestine Action«-Aktivisten schuldig

Die Mitglieder der mittlerweile als terroristisch eingestuften Organisation hatten eine Niederlassung des israelischen Konzerns Elbit Systems in Bristol verwüstet und eine Polizistin schwer verletzt

 06.05.2026