Frankreich

Auf Tour durchs Departement

Ein »spiritueller und religiöser Führer für die Gemeinden und der Juden« werde gesucht, hieß es in der Stellenausschreibung, und Verbandsdirektor Jean-Paul Kling forderte seine Kollegen im zuständigen Rabbinerrat auf, einen Mann mit »Charisma, Autorität und von einem beeindruckenden Anblick« auszuwählen, denn immerhin handele es sich bei dem Oberrabbiner des Departements Bas-Rhin in Straßburg um einen der wichtigsten Posten für das Judentum in Frankreich, repräsentiert er doch das Land auch in der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER).

Auf die Stellenausschreibung bewarben sich elf Kandidaten, nur drei kamen überhaupt in die engere Wahl, durchgesetzt hat sich letztlich der jüngste: Harold Avraham Weill wurde am 14. Mai dieses Jahres zum Nachfolger von René Gutman bestimmt, der das Amt nach 30 Jahren abgibt.

Es war sicher kein Nachteil für den 34-Jährigen, dass sein Vater Elsässer ist und er in seiner Kindheit in der Synagoge des Straßburger Vorortes Bischheim von Rabbi Lederer in die Liturgie eingeführt wurde. Die Schulzeit absolvierte Weill an der jüdischen Schule »Aquiba«, die 1948 gegründet wurde, um die Gemeinde in Straßburg nach der Schoa wieder aufleben zu lassen. Zum Studium ging Harold Weill nach Israel, lernte zunächst an der Jeschiwa Shaalvim, wechselte dann im Alter von 21 Jahren an ein Rabbinerseminar. »Ich wollte noch weitere Felder der Tora entdecken, indem ich mich in den Dienst der Gemeinde stelle«, begründet er seinen Schritt.

Schabbatfeiern Der zielbewusste Parcours hatte nicht nur den siebenköpfigen Rat der Rabbiner beeindruckt, sondern ebenfalls etliche Gemeindemitglieder. Denn zum ersten Mal mussten sich die drei Kandidaten auf einer Tour durch das Departement auf Schabbatfeiern den Gemeindemitgliedern vorstellen. Als sie sich dann schließlich am 21. April in der Großen Synagoge von Straßburg präsentierten, fanden sich allerdings nur wenige Interessierte ein – ein Hinweis darauf, welche Aufgabe den neuen Oberrabbiner erwartet: Er muss neben aller Politik auch das Interesse für das religiöse und spirituelle Leben in einer jüdischen Gemeinde wecken, die René Gutman zufolge »eine sehr intellektuelle Mentalität« hat.

Das ist ihm zuvor in Toulouse gelungen, wo Harold Weill 2010 im Alter von nur 27 Jahren Rabbiner wurde: »Ich bin immer noch glücklich, dass ich dort daran arbeiten konnte, das Vertrauen der Gemeinde in sich selbst zu stärken«, fasste er kürzlich gegenüber der franko-israelischen Wochenzeitung HaGuesher seine Amtszeit zusammen. »Heute ist die Gemeinde von Toulouse trotz aller Schwierigkeiten lebendiger als jemals zuvor.«

Trotz aller Schwierigkeiten – Harold Weill war an dem Tag, als Toulouse den schwersten Moment seiner jüngeren Geschichte erlebte, vor Ort. Am 19. März 2012 drang der 23-jährige Mohammed Merah in die jüdische Mittelschule Ozar Hatorah ein und erschoss den Rabbiner Jonathan Sandler und drei Schulkinder. »Das war der längste Tag meines Lebens, jede Sekunde ist in meinem Gedächtnis eingraviert«, sagt Harold Weill noch heute.

Seither hat sich das Stadtbild zunächst in Toulouse, dann in ganz Frankreich verändert: Schwerbewaffnete Soldaten patroullieren regelmäßig durch die Innenstädte. »Man hatte plötzlich den Eindruck, man lebte auf einem anderen Planeten«, erinnert er sich. »Einige Gemeindemitglieder sind nach Israel oder Paris gegangen. Sie gaben vor, es sei nun unmöglich, noch Kippa zu tragen. Doch in Wirklichkeit sind die wenigsten Juden religiös. Deshalb tragen sie keine äußerlichen Zeichen ihrer Religion.« Weder zuvor noch danach habe der Rabbiner in Toulouse Anzeichen einer ausgesprochen antisemitischen Stimmung ausmachen können, und er wirbt dafür, sich nicht selbst zu verleugnen.

Geschick In Straßburg erwartet den neuen Oberrabbiner eine Gemeinde mit rund 20.000 zumindest nominellen Mitgliedern, die konfessionell – wenn auch mehrheitlich aschkenasisch geprägt – sehr aufgefächert sind. René Gutman, sein Vorgänger, gemahnt ihn auch daran, dass diese Position zudem ein hohes diplomatisches Geschick erfordere im Umgang mit, wie er sich ausdrückt, »der laizistischen Moderne und vis-à-vis dem Islam«.

Am 1. September wird Harold Avraham Weill die sicher nicht immer ganz einfache Arbeit in seiner Heimatstadt am Oberrhein aufnehmen.

Karin Prien

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